Beate Schmittke wurde als Bub geboren

Ehemann und zweifacher Vater outet sich mit 49 - jetzt ist er eine Frau

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Ilse und ihr Bruno bei der Hochzeit 1973 (l.). Heute lebt Bruno als Beate und ist glücklich. 

Beate Schmittke wurde als Bruno geboren - und hat schon immer die Frau in sich gespürt. 49 Jahre später outet sich der damalige Familienvater. Start eines harten Weges.

Heimstetten – Die Geburt von Beate Verena Schmittke dauerte 52 Jahre. So sagt sie es heute. Auf die Welt kam sie im Februar 1952 als Bruno Schmittke. Als „ziemliche Enttäuschung“ für den Vater, der sich so sehr ein Mädchen gewünscht hatte. Und der nie erfahren hat, dass in Bruno immer Beate steckte.

Gemerkt hat sie es schon mit elf Jahren. Als sie die Wiener Sängerknaben im Fernsehen sah, die Mädchenrollen spielten. Und als sie den „innigen Wunsch“ verspürte, in eines dieser Biedermannkleider zu schlüpfen. Geoutet hat Beate sich und ihre Transsexualität erst am 6. Januar 2001, mit knapp 49 Jahren, als der Vater schon lange tot war. „Ich hatte eine Riesenangst, alles zu verlieren.“ Sie wollte ihr Geheimnis „mit ins Grab nehmen“, erzählt Beate Schmittke, heute 65. Sie trägt ein dezentes Make-up mit Rouge und Lippenstift, dazu Rock und Bluse, Pumps und eine schwere, silberfarbene Halskette. Die Fingernägel sind spitz gefeilt.

Sie hielt das Versteckspiel, das Leben als Mann, irgendwann nicht mehr aus. „Ich habe immer gehofft, dass es wieder vorbeigeht“, sagt sie. Sie gab den Mann perfekt, den Soldaten, Software-Entwickler, Hoaschdenger Kegler, den Freien Wähler und SV-Heimstetten-Förderer.

Den Ehemann und Vater zweier Söhne (32 und 34). „Ich wollte ein normales Leben führen“, sagt sie. Und doch war sie in ihrem Körper nie zuhause, die „Frau immer in mir eingesperrt“. Im Fasching ließ sie sie heraus.

Seit ihrem zwölften Lebensjahr verkleidete sich Schmittke als Mädchen, später als Frau. Mit 45 Jahren trat sie das erste Mal als Travestiekünstler auf einer privaten Feier auf, mimte Marilyn Monroe, „I wanna be loved by you“. Fasching und Travestie wurden zu „meinen beiden Ventilen“.

Alles andere fand heimlich statt. Als Bruno mit zwölf Jahren das erste Mal die Nylonstrümpfe seiner Mutter berührte, „durchfuhren mich 100 000 Volt“, schreibt Beate Schmittke. Sie hat ihren Weg in dem Buch „Von nun an ging’s“ verarbeitet, erschienen ist es im Juli 2017. Doch zurücklegen konnte der Bub die Strümpfe nicht, „es war ein Zwang, sie anzuziehen“. Ebenso wie den Büstenhalter, den er mit Papier ausstopfte. Ihn durchströmte Glückseligkeit, als er in den Spiegel schaute. Von da an zog es ihn immer wieder zum Kleiderschrank seiner Mutter, später zur Wäsche seiner Ehefrau Ilse. „Sie zog mich magisch an.“ Immer heimlich. Immer unentdeckt. Ilse hat es nie gemerkt. 28 Ehejahre nicht.

Bis zum 6. Januar 2001. Am Heiligdreikönigstag setzte sich Bruno Schmittke zu seiner Ehefrau auf die Couch im gemeinsamen Haus in Heimstetten und erzählte ihr von sich. „Sie ist aus allen Wolken gefallen.“ Dann kam die Wut. Warum hatte Bruno ihr nie etwas erzählt? Danach weinten sie beide, nächtelang, „bis wir keine Tränen mehr hatten“.

Und dann blieben sie zusammen. Ihren Söhnen offenbarte sich Beate Schmittke erst knapp zwei Jahre später. Der Jüngere war 2001 gerade in der Pubertät, der Zeitpunkt nicht gut. Sie nahmen es später gut auf, „aber es arbeitete natürlich in ihnen“. Die erste Reaktion des Jüngeren: „Wenn einer was sagt, kriegt er Ärger.“ Doch als Beate ihren älteren Sohn mit seinen Spezln in der S-Bahn traf, „tat er so, als kennt er mich nicht“. Diese Person in Frauenkleidern.

Letztlich aber standen es alle vier zusammen durch: Beates Hormontherapie, das öffentliche Bekenntnis, Anfeindungen, den Verlust von Freunden, den Rückzug aus den Kirchheimer Vereinen und ihre Operation zur Frau im Jahr 2004. Danach „war meine Geburtsphase beendet“. Aber „ich werde nie 100 Prozent eine Frau“, sagt sie. Es liegt Traurigkeit in ihrer Stimme. Sie vermisst „die jungen Jahre einer Frau“.

2014 zog Beate Schmittke nach Lübeck. Allein. Ilse und sie „mussten schauen, ob wir noch mal jemand anderen brauchen“. Denn Ilse hatte sich 43 Jahre zuvor in Bruno verliebt, in diesen „Softie-Typen“, den Keyboarder von „Les Marquises“. Und sie hat Bruno am 23. Juli 1973 in Würzburg geheiratet, dem Mann an ihrer Seite ewige Treue geschworen.

Kurz nach Beates 50. Geburtstag reisten die beiden nach Teneriffa. Ins Flugzeug stieg Beate als Mann mit Jeans und T-Shirt, im Urlaub trug sie nur Frauenkleider. Dort wollten die beiden das erste Mal als Frauen miteinander schlafen. Beate Schmittke legte sich mit Seidenstrümpfen und BH zu Ilse ins Bett. Es ging nicht. Dann wollte sie sterben, vom Balkon des Hotelzimmers im sechsten Stock springen. „Ich hatte Todessehnsucht“, sagt sie. „Ich hab’ gedacht, ich schaffe das nicht.“ Sie sprang nicht, zog aber am nächsten Morgen wieder Jeans und T-Shirt an. Ilse fragte sie, was das soll und legte ihr die Seidenstrümpfe hin. Intim wurden die beiden nicht mehr, Liebende blieben sie.

In den dreieinviertel Jahren räumlicher Trennung durch Lübeck haben sie gemerkt, „wie sehr wir uns fehlen“, sagt sie. Sie telefonierten jeden Tag, besuchten sich. Im Herbst dieses Jahres ging Beate Schmittke in Ruhestand – und kehrte zurück zu Ilse. Das Ehepaar zog wieder in das Haus nach Heimstetten. Zu ihren Familien- und Hochzeitsfotos an den Wänden. Nicht nur als plantonische Freunde, sondern als tief Verbundene, Vertraute. Ein Bund fürs Leben.


 

Das Buch „Von nun an ging’s – die Geburt eines Schmetterlings“ (ISBN: 978-3740713317) von Beate Verena Schmittke ist im Juli 2017 erschienen. Sie vertreibt es bislang aus Eigenmitteln als Book on demand. Schmittke sucht derzeit einen Verlag, um es in höherer Stückzahl verlegen zu lassen.

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