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Jugendliche locken 18-Jährigen in Hinterhalt: „Etwas Vergleichbares habe ich hier selten“

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Von: Klaus-Maria Mehr

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Ein eigentlich als Gespräch geplantes Treffen entpuppte sich in Penzberg als Falle: Ein 18-Jähriger erlitt schwere Verletzungen am Kopf und lag fünf Tage im Krankenhaus.

Penzberg – Sie seien angeblich von einem jungen Mann mit K.O.-Tropfen zeitweise gefügig gemacht oder gesundheitlich geschädigt worden: Deshalb fassten zwei Mädchen und der Freund einer der beiden im Oktober vergangenen Jahres den Beschluss, den mutmaßlichen Übeltäter zur Rede zu stellen.

Sie verabredeten sich zu dritt, wobei eine der Angeklagten als Lockvogel fungieren sollte. Diese gab dem Geschädigten gegenüber vor, sich mit ihm alleine treffen zu wollen. Auf dem Weg zum Treffpunkt versammelte sich jedoch rasch eine deutlich größere Gruppe von Jugendlichen aus dem Penzberger Raum. Richterin Claudia von Hirschfeld war sich sicher, dass die Tat so geplant war: „Für mich ergibt das ein schlüssiges Bild.“

Ein Lockvogel wartete auf der Berghalde auf das Opfer - dann folgten die Schläge

Sechs bis acht junge Menschen begaben sich zur Penzberger Berghalde, wobei sich bis auf den Lockvogel alle hinter einer Kapelle versteckten. Als der junge Mann schließlich erschien, sei alles ganz schnell gegangen: Der Freund eines der Mädchens, der auch gleich zu Beginn des Prozesses seine Schuld eingestand, stürmte auf das Opfer zu und verpasste ihm sofort zwei Faustschläge ins Gesicht. Die restliche Gruppe formierte sich mit zeitlichem Abstand um diesen herum, wobei er sich mit ständigen Drohungen konfrontiert sah, mehrfach vom Haupttäter geschlagen und sogar an den Kopf getreten wurde. Außerdem sei seine Jacke durchsucht worden. „Sie sagten, ich dürfe gehen, wenn ich alles gestehe“, schilderte er vor Gericht.

Die Situation sei angespannt gewesen, viele der Beteiligten waren eigenen Angaben zufolge selbst überfordert. Eine klare Deeskalation von Seiten der Gruppe erfolgte wohl nicht. Manche griffen aber eigener Aussage nach ein, um Schlimmeres zu verhindern.

Opfer hatte „Todesangst“

Der Geschädigte hatte, im Glauben, er würde sich nur mit dem Mädchen treffen, eine selbsterhitzte Flasche Glühwein mitgebracht. Durch die ständig auf ihn einprasselnden Beschuldigungen bezüglich der K.O.-Tropfen sei er schließlich dazu genötigt worden, von dem Heißgetränk zu kosten, wobei er sich den Mund verbrannte. Er hatte „Todesangst“ und nässte sich ein. Als das Prozedere zu Ende war, habe er sich noch bei den Mädchen entschuldigen sollen, bevor er, von einem weiteren Schlag begleitet, das Weite suchte. Die Gruppe habe sich daraufhin weitestgehend aufgelöst.

Junger Mann musste fünf Tage im Krankenhaus bleiben

Mit Hilfe eines Freundes schaffte es das Opfer ins örtliche Krankenhaus, wo das Ausmaß der Verletzungen zu Tage trat: Der 18-Jährige hatte zahlreiche Schürfwunden, eine Nasenbeinfraktur, Probleme mit dem Kiefer, geschwollene Lippen und immer stärker werdende Kopfschmerzen. Der junge Mann musste fünf Tage zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Besonders die seelische Tortur hinterließ bei dem ohnehin bereits in psychischer Behandlung befindlichen jungen Mann ihre Spuren.

Richterin und Staatsanwalt waren sich darüber einig, dass den Strippenziehern klar gewesen sei, dass es zu einer massiven „Abreibung“ kommen werde. Der bereits vorbestrafte Haupttäter habe wohl, von Stolz- und Ehrgefühl bewegt, seine Freundin zu verteidigen versucht.

Zwei Wochen Dauerarrest für Haupttäter

Bei vier Angeklagten wurde das Verfahren, nach teilweise längerem Hin und Her, gegen Zahlung nicht unbeachtlicher Summen Schmerzensgeld zwischen 250 und 1500 Euro und der Ableistung von Sozialstunden vorläufig eingestellt.

Das zum Tatzeitpunkt 14-jährige Mädchen, das den Lockvogel spielte, wurde trotz mehrfachem Bemühen ihrer Mutter, zu einer Zahlung zur Schadenswiedergutmachung von 600 Euro und einem Wochenende Jugendarrest verurteilt. Den Haupttäter erwarten ebenfalls Schadenswiedergutmachungszahlungen in Höhe von 2000 Euro und zwei Wochen Dauerarrest, bedes wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Nötigung.

Richterin vom Vorgehen der Jugendlichen schockiert

Dem Geschädigten würden die Entschuldigungen der Beteiligten „gar nichts“ bedeuten, gab er vor Gericht an. Die K.O-Tropfen-Vorwürfe waren im Prozess kein Thema. Die Richterin war vom Vorgehen der Jugendlichen nachhaltig schockiert, sprach von erheblicher „seelischer Grausamkeit“ dem Opfer gegenüber und machte klar: „Etwas Vergleichbares habe ich hier selten.“ Wäre der 18-jährige Hauptangeklagte nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt worden, hätte er wohl mit eineinhalb Jahren Haft zu rechnen gehabt, hieß es.

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Text: Florian Zerhoch

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