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„Wie im Krimi“: Experte untersucht geheimnisvollen Brunnen im Münchner Umland

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Von: Josef Ametsbichler

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Historiker Thomas Warg, links mit einer Gedenkplatte für Abt Philipp Höhenberger aus der Ebersberger Kirche St. Sebastian. Den Brunnen hat dieser wohl nicht angelegt: Den Abt hinderten schwere Geldsorgen an größeren Vorhaben.
Historiker Thomas Warg, links mit einer Gedenkplatte für Abt Philipp Höhenberger aus der Ebersberger Kirche St. Sebastian. Den Brunnen hat dieser wohl nicht angelegt: Den Abt hinderten schwere Geldsorgen an größeren Vorhaben. © Stefan Roßmann

Wie ein Kriminologe wertet Thomas Warg Spuren aus, die ihn auf die Spur des Brunnenbauers im Ebersberger Forst führen sollen. Als Historiker fahndet er in der Vergangenheit.

Landkreis – Die Schlinge zieht sich immer enger. „Es ist wie im Krimi“, sagt Thomas Warg, als er den Laptop mit den Landkarten auf dem Schirm für den Moment beiseite schiebt und eine Klosterchronik aufschlägt. Meinhard, Wernhard, Eberhard: Die Namen der Äbte lesen sich für den Ebersberger Historiker wie eine Liste von Tatverdächtigen. Einer von ihnen muss es gewesen sein, sagt Warg. Einer der Ebersberger Klosterherren hat den Brunnen tief im Ebersberger Forst anlegen lassen, der Laien, Archäologie- und Geschichtsfans und Experten gleichermaßen fasziniert.

Geheimnisvoller Brunnen im Forst: Auf Durchbruch folgt Verdächtigensuche

Der Durchbruch im Labor bei der C14-Datierung der jahrhundertealten Eichenbalken tief am Grund ist für Warg auch ein Signal zum Aufbruch: Jetzt geht es ans Eingemachte bei der Suche nach dem bislang unbekannten Auftraggeber für den Brunnenbau. Das Korsett der Jahreszahlen 1411 und 1444, den Bereich, den die Datierung des Brunnenkastens vorgibt, ist dem Historiker zufolge nicht so eng, wie es scheint. „Man orientiert sich dabei eher am jüngeren Ende der Spanne“, argumentiert er – und nennt eine weitere Jahreszahl: Frühestens könne der Brunnen laut Labor im Jahr 1295 entstanden sein. Und es bleibt die Restmöglichkeit, dass der Brunnenkasten schon einmal erneuert wurde.

„Öffentlicher und notorischer Beischläfer“: Dieser Ebersberger Abt fällt charakterlich durch

Nun ist Warg weder Radiochemiker noch Brunnenbauer. Aber in der Vergangenheit fahnden, das kann er wie kaum ein Anderer. Und so gilt sein historisch-kriminologisches Gespür nun der Liste von Ebersberger Benediktiner-Äbten, die in den fraglichen Zeitraum fallen. Zeitlich wie der Betondeckel auf den Brunnenschacht passen würde der Name Simon Castner – der war 29 Jahre Abt von 1412 bis 1442. Allerdings galt er einer Chronik zufolge als Verschwender und „öffentlicher und notorischer Beischläfer“, der 1434 sogar abgesetzt werden sollte, sich aber einfach weigerte, das Kloster zu verlassen. Ein Fall für andere Kriminalgeschichten aus der Zeit vielleicht, aber für einen fürsorglichen Brunnenbauer ein zu liederlicher Charakter, findet Warg.

„Es muss jemand gewesen sein, der sich nicht nur um den Kirchenbau, sondern auch um den Wald gekümmert hat“, sagt der Kreisheimatpfleger. Dazu brauche es friedliche Zeiten und das nötige Kleingeld. Der Brunnen, das verrate die Bauform, sei binnen eines halben Jahres fertig gewesen. Eine Grube mit einer Rampe musste ausgehoben werden, die nach und nach beim Aufmauern der Brunnenwand verfüllt wurde. Andere brauchten dafür Jahrzehnte.

Hauptverdächtiger beim Brunnenbau: Der Ebersberger Benediktinerabt Otto Siegersdorfer (re.), im Amt von 1299 bis 1343 in einer historischen Zeichnung. Aber auch sein Vorgänger Ulrich Moser (li.), kommt in Frage.
Hauptverdächtiger beim Brunnenbau: Der Ebersberger Benediktinerabt Otto Siegersdorfer (re.), im Amt von 1299 bis 1343 in einer historischen Zeichnung. Aber auch sein Vorgänger Ulrich Moser (li.), kommt in Frage. © Repro: Warg

600 Jahre alter Brunnen im Forst: Das Kloster hatte Geldsorgen

Für Warg fällt auch der von 1385 bis 1412 amtierende Abt Philipp Höhenberger aus, dessen Wirken von notorischen Geldsorgen geprägt gewesen sei – dank seiner Vorgänger Meinhard und Wernhard, über die die Geschichtsschreibung säuerlich vermerkt: „Der Winter verzehrt das, was der Sommer gesammelt.“ Diagnose: Totalausfall.

Gemeint ist jedoch mit dem erwähnten Sommer die Amtszeit eines Otto Siegersdorfer, den Warg auch den „zweiten Gründer des Klosters Ebersberg“ nennt. Denn am 4. Mai 1305, verraten die Chroniken, legte ein Mönch, der Stimmen hörte, Feuer. Und damit Kirche und Kloster in Schutt und Asche. Siegersdorfer, 44 Jahre Abt von 1299 bis 1343, sah zu, dass die Gebäude binnen drei Jahren wieder standen. „und zwar schöner als davor“, sagt Warg.

So einer könnte auch einen Brunnenbau im Forst im Kreuz gehabt haben, sagt der Historiker. Für den „Forestari“ (Förster), dem die „Hutung“ (Bewachung) des Klosterwalds oblag. Zumal historische Karten für das nahe Sigersdorf, aus dem der gleichnamige Abt offenbar stammte, auf Brunnenbau-Freudigkeit schließen lasse – dort habe jeder Hof eine solche Wasserstelle gehabt. Und mehr noch: Die Bausteine für den Brunnen im Forst stammen aus dem nahen Bereich der heutigen Kiesgrube an der Schafweide.

Als gelöst betrachtet Thomas Warg den Brunnen-Fall nicht, obwohl er sagt: „Otto Siegersdorfer ist der Hauptverdächtige.“ Doch gab es auch noch dessen Vorgänger, Ulrich Moser, der eine gelungene Amtszeit hingelegt habe. Und es wäre auch nicht das erste Mal im Forschen um den Forst-Brunnen, dass eine erneute Überraschung die Dinge auf den Kopf stellt.

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