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Nach Brass-Wiesn: Unbekannter überfährt Familienvater und flüchtet - „Die schlimmsten Tage meines Lebens“

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Von: Hanna von Prittwitz

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„Michael würde sich um mich genau so kümmern und das gleiche tun“: Alexandra und Michael Wilhelm aus Gilching mit ihrem Sohn. Ich frage mich: Kann man damit leben? Will man damit leben? Alexandra Wilhelm über den Unfallflüchtigen.
„Michael würde sich um mich genau so kümmern und das gleiche tun“: Alexandra und Michael Wilhelm aus Gilching mit ihrem Sohn. © privat

Ein Unbekannter hat in der Nacht auf den 5. August den Gilchinger Michael Wilhelm (34) nach dem Besuch der Brass-Wiesn bei Eching überfahren. Er flüchtete, ohne sich um den Schwerstverletzten zu kümmern.

Gilching/Eching – Zehn Tage lag der Gilchinger Michael Wilhelm im Koma. „Das waren die schlimmsten zehn Tage meines Lebens“, sagt seine Frau Alexandra. Ihr Mann wurde in der Nacht auf den 5. August nach dem Besuch der Brass-Wiesn bei Eching zwischen 0.20 und 0.50 Uhr von einem unbekannten Autofahrer angefahren und schwerstverletzt. Von dem Unfallfahrer fehlt jede Spur. Geschockt ist auch René Weber vom Verein Guichinger Brauchtum. Michael Wilhelm war dort schon länger aktives Mitglied. Weber initiierte spontan eine Spendenaktion.

Unfall nach der Brass-Wiesn: Mann angefahren und schwerstverletzt

Was in den Sekunden vor dem Unfall geschah, keiner weiß es. Sicher ist nur, dass ein Passant den Schwerverletzten in der Nähe des Brass-Wiesn-Geländes an einem Stoppelfeld fand und sofort die Rettungskräfte alarmierte. „Als die beiden Ersthelfer eintrafen, war der Mann aber weg. Es wäre wichtig, dass er sich meldet. Vielleicht hat er etwas gesehen“, sagt Alexandra Wilhelm.

Ihr Mann wurde sofort in eine Klinik geflogen, heute liegt er in einem Krankenhaus in Ingolstadt. Zehn Tage sollte es dauern, bis der 34-Jährige wieder die Augen aufschlug. „Er ist völlig klar. Das war eine große Erleichterung. Sein Kopf ist zum Glück unversehrt“, sagt seine Frau, „Ein Wunder“ ist das für sie angesichts der Verletzungen, die ihr Mann an den Beinen erlitten hat.

Seit viereinhalb Jahren wohnt das junge Paar in Gilching. „Wir haben uns dort sofort wohlgefühlt“, erzählt Alexandra Wilhelm, die in einer kleinen IT-Firma bei Augsburg arbeitet. Michael Wilhelm ist strategiescher Einkäufer bei einem Starnberger Unternehmen. Die beiden kennen sich seit sechs Jahren, heirateten vor zwei Jahren und haben heute einen kleinen Sohn.

„Für ihn waren die letzten Tage auch sehr schlimm. Er hat die ganze Zeit gefragt, wann sein Papa wiederkommt.“ In der Gemeinde Gilching seien sie sehr schnell heimisch geworden. Michael Wilhelm kommt vom Bodensee, Alexandra Wilhelm ist gebürtige Crailsheimerin. Ihr Mann habe sich dann schon bald dem Verein Guichinger Brauchtum angeschlossen. Und er ist Mitglied der noch recht jungen Starnberger Band „Rocksta“. Es ging ihnen gut, Fotos zeigen die beiden und ihren Sohn strahlend und voller Kraft.

