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Jetzt auch noch eine Bier-Krise: Droht der Abfüll-Stop wegen CO₂-Mangel?

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Von: Robert Langer

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CO₂-Mangel und enorm gestiegene Getreide-Preise: Brauereien im Landkreis Ebersberg fürchten Abfüll-Stopp und Kosten-Explosion in ihren Betrieben.

Landkreis – „Wir wissen nicht, wie es weiter geht. Das ist extrem“, sagt Johannes Hartwig, Braumeister beim Wildbräu in Grafing. „Wir brauchen einen Notfallplan“, bestätigt Erich Schweiger von der gleichnamigen Brauerei in Markt Schwaben. Anlass sind verschobene und ausbleibende Lieferungen des Gases CO₂. Der Deutsche Brauerbund hatte deswegen bereits vor steigenden Bier-Preisen gewarnt. Das Gas wird genutzt, um Flaschen beim Abfüllen „vorzuspannen“. Verhindert wird dadurch, dass das Bier mit Luft in Berührung kommt und aufschäumt.

CO₂: Einst Abfallprodukt, jetzt begehrter Rohstoff

Eigentlich fällt CO₂ bei der Düngemittel-Produktion an. Mit steigenden Energiepreisen – auch im Zuge des Ukraine-Kriegs – wurde die Produktion jedoch in Deutschland heruntergefahren oder in andere Länder mit günstigerer Energie verlegt. Folge: CO₂ wird knapp und teuer.

Johannes Hartwig, Braumeister bei Wildbräu in Grafing
Johannes Hartwig, Braumeister bei Wildbräu in Grafing. © Stefan Roßmann

Noch für eine Woche reicht das Kohlendioxid im Tank des Grafinger Wildbräu. Wenn nichts nachgeliefert wird, „können wir zwar noch brauen, aber nicht mehr filtern oder abfüllen“, sagt der Braumeister. Für die Belegschaft könnte das den Abbau von Überstunden oder Kurzarbeit bedeuten. Zunächst werde man Wartungsarbeiten vorziehen, die üblicherweise im Winter passieren.

Brauereien in Sorge um Bier-Abfüllungen: Lieferungen verschieben sich oder fallen aus

„Wir bestellen alles was geht auf Vorrat“, sagt Hartwig. Ein gefüllter CO₂-Tank reiche für drei Wochen. Die vorausgehende Lieferung kam vor zwei Wochen. Schon damals habe er im Vorfeld intensiv telefoniert. Wie auch jetzt. Eine für vergangene Woche zugesagte Lieferung hat sich vorerst verschoben.

Brauer suchen nach CO₂: Ganz Europa abtelefoniert

Ähnlich Erich Schweiger von der gleichnamigen Brauerei in Markt Schwaben. Bei ihm reicht eine Tankfüllung für eineinhalb Wochen. „Da kann man nicht viel Vorrat anlegen.“ Sein Lieferant hatte jüngst kurzfristig abgesagt. „Man kann nicht mehr planen. Wir arbeiten auf Sicht.“ Die Markt Schwabener haben auf der Suche nach Liefermengen „ganz Europa abtelefoniert, bis nach Portugal“. Außer Kleinmengen habe das aber bisher wenig gebracht. Auch Kollegen hätten schon ausgeholfen. Und Schweiger hofft auf kurzfristige Lieferungen, die zumindest die nächste Zeit abdecken. „Das Krisenmanagement läuft.“ Vorübergehend eingestellt wurde in Markt Schwaben bereits die Herstellung von Erfrischungsgetränken wie Orangenlimonade, für die viel CO₂ benötigt wird. Das Bier läuft noch.

Erich Schweiger, Brauereichef in Markt Schwaben
Erich Schweiger, Brauereichef in Markt Schwaben. © Brauerei Schweiger

„Es kann jeden erwischen“, sagt Wildbräuchef Gregor Schlederer. Bedenklich ist aus seiner Sicht auch die allgemeine Preissteigerung bei den Ausgangsprodukten wie der Braugerste. Eine Erhöhung des Bierpreises sei derzeit noch nicht geplant. Aber irgendwann komme dieser Schritt, „wenn es so weiter geht“.

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Andere Brauereien haben sich mit CO₂ eingedeckt – und haben trotzdem Sorgen

„Das Bier geht nicht aus“, heißt es in der Brauerei Gut Forsting. „Wir haben das natürlich auch mitbekommen“, sagt Braumeister Christian Straßer. Aber sein CO₂-Tank sei fast voll. „Das reicht noch.“ Er habe auch mit der Lieferfirma telefoniert. „Ich bin zuversichtlich.“ Schwierig sei die Energiesituation. „Wir haben schon Fotovoltaik auf dem Dach.“ Geplant wurde als weitere Alternative eine Hackschnitzelanlage. Die Genossenschaftbrauerei hätte vom eigenen Wald profitieren können. „Doch jetzt wurden die Fördergelder für die Umrüstung gestrichen“, so Straßer. Das Projekt liegt auf Eis.

Johann Reinwald vom kleinen Saliterbräu in Oberpframmern hatte frühzeitig reagiert, als es die ersten Anzeichen für einen CO₂-Engpass gab. Die Lieferung habe jedoch deutlich länger gedauert als üblich. Der Vorrat werde wohl über den Winter reichen. Wie das technisch früher war, als noch kein Gas bei der Abfüllung eingesetzt wurde, weiß Reinwald nicht. Er erinnert sich jedoch an Erzählungen seines Vaters, geboren 1919. Der sei noch als Bub vom Hof mit einem Maßkrug zum Wirt geschickt worden, um Bier zu holen. So einen offenen Verkauf „könnte man heutzutage nicht mehr machen“, sagt Reinwald, auch wegen der Lebensmittelhygiene.

Eine gute Nachricht gibt es allerdings dennoch. Faßbier, ist weiter erhältlich. Denn für dessen Abfüllung werde nur sehr wenig CO₂ benötigt, wie der Schwabener Bauereichef Erich Schweiger erklärt.

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