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Ganzes Dorf erleichtert: Genetischer Zwilling für Blutkrebs-Kranke aus Berg gefunden

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Von: Tobias Gmach

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Haben viel Solidarität erfahren: Regina Springer, ihr Mann Rudi und die Söhne Xaver (l.) und Jakob.
Haben viel Solidarität erfahren: Regina Springer, ihr Mann Rudi und die Söhne Xaver (l.) und Jakob. © Hans-Peter Höck

Regina Springer darf weiterleben. Der genetische Zwilling der an Blutkrebs erkrankten Frau ist gefunden. Die 42-Jährige ist von der Unterstützung überwältigt.

Berg – Regina Springer ist kein Computer, den man runter- und wieder hochfahren kann. Aber genauso fühlt sich die 42-Jährige aus dem Berger Ortsteil Farchach gerade – wie vor einem Neustart. „Mein Immunsystem wird komplett platt gemacht“, sagt sie dem Starnberger Merkur. Sechs bis acht harte Wochen kommen auf Springer zu. Ohne direkten Kontakt zu ihrem Mann Rudi und den Söhnen Jakob und Xaver. In strengster Isolation. Auf einer Klinik-Station, die Ärzte „Raumschiff“ nennen.

Doch danach, Mitte Oktober, sollte alles besser sein. Die Chancen, vollständig gesund zu werden, stehen gut. Denn Springer hatte großes Glück im Unglück. Seit dem Frühjahr weiß sie, dass sie Blutkrebs hat: lymphatische Leukämie. Aber vor Kurzem kam die Nachricht, dass ihr genetischer Zwilling gefunden wurde. Der Stammzellen-Spender, dank dessen Blut sie weiterleben darf.

Große Unterstützung und Solidarität in Berg

Springers Geschichte ist auch eine von großer Solidarität. „Ich habe so viel Mitgefühl und Herzenswärme erfahren“, sagt sie. „Dem ganzen Dorf ist ein Stein vom Herzen gefallen, als die Nachricht kam.“ Speziell in Farchach, aber auch in anderen Berger Ortsteilen nahm man Anteil an ihrem Schicksal. „Ich spüre, dass so viele Menschen hinter mir stehen“, schwärmt sie.

Dass Freunde und Bekannte für die Familie kochten, im Haushalt halfen oder Fahrdienste übernahmen, ist das eine. Dass Springers Freundinnen Andrea Schwenski, Bettina Völker und Andrea Leitner mit 40 Helfern eine Blutkrebs-Typisierungsaktion auf die Beine stellten, ist das andere. 700 Leute kamen Ende Juni ins Aufkirchner Vereinsheim, um sich als Springers genetischer Zwilling zu bewerben. Und die Berger sammelten Geld. Die Oskar-Maria-Graf-Grundschule organisierte einen Spendenlauf zugunsten der DKMS (früher „Deutsche Knochenmarkspenderdatei“). Die kann sich nun 1100 weitere Typisierungen leisten, mehr als 40 000 Euro an Spenden erhält sie aus Berg.

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Regina Springer denkt noch nicht ans Leben danach

Obwohl Regina Springer es niemals verlangen würde, kriegt sie jetzt alles zurück, was sie selbst anderen gegeben hat. Sie engagierte sich als Schülerlotsin sowie als Vorsitzende des Aufkirchner Pfarrgemeinderats, und sie arbeitete als Köchin im Kindergarten. An ihr Leben nach der Bluttransplantation möchte sie noch gar nicht denken. „Erst mal möchte ich gesund werden. Vielleicht komme ich ja als neuer Mensch zurück.“

Am Sonntag in einer Woche beginnt der körperliche Neustart im Klinikum Großhadern. In der ersten Woche durchläuft die zweifache Mutter wieder mal eine Chemotherapie. Die schlugen bisher gut an, raubten ihr aber die Kräfte. Die Bestrahlung dränge den Krebs zwar zurück, könne ihn aber nicht besiegen. Das könne nur das Blut des genetischen Zwillings. Wer er oder sie ist, darf Springer aus rechtlichen Gründen noch nicht wissen. Nicht mal das Geschlecht, das Alter oder den Kontinent, auf dem der- oder diejenige lebt. In zwei Jahren allerdings kann der Spender sich dazu entscheiden, mit ihr Kontakt aufzunehmen.

In der weltweiten Datenbank der DKMS fanden sich sogar zwei Menschen, deren genetische Merkmale zu 90 Prozent übereinstimmten. Aber bis es so weit war, musste die 42-Jährige leiden. Nicht nur, weil sie sich wegen Krankheit und Chemo ständig schwach fühlte, sondern auch psychisch. „Zwischenzeitlich haben mir die Ärzte gesagt, dass es bei meinen Merkmalen schwierig sei, jemand zu finden. Das war ein Rückschlag“, erzählt sie.

Blut-Transplantation im „Raumschiff“

Wenn das neue Blut im September in ihren Adern fließt, gilt es, den Körper wieder aufzupäppeln, das Immunsystem wieder hochzufahren. Und das dauert eben sechs bis acht Wochen. Eine lange Zeit in einem „Raumschiff“: So wurde Springer die Station in Großhadern beschrieben, in der Stammzellen transplantiert werden. Die Station ist auch ein Hochsicherheitstrakt. Besuche am Bett sind verboten. Springers Mann und ihre Söhne dürfen nur im Freien vor dem geschlossenen Fenster stehen und mit ihr telefonieren. Die Erklärung liefert die Farchacherin: „Ich bin dann sehr empfindlich für Infekte.“

Die lange Zeit im Krankenhaus macht ihr Sorgen. „Aber ich fühle mich jetzt auch bereit dafür“, sagt sie. Auch weil sie den schweren Weg nicht alleine gehen muss. Weil sie von einem ganzen Dorf getragen wird.

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