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„Sieht düster aus“: Tölzer Hebamme über Lauterbachs Pläne und Situation ihres Berufsstands

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Von: Felicitas Bogner

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Die Hebamme und zweifache Mutter Birgit Krey hat bereits über 300 Babys mit auf die Welt gebracht und zahlreiche Mütter vor und nach ihrer Schwangerschaft begleitet.
Die Hebamme und zweifache Mutter Birgit Krey hat bereits über 300 Babys mit auf die Welt gebracht und zahlreiche Mütter vor und nach ihrer Schwangerschaft begleitet. © arndt pröhl

Nach der Aufregung über Karl Lauterbachs Krankenhausreform: Brigit Krey aus Bad Tölz spricht im Interview über die Situation der Hebammen und den personellen Mangel.

Bad Tölz – Hebammen sollen nun doch im Pflegebudget bleiben, rudert Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) nach scharfer Kritik an seiner Krankenhausreform zurück. Für die Hebammen im Landkreis – ob selbstständig oder in Kliniken angestellt – gibt es aktuell trotzdem wenig Grund zur Freude.

Es herrscht ein drastischer Hebammen-Notstand. Im Interview spricht die Hebamme Birgit Krey (48) die Probleme offen an. Sie selbst hat vier Jahre im Kreißsaal im Klinikum Großhadern gearbeitet und ist seit 21 Jahren selbstständig mit einer Praxis in der Tölzer Marktstraße. Für Krey sind die geringe Wertschätzung ihres Berufsstandes und der Verdienst nur noch schwer zu ertragen.

Interview mit Hebamme Krey: Reform hätte „fatale Folgen“ gehabt

Frau Krey, nach der ersten Darlegung von Lauterbachs Plänen zu seiner Krankenhausreform mussten Hebammen fürchten, ab 2025 aus dem Pflegebudget zu fallen. Was hätte das nach sich gezogen?

Das wäre für die Kollegen und auch die Patientinnen mit fatalen Folgen einhergegangen. Wenn das so eingetreten wäre, wären die Hebammen-Stellen in den Kliniken – bis auf die im Kreißsaal, denn die rechnen über die Krankenkassen ab – gestrichen worden. Das beträfe dann beispielsweise Schwangerenambulanzen oder Wochenbettstationen. Wenn diese Stellen weg wären, käme auch die Frage auf, wer die Hebammen-Studentinnen auf der Wochenbettstation in ihren Praxiseinheiten leitet. Überdies zeugt diese Idee von einer erschreckenden Geringschätzung gegenüber unserem Wissen.

Hebamme über Lauterbachs erste Pläne zur Klinikreform: „Erschreckende Geringschätzung gegenüber unserem Wissen“

Karl Lauterbach hat nach der Welle an Kritik einen Schwenk in seinen Ansichten gemacht. Viele Hebammen sind aber weiterhin frustriert.

Es herrscht seit Jahren ein Mangel an Hebammen. Das war schon länger abzusehen.

Warum?

Der Beruf ist nicht lukrativ. Das sieht man am Gebührenkatalog der gesetzlichen Krankenkassen. Das zeige ich auch jedem offen, damit die Frauen sehen, dass gewisse Umstände nicht an mir liegen, sondern meine Arbeit nicht so bezahlt wird.

Wie meinen Sie das?

Beispielsweise bekomme ich für einen Wochenbettbesuch 38,46 Euro. Egal, wie lange ich bei der Frau zu Hause bin. Eine telefonische Beratung nach der Entbindung wird mit 7,02 Euro entgolten. Ich kann nur über die Mutter abrechnen. Alle Untersuchungen, die ich an dem Säugling vornehme, wie beispielsweise die Gewichtskontrolle, werden nicht abgerechnet. Vor diesem Hintergrund muss man verstehen, dass eine Hebamme keine zwei Stunden bei einem Hausbesuch bleiben kann oder keine Stunde Fragen am Telefon beantworten kann. Und ich kann daher auch keine Patientinnen mehr annehmen, die weiter als 12 Kilometer entfernt wohnen.

Untersuchungen am Säugling werden nicht abgerechnet – 7,02 Euro für telefonische Beratung

Das ist sehr wenig ...

Die letzte Gehaltsanpassung gab es 2017 und wir wissen, wie sich die Preise entwickelt haben. Dazu muss man bedenken, wie hoch die Haftpflichtversicherungsbeiträge sind, die wir selber zahlen. Je nach Vertrag und, ob man in der Klinik oder selbstständig arbeitet, kann das zu 11 000 Euro jährlich bedeuten.

Gibt es noch andere Gründe für den Hebammen-Mangel?

