Feuerwehren rüsten sich mit Sichtschutz aus

Sensationsgier der Gaffer: „Es wird immer schlimmer“

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Auch beim jüngsten Unfall auf der A8 bei Brunnthal musste die Feuerwehr mit einem Sichtschutz Gaffer abhalten. 

Feuerwehrmänner müssen bei Unfällen nicht nur die Leben der Opfer retten, sie müssen inzwischen auch die Privatsphäre der Verunglückten beschützen – vor Gaffern. Nun greifen einige Feuerwehren im Landkreis zu einem neuen Mittel.

Landkreis München– Die junge Frau fährt. Der Mann sitzt auf dem Beifahrersitz. Er zückt das Handy und hält drauf. In einem anderen Auto ist der Mann der Fahrer, er hat staunend den Mund offen. Die Frau hockt daneben. In der Hand hält sie eine Spiegelreflexkamera. Sie fokussiert das Wrack, schießt ein oder mehrere Fotos, während andere um ein Leben kämpfen.

Sonntagvormittag, auf der A8 bei Brunnthal. Ein schrecklicher Verkehrsunfall hat sich ereignet. Eine Ehepaar wurde schwer verletzt. Es ist in seinem BMW eingezwickt. Notärzte versuchen es zu retten. Doch zuerst müssen Einsatzkräfte der Feuerwehren Brunnthal und Hofolding das Dach des BWM abschneiden, um die Opfer zu befreien. Gleichzeitig müssen sie eine Sichtschutzwand aufbauen. Sie müssen die Privatsphäre des verunglückten Paars schützen. Vor Gaffern, die in ihren Autos auf der Gegenfahrbahn vorbeischleichen und aus Sensationslust Fotos knipsen.

Privatsphäre mit Füßen treten

Es ist ein Problem, das die Feuerwehrmänner in jüngster Vergangenheit bei Einsätzen stets begleitet: Schaulustige, die Unfälle fotografieren, die Bilder auf sozialen Netzwerken teilen und damit die Privatsphäre von Menschen in Not mit Füßen treten. Das Phänomen tritt vor allem bei Unfällen auf Autobahnen auf, wenn sich am Unglücksort Stau bildet oder Verkehr an der Gegenfahrbahn vorbeifließt. Mitunter kommt es sogar vor, dass Gaffer die Rettungskräfte auf dem Weg zum Einsatzort behindern oder aus Unachtsamkeit selbst Unfälle verursachen, weil sie abrupt abbremsen. „Wir haben immer wieder damit zu kämpfen“, sagt Eduard Klas, Kommandant der Ottobrunner Feuerwehr. Das gezückte Handy sei leider „Standard“.

Mit dem Handy versuchen diese Gaffer noch ein Foto vom Unfall zu erhaschen. 

Auch Garchings Feuerwehrkommandant Christian Schweiger sagt, obwohl inzwischen eine öffentliche Diskussion über das Thema entbrannt sei, „wird es nicht besser“. Der Bundesrat hat im vergangenen Jahr beschlossen, dass Gaffen eine Straftat werden soll. Ein Schaulustiger könnte mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder mit einer Geldstrafe bedacht werden, wenn er einen Unfallretter behindert. Doch weder das noch die Appelle ans moralische Gewissen scheinen zu wirken. Den Feuerwehren im Landkreis bleibt nichts anderes übrig, als sich auf das Problem einzustellen.

Ende vergangenen Jahres haben sich insbesondere Feuerwehren in der Nähe von Autobahnen in einer Sammelbestellung spezielle Sichtschutzwände angeschafft, darunter Hofolding, Brunnthal, Garching, Unterