„Ich will kein Geld vom Staat“

Zwei Jobs und trotzdem obdachlos - Darum ist Astrid Lenz (55) kein Einzelfall

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Astrid Lenz (55) ist seit fast fünf Monaten quasi obdachlos.

Vaterstetten/ Landkreis Ebersberg: Astrid Lenz hat zwei Jobs - trotzdem ist sie quasi obdachlos. Die 55-Jährige ist bei Weitem kein Einzelfall.

Vaterstetten – „Eigentlich bin ich obdachlos, auch wenn ich nicht so aussehe“, sagt Astrid Lenz (55) und streichelt ihre beiden Hunde, Lola, ein Mischling aus Spanien, und Balu, ein Harzer Fuchs, ein altdeutscher Hütehund. Im Oktober musste sie aus dem Haus, in dem sie bis dahin lebte, ausziehen. Seitdem sucht sie eine Wohnung, bisher ohne Erfolg. Lenz arbeitet nach eigenen Angaben Vollzeit in einer Agentur im Münchner Osten, vermittelt Fotomodelle. Entsprechend auch ihr eigenes gepflegtes Aussehen. „Ich verdiene rund 1900 Euro vor Steuern. Im Sommer habe ich noch einen Nebenjob.“ Damit habe man früher locker eine Wohnung finanzieren können. „Jetzt reicht das aber wohl nicht mehr, nicht im Münchner Umland.“

„Meinen Freunden gehe ich inzwischen auf die Nerven“

Sie kommt derzeit immer wieder ein paar Tage bei Freunden unter. „Ich tingel von einem zum anderen. Denen gehe ich inzwischen auch auf die Nerven.“ Manchmal geht sie ins Hotel. „Ich habe jetzt nur meine drei Koffer, mit denen ich hin- und herziehe.“ Ihre Wohnungseinrichtung hat sie bei ihrem weiter entfernt lebenden Bruder untergestellt. Ein Auto kann sie sich derzeit nicht leisten. Wenn sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Arbeit fährt, bringt sie vorher ihre Tiere zu einem Hundeservice.

Lenz ist kein Einzelfall. Und dies gilt auch für Menschen, die mehr Geld haben. „Dass junge Polizisten oder Lehrer keine bezahlbaren Wohnungen finden, ist bekannt und wird ausführlich diskutiert“, erklärt Gerhard Größ von der Fachstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit in Ebersberg. Inzwischen habe das Problem auch die „vermeintlich sichere Mittelschicht“ erreicht, komme von der Großstadt auch in kleinere Städte wie Ebersberg. Zunehmend gerieten Menschen, die eigentlich gut verdienen, in Schwierigkeiten, „durch irgendwelche Gründe“, so Größ. „Schon mit kleinen Fehlern kann die Situation bedrohlich werden.“

„Ich will kein Geld vom Staat - ich brauche nur eine Wohnung“

Bei Lenz kommen einige Sachen zusammen. Vor fünf Jahren kam sie in die Gemeinde Vaterstetten. Aus einer früheren Beziehung hat sie einen Schufa-Eintrag. Nach ihren Angaben hat sie ihr damaliger Freund mit Schulden sitzen lassen. Mit einem anderen Freund zog sie in ein Haus in Vaterstetten. Der Freund zog wieder aus, allein konnte sich Lenz die Miete nicht mehr leisten. Die 55-Jährige vermietete Räume unter, Bewohner blieben aber die Miete schuldig. Der Vermieter wollte das Haus anders nutzen, Lenz konnte vorübergehend im Souterrain leben, bis auch das vorbei war.

Seitdem sucht sie eine Wohnung. Die Frau wandte sich mit der Bitte um Unterstützung auch an die Gemeinde Vaterstetten, mit einer aus ihrer Sicht enttäuschenden Antwort. „Zum damaligen Zeitpunkt bestand von Seiten der Obdachlosenfürsorge keinerlei Notwendigkeit zu weiteren Maßnahmen, da die Obdachlosigkeit und somit die real gewordene Gefahr für Leib, Leben und Gesundheit nicht eingetreten war“, hieß es auf EZ-Nachfrage aus dem Rathaus. Frau Lenz habe freiwillige Angaben zu ihrem Einkommen gemacht. Diese ließen darauf schließen, dass sie sich eine Wohnung selbst suchen oder bei eingetretener Obdachlosigkeit sich durch die ihr zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel vorübergehend ein Hotel- oder Pensionszimmer mieten könne. „Die Selbsthilfe der Personen hat hier zunächst Vorrang vor dem Einschreiten der Gemeinde als Sicherheitsbehörde.“

Lenz will aber nicht in eine Obdachlosenunterkunft, auch weil sie dorthin ihre Hunde nicht mitnehmen könnte. Sie will auch kein Geld vom Staat. „Ich bin kein Schmarotzer, ich brauche nur eine Wohnung.“

Bis zu 70 Bewerber auf eine Wohnung

Astrid Lenz (55) ist seit fast fünf Monaten quasi obdachlos.