Mann nach Brass-Wiesn überfahren: Freunde geschockt - Verein startet Spendenaktion

Dann kam die Nacht auf den 5. August. Auch die Freunde sind geschockt. René Weber, Vorstand von Guichinger Brauchtum, startete in den sozialen Medien einen Spendenaufruf: „Einem engen Freund von mir ist ein Unrecht geschehen“, schreibt Weber auf seiner Facebook-Seite. „Bitte helft meinem Freund Michl und seiner Familie bei diesem Unglück.“ Unter dem link paypal.com/pools/c/8Mj4hVEnSB sind bereits mehr als 15 000 Euro eingegangen, die Aktion endet in 17 Tagen.

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Was mit dem Geld geschehen soll, dass kann Alexandra Wilhelm heute noch gar nicht absehen. „Ich kann nur in kleinen Schritten denken“, sagte sie gestern im Gespräch mit dem Starnberger Merkur. Die Ärzte gäben keine Prognosen ab. Sicher ist wohl nur: Michael Wilhelm stehen zahlreiche Operationen bevor, der Heilungsprozess wird Zeit und Kraft in Anspruch nehmen.

Erst im August hat Alexandra Wilhelm ihren neuen Job bei dem Unternehmen in Augsburg angefangen, und nun das. „Aber ich habe dort ein sehr nettes Team und einen sehr verständnisvollen Chef.“ Sie sei ein positiver Mensch, das gelte auch für Michael. „Es bringt nichts, jetzt nur zu heulen. Michael würde sich um mich genau so kümmern und das Gleiche tun.“

Der Gedanke, dass jemand einen Menschen umfährt und liegenlässt, der quält sie allerdings. „Er hat in Kauf genommen, dass Michael verblutet.“ Sie frage sich: „Kann man damit leben? Will man damit leben?“ Sie könne sich vorstellen, dass dem Unfallfahrer das Geschehene anzumerken sei.

Nach Unfallflucht: Polizei ermittelt - Bisher keine neuen Erkenntnisse

Dass der oder die Autofahrer/in von dem Unfall nichts bemerkt haben könnte, das schließt sie aus: „Michael hat Reifenspuren auf dem Rücken. Er wurde überrollt. Und er ist kein Grischperl, sondern kräftig.“ Offen ist, mit wem Michael Wilhelm die Stunden vor dem Unfall verbrachte. „Möglicherweise bringt das auch Erkenntnisse über den Heimweg mit sich“, überlegt seine Frau und bittet alle, die mit Michael vor dem Unfall zusammen waren, sich zu melden.

Die Ermittlungen zu dem Unfall haben indessen keine neuen Erkenntnisse ergeben. Karl Höpfl, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord in Ingolstadt, bestätigte, das am Unfallort Teile des Fahrzeugs gefunden worden seien. „Die Ermittlungen sind aber noch nicht soweit gediehen, dass wir eine Fahrzeugfahndung herausgeben können.“ Möglicherweise veröffentlicht die Polizei jedoch zeitnah eine Beschreibung des Mannes, der zuerst am Unfallort war und den Rettungsdienst alarmierte.

Tragischerweise war das Festival bei Eching durch eine weitere Katastrophe in die Schlagzeilen geraten: Ein 25-Jähriger aus dem Landkreis verschwand in der Nacht auf Samstag spurlos, Passanten fanden seinen Leichnam am Dienstag darauf im Echinger See. „Das ist sehr tragisch. Das wünscht sich kein Veranstalter, dass er mit solchen Schlagzeilen in die Zeitung kommt“, sagt Höpfl.

Bei der Familie Wilhelm gab es in dieser Woche zumindest einen kleinen Lichtblick. Der kleine Sohnemann durfte seinen Papa im Krankenhaus besuchen. „Sie haben das ganz toll gemacht in der Klinik, sehr einfühlsam“, freut sich Alexandra Wilhelm. Und auch für ihren Mann Michael sei es ein wichtiger Moment auf seinem Weg gewesen. Sie sagt: „Was geschehen ist, ist schlimm. Aber wir versuchen, positiv zu bleiben.“

Hinweise nimmt die Polizei in Neufahrn unter (0 81 65) 9 51 00 entgegen.

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