Geschichte einer kuriosen Rettung

Bergsteigerin fällt Rettern direkt vor die Füße

+
Sofort im Einsatz: Bei ihrer Suche nach einem Rucksack nahe der Klammspitze fiel den Bergwachtlern eine 71-Jährige quasi vor die Füße. 

Peiting - Ihr Auftrag war es, einen Rucksack am Klammspitzgrat im Ammergebirge zu bergen. Während ihres Einsatzes fiel den Rettern von der Bergwacht Peiting aber noch etwas anderes vor die Füße: eine 71-jährige Bergsteigerin.

„Es war ein Glück für die verunglückte Frau, dass wir zufällig an der Absturzstelle waren“, sagt Michael Schmid, Bereitschaftsleiter der Bergwacht Steingaden-Peiting (Kreis Weilheim-Schongau). So konnte per Funk sofort ein Rettungshubschrauber alarmiert werden, der die 71-Jährige am Klammspitzgrat aufnahm und ins Krankenhaus Füssen flog.

Doch der Reihe nach: Am Sonntagnachmittag gegen 14 Uhr meldeten sich zwei Frauen – sie stammen aus dem norddeutschen Raum – telefonisch bei der Bergwacht. Ihnen war ein Missgeschick passiert: Sie befanden sich auf einer Bergwanderung von Oberammergau zum Pürschling, weiter zum Brunnenkopfhaus und auf die Klammspitze. Dann sollte es auf dem Grat bis zum Feigenkopf und weiter zur Kenzenhütte gehen, und schließlich noch weiter bis zum Tegelberg. Auf dem felsigen Grat zwischen Klammspitze und Feigenkopf nahm eine der beiden Bergsteigerinnen kurz ihren schweren Rucksack ab, um eine Kletterpassage leichter zu überwinden. Dabei glitt ihr der Rucksack aus den Händen und rollte südseitig den Abhang hinunter, bis ihn die beiden Bergsteigerinnen aus den Augen verloren.

Was tun? Ein Abstieg in diesem steilen Gelände wäre lebensgefährlich. Da sich in dem Rucksack die gesamte Ausrüstung sowie Handy, Brille, Ausweis und andere Wertgegenstände befanden, entschlossen sich die beiden Bergsteigerinnen, die Hilfe der Bergwacht in Anspruch zu nehmen. Sie marschierten zunächst weiter bis zur Station der Bergwacht nahe der Kenzenhütte und schilderten dort, was passiert ist. Michael Schmid stellte gleich klar, dass so eine Rucksacksuche natürlich nicht kostenlos sein könne, aber das war den beiden Frauen schon bewusst. Sie erklärten sich bereit, die anfallenden Kosten zu übernehmen.

Also machten sich einige Bergwachtler, die am Sonntag Bereitschaft im Kenzengebiet hatten, auf Rucksacksuche – die allerdings ergebnislos verlief. „Kein Wunder, die beiden Frauen hatten die falsche Absturzstelle angegeben“, sagt Schmid. Die beiden Frauen wollten ihren Rucksack aber unbedingt wiederhaben. Sie baten deshalb die Bergwachtler, die Suche am nächsten Tag fortzusetzen. Tatsächlich machten sich am Montagvormittag Bereitschaftsleiter Schmid, Thomas Köhler und Georg Degle noch einmal auf den Weg und ließen sich von den Frauen zu der Stelle führen, an der ihnen der Rucksack entglitten war. Es stellte sich heraus, dass das Missgeschick viel näher an der Klammspitze passiert war und nicht nahe dem Feigenkopf. Die drei Bergwachtler hatten für den Einsatz Seile und Bohrhaken mitgenommen, um für einen Abstieg im Steilgelände gewappnet zu sein.

Gerade waren sie dabei, eine Strategie zu entwerfen, wie sie zum Rucksack gelangen konnten, da passierte über ihnen ein wirkliches Unglück: Eine 71-jährige Bergwanderin aus Nordrhein-Westfalen, die zusammen mit einem Begleiter auf dem Klammspitzgrat unterwegs war, verlor im Steilgelände den Halt und stürzte rund 30 Meter ab. Kurz vor dem tiefen Abgrund, wenige Meter neben den Bergwachtlern, blieb die Frau in einer kleinen Mulde liegen. „Ein paar Meter weiter, dann wäre der Absturz mit Sicherheit tödlich ausgegangen“, sagt Michael Schmid.

Die Bergung des Rucksacks war nun Nebensache. Die drei Bergwachtler kümmerten sich sofort um die abgestürzte Frau. Da nicht erkennbar war, wie schwerwiegend ihre Verletzungen waren, wurde über Funk ein Hubschrauber angefordert, der innerhalb von wenigen Minuten aus Reutte angeflogen kam. Mit einer Winde wurde die 71-jährige Bergsteigerin in den Helikopter gehievt und ins Krankenhaus nach Füssen tansportiert.

Die beiden Frauen, die ihren Rucksack suchten, erlebten die Menschenrettung aus nächster Nähe mit. Eine von ihnen sagte hinterher: „Das ist wie bei den Bergrettern im Fernsehen abgelaufen.“ Den vermissten Rucksack fanden die Bergwachtler übrigens noch. Man munkelt, der ganze Einsatz habe die Besitzerin einen dreistelligen Betrag gekostet.

Michael Gretschmann

auch interessant

Meistgelesen

Frau von Lkw gerammt: „Da ist man auch als Polizist betroffen“
Frau von Lkw gerammt: „Da ist man auch als Polizist betroffen“
Pflege zu teuer: Pensionär holt seine Frau wieder nach Hause
Pflege zu teuer: Pensionär holt seine Frau wieder nach Hause
Vermisster 23-Jähriger wieder aufgetaucht
Vermisster 23-Jähriger wieder aufgetaucht
Spektakuläres Feuerwerk in Wolfratshausen: Rührender Grund
Spektakuläres Feuerwerk in Wolfratshausen: Rührender Grund

Kommentare