Lenz wendet sich an Makler, sucht in Internetforen und Portale von Tageszeitungen, antwortet auf Anzeigen. „Da kommen auch Angebote mit sexuellem Hintergrund, dreckige Angebote, obwohl ich mein Alter angebe. Da bist du sprachlos.“ Unzählige Wohnungen hat sie inzwischen besichtigt. „Auf eine Einzimmerwohnung in Haar gab es einmal 70 Bewerber.“ Teilweise würden regelrechte „Löcher“ angeboten, „aber teuer“. Eine Wohngemeinschaft könnte sich Lenz auch vorstellen. „Aber da musst du erst jemanden finden, der dich haben will.“

Zudem hat sie sich bei der Wohnungsgenossenschaft gemeldet. Dort gibt es Wartelisten. Außerdem sucht sie eine Unterkunft, die mit öffentlichen Verkehrsmittel erreichbar ist. „Hat rein logistische Gründe, weil ich ja kein Auto habe.“ Doch auch diese Lage hat ihren Preis.

Hilfe von der Fachberatung in Ebersberg

Größ von der Fachstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit in Ebersberg, betrieben von der Diakonie, finanziert durch den Landkreis, kennt solche Fälle. „Wir haben immer mehr Leute hier in der Beratung.“ Er rät, sich frühzeitig zu informieren. Es gehe darum, den Wohnungsverlust zu verhindern. Wichtiger Tipp: Miete zahlen. Wenn es nicht geht, sich sofort um eine Lösung kümmern. Bei einer Kündigung durch den Vermieter wegen Eigenbedarfs mit einem Rechtsanwalt versuchen, den Auszug zumindest zu verzögern.

Die Beratungsstelle hilft ebenso bei der Suche nach einer Ersatzunterkunft, was aber immer schwieriger wird. „Früher hat man noch Wohnungen gefunden, da haben auch Vermieter angerufen“, so Größ. „Das passiert heute nicht mehr.“ Auch wenn wegen ausbleibender Mietzahlungen bereits Klage vor Gericht eingereicht wurde, versucht die Beratungsstelle zu vermitteln. Zudem geht es darum, mögliche staatliche soziale Leistungen zu prüfen.

„Ich gebe nicht auf, dafür bin ich nicht der Typ“

Die Fachstelle helfe, einen Antrag auf Sozialhilfe zu stellen oder für eine geförderte und damit günstigere Wohnung. „Wir begleiten, wenn es schwieriger wird. Politisch wichtig wäre es notwendig, ausreichend Wohnungen zu bauen. Wir fliegen in den Weltraum, schaffen es aber nicht, dass jeder ein Zimmer hat“, sagt Größ. Die Arbeit der Fachstelle wirkt sich positiv aus. Wie die Zahlen belegen, gab es 2018 375 Beratungsgespräche. In 71 „Fällen“ konnte eine Räumung oder die Obdachlosigkeit verhindert werden. „Wir sind dankbar, dass sich der Landkreis diese Beratung leistet“, sagt Größ.

Astrid Lenz fragt sich, ob sie weiterhin im Münchner Osten bleiben, ob sie sich das leisten kann. „Aber ich bin jetzt seit 25 Jahren hier, ich möchte nicht wegziehen, mein soziales Umfeld ist hier, ich will nicht irgendwo leben, wo ich niemanden kenne.“ Deshalb sucht sie weiter. „Ich gebe nicht auf, dafür bin ich nicht der Typ. Aber langsam drehe ich am Rad.“

Kontakt:

Fachstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit, Ebersberg, Baldestraße 1, Tel.: (0 80 92) 2 32 10 25. Sprechstunden auch in Poing, Plieninger Straße 20, Tel. (01 60) 90 66 92 82.

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