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„Bin nicht sehr beliebt“: Neuer Bauernhof spaltet kleinen Ort nahe München

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Von: Josef Ametsbichler

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„Es muss was vorangehen“, sagt Peter Bürgmayr (56), der seine alte Hofstelle in Schalldorf (Gemeinde Emmering) aufgeben will. Im Hintergrund das alte Bauernhaus, davor sein Heuwender. Stattdessen plant er einen Öko- und Erlebnishof auf der grünen Wiese – und zieht den Unmut seiner Nachbarn auf sich.
„Es muss was vorangehen“, sagt Peter Bürgmayr (56), der seine alte Hofstelle in Schalldorf (Gemeinde Emmering) aufgeben will. Im Hintergrund das alte Bauernhaus, davor sein Heuwender. Stattdessen plant er einen Öko- und Erlebnishof auf der grünen Wiese – und zieht den Unmut seiner Nachbarn auf sich. © Stefan Roßmann

Ein neuer Bauernhof auf der grünen Wiese – dieses Vorhaben in Schalldorf bei Emmering erzeugt vor allem Widerstand: Die Flächenversiegelung, die es bräuchte, hat den Gemeinderat dagegen aufgewiegelt. Landwirt Peter Bürgmayr will den Bau dennoch durchziehen – und rechtfertigt sich.

Schalldorf – Mit eingezogenem Kopf und ausgestrecktem Finger zählt Peter Bürgmayr die Stahlrahmen in seinem alten Kälberstall, jeder für ein Tier gedacht. „… zehn, elf, zwölf“, endet er nach genauso vielen Schritten. Bis auf die Spinnweben ist der keine vier Meter tiefe Raum, in dem der Hüne mit dem langen Wellenhaar kaum aufrecht stehen kann, seit Jahren leer. „In die Ställe, die ich habe, tue ich keine Viecher“, sagt er. „Das geht gar nicht.“

Was der Schalldorfer stattdessen vorhat, geht ebenfalls gar nicht, zumindest, wenn es nach dem örtlichen Gemeinderat in Emmering geht. Einstimmig schmetterte dieser in jüngster Sitzung Bürgmayrs Bauantrag ab, der sich auf der Tagesordnung liest, wie folgt: „Bau eines Austragshofes mit Betriebsleiter- und Ferienhaus, Maschinen- und Bergehalle, Öko-Mutterkuh- und Hühnerstall sowie Kotlager und Garage mit zusätzlicher Photovoltaik-Anlage“. Will heißen: Bürgmayr will raus aus seiner derzeit nicht zur Tierhaltung genutzten, sichtlich in die Jahre gekommenen Hofstelle im Ort und einen neuen Bauernhof bauen, auf der grünen Wiese.

Landwirtschaft und Privilegierung: Ein Spannungsfeld vielerorts auf dem Land

Damit, und das weiß er, begibt er sich in ein Spannungsfeld, über das sich die Gemeinderäte und die Stammtische landauf, landab seit Jahren heiserdiskutieren: Was sollen Bauern dürfen und wie weit darf Privilegierung gehen? Denn auf die Zustimmung des Gemeinderats ist der Schalldorfer Landwirt gar nicht angewiesen. Wenn die Gemeinde nicht gute Gründe anführt, ist das Versagen der Genehmigung eines privilegierten Vorhabens rechtswidrig. „Bei rechtswidrigem Versagen müsste das Landratsamt das Einvernehmen rechtsaufsichtlich ersetzen“, schreibt die Kreisbehörde auf Anfrage.

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Peter Bürgmayr ist die gut 200 Meter von seiner Hofstelle zum Ortsrand spaziert. Von den Betonplatten des Gemeindesträßchens aus, die dort in der Wiese endet, deutet er in Richtung eines Maisfelds. Davor, auf seinem Grundstück, wo er seinen Bauernhof plant, picken und scharren jetzt noch die Hühner des Nachbarn. „Differenzierte Landwirtschaft“ nennt der 56-Jährige das, was er dort vorhat. Neun Kühe mit rund doppelt so vielen Kälbern, gut 1000 Hühner, dazu Maschinenhalle, Heulager, Wohnhaus und ein Ferienbungalow. Wie bitte, ein Ferienbungalow?

Neuer Hof soll Städtern die Landwirtschaft näherbringen

„Die Außenwirkung der Landwirtschaft ist sehr einseitig“, sagt Peter Bürgmayr. Das sei ihm bei seinem Nebenjob aufgefallen, wenn er winters in München mit den Städtern ins Gespräch kommt, während er dort Zählerstände abliest. Das wolle er ändern, indem er die Städter zu sich auf den Hof hole – etwa für drei Tage Urlaub auf dem Bauernhof und Mitarbeit im Stall. „So Jochen-Schweizer-mäßig“, sagt Bürgmayr. „Aber mehr Bildung als Ferien.“ Vielleicht liege es auch am ungewöhnlichen Konzept, dass ihm so viel Gegenwind entgegenschlage, spekuliert er. „Ich war immer schon ein freigeistiger Mensch.“

Immer mehr landwirtschaftliche Flächen verschwinden. Eine Entwicklung, die Bauern in der Region um München besorgt.