Ich denke, der finanzielle Aspekt ist der Hauptgrund. Dazu kommen die geringe Wertschätzung und die hohe Arbeitsbelastung im Krankenhaus. Dort betreut eine Hebamme im Schnitt drei Frauen parallel. Was passiert, wenn zwei Frauen gleichzeitig in den Presswehen liegen? Das ist einfach nicht machbar. Als selbstständige Hebamme muss man sehr flexibel sein. Eine Schwangerschaft dauert 40 Wochen. Nur vier Prozent aller Babys kommen am Entbindungstermin. Spontaner Urlaub ist da nicht möglich. Ich habe den Frauen zugesichert, dass ich für sie da bin, sobald sie entbunden haben. Urlaub muss ich mindestens neun Monate im Voraus festlegen.

In Deutschland haben Frauen ein Recht auf Hebammenbetreuung. Wie sieht die Realität aus?

Düster. Es ist schwer, eine Hebamme zu finden, die Kapazitäten hat. Wenn ich einen Platz frei habe, kommt es zum Kennenlernen. Das ist bei der Intimität, mit der der Beruf einhergeht, wichtig. Dabei stelle ich auch meine Arbeit und Schwerpunkte vor. Es gibt Hebammen, die konzentrieren sich auf die Geburtshilfe – klinisch oder außerklinisch. Ich biete das beispielsweise gar nicht an.

26 verzweifelte Anfragen: Personalnot im Berufsstand Hebamme

Ab wann sollte eine Frau auf Hebammen-Suche gehen?

Am besten, sobald sie weiß, dass sie schwanger ist.

Und dann bekommt man einen Platz?

Leider gibt es dafür aktuell keine Garantie.

Wie viele Anfragen bekommen Sie pro Monat?

Als Beispiel: Für die letzten beiden Augustwochen habe ich 26 Anfragen bekommen. Und das von Frauen zwischen Penzberg und Wolfratshausen, die verzweifelt auf der Suche waren.

Wie viele Frauen können Sie parallel betreuen?

Sechs.

Hebammen am Limit: Frauen werde nach Geburt früher aus Klinik entlassen

Sind Sie am Limit ihrer Arbeitsbelastungsgrenze?

Ja, und das hat Corona verschärft, da viele Frauen durch die Einschränkungen schnell aus der Klinik wollten. Da war ich für die Wochenbettbetreuung sehr gefordert. Viele waren teils nach vier Stunden Zuhause.

Geht das wieder zurück?

Es gibt eine Steigerung an Geburten. Dazu fällt mir auf, dass die Kapazitäten von den Kliniken ausgelastet sind. Frauen werden generell jetzt schnell nach Hause geschickt. Vor Corona war es in der Regel so, dass sie bei einer spontanen Geburt drei Tage in der Klinik waren, bei einem Kaiserschnitt länger.

Ist das problematisch?

Pauschal schwer zu sagen. Die Frau sollte entscheiden, wann sie sich sicher fühlt, mit dem Baby nach Hause zu gehen. Ich hatte eine Patientin, die drei Tage in der Klinik bleiben wollte, aber am zweiten Tag heimgeschickt wurde. Wenn eine Frau schnell entlassen wird, heißt das nicht, dass alles in Ordnung ist. Neugeborenengelbsucht oder Infektionen sind Themen, auf die man achten muss. Hebammen tragen da eine große Verantwortung.

Hebamme aus Kochel hatte als erste Frau im Dorf ein Moped

Was hat Sie dazu bewogen, den Beruf zu ergreifen?

Die Cousine meiner Oma war Hebamme und hat mir viel erzählt. Im gesunden Zustand mit etwas so Natürlichem zu arbeiten, hat mich fasziniert. Und, dass es ein Frauenberuf ist. Die Hebamme in Kochel war damals die erste Frau im Dorf, die ein Mofa bekommen hat, das fand ich einfach klasse.

Erfüllt Sie der Beruf noch?

Es ist ein tolles Gefühl, zu sehen, was ich mit meiner Arbeit bewirken kann. Beispielsweise, wenn die Familie einen guten Start in den neuen Lebensabschnitt hat. Ich bekomme viele dankbare Zuschriften der jungen Familien, das bestärkt und rührt mich. Ich bin auch trotz aller Umstände immer noch mit Herzblut dabei. Aber nicht mit allen Konsequenzen.

Haben Sie schon mal ans Aufhören gedacht?

Ich verstehe jede, die das nicht mehr mitmachen will, oder finanziell nicht mehr kann. Ich habe früher viel gekämpft und demonstriert. Geändert hat sich nichts. Irgendwann wird man müde.

Das Interview führte Felicitas Bogner

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