Dass Peter Bürgmayr im Ort nicht beliebt ist, sagt er selbst. Er habe zu oft seine Meinung gesagt, vermutet er. „Manchmal hat es gepasst, meistens nicht.“ Doch jemandes Vorleben und wie er sich äußert, das ist nicht so leicht ein Verhinderungsgrund für einen Bauernhof. Genauso wenig, dass ihm laut Verwaltung die Nachbarn die Zustimmung verweigern. Begründet hat der Gemeinderat sein Veto mit fehlender Trinkwasser-Erschließung.

Kritik an Flächenversiegelung: „Wegen neun Mutterkühen...“

Geärgert haben sich die Räte in der Sitzung aber über etwas anderes: „Wegen neun Mutterkühen brauche ich keine Betriebsleiterwohnung“, sagte etwa Gemeinderätin Maria Springer, selbst aus einer Landwirtschaft. Wenige Meter zwischen Hof und Wohnhaus hin und her zu fahren, sei kein Drama. Mit den Plänen für eine komplett neue Hofstelle sei am Ende eine Riesenfläche „bebaut, versiegelt, weg!“ Auch Bürgermeisterin Claudia Streu-Schütze, die wie alle dagegen gestimmt hat, sagt: „Das ist schon eine Riesenversiegelung“. Und Johann Egger ärgerte sich, dass die Entscheidung „über unsere Köpfe hinweg“ falle, weil für Landwirte andere Regeln gelten als für sonstige Gewerbetreibende. Landratsamt und Landwirtschaftsamt hätten schon ihre Zustimmung für den Bau signalisiert. Die Kreisbehörde teilt über die Prüfung mit: „Das Ergebnis steht noch nicht fest.“

Da will er hin: Bürgmayr zeigt auf das Maisfeld (li.) vor dem sein Grundstück liegt.
Da will er hin: Bürgmayr zeigt auf das Maisfeld (li.) vor dem sein Grundstück liegt. © Stefan Roßmann

Dass er nicht auf seiner heimischen Hofstelle neu bauen will, erklärt Bürgmayr damit, dass die Gebäude überaltert seien. „Wenn du lange nicht investierst, dann musst du einmal groß investieren.“ Zudem seien Konflikte auch im Ortskern programmiert. Eine Landwirtschaft in Betrieb riecht und lärmt nun mal. Er deutet in drei Richtungen um seinen Hof: „Wohnbebauung, Wohnbebauung, Wohnbebauung.“ Schalldorf sei nicht mehr das Landwirts-Dorf, das es einmal war.

Alter Hof im Ortskern dürfte Wohnbebauung werden

Die alte Hofstelle, lässt der 56-Jährige durchklingen, werde er möglicherweise verkaufen. Wenn so ein Grundstück den Besitzer wechselt, folgt fast zwangsläufig Wohnungsbau. Und für den Bauern, der sagt, dass er gerne wieder einer sein möchte, wäre es ein Weg, den neuen Hof zu finanzieren. Der dürfte an die zwei Millionen kosten. Obwohl er, bis aufs Wohnhaus, auch anderweitig zu stemmen sei, sagt Bürgmayr.

Momentan puzzelt er sein Einkommen aus vielen Quellen zusammen; hausmeistert, trägt Zeitungen aus, verdient an der Vermietung eines Wohnhauses auf dem alten Hof und an der Einspeisevergütung seiner PV-Anlage. Die Mahd von seinen Wiesen verkaufe er ab Feld, andernorts habe er Baugrund verkauft, diese Rücklagen greife er ebenfalls an, erzählt er der EZ. „Ich bin dankbar für das Leben, das ich führe, aber die Aufgabe geht ab“, sagt er. „Ich bin gern daheim und arbeite gern.“

Behörden prüfen Betriebskonzept

Den Gegnern seiner Idee sei offenbar nicht bewusst, dass drei Jahre Vorarbeit in seinem Vorhaben steckten, dass ihn die Kreisbehörden auf die Umsetzbarkeit abklopften. Dazu gehöre etwa, dass er, geschieden und ohne Kinder, mit seiner Nichte im Alter von Mitte 20 eine Hofnachfolgerin habe. „Viele wissen nicht, dass da ein Betriebskonzept dahintersteckt“, sagt Bürgmayr. Er findet: „Es muss etwas vorangehen.“ Den Widerstand habe er kommen sehen, aber er mache ihm nichts aus. „Gar nichts!“, sagt er und verschränkt die Arme vor der Brust. „Das ist normal.“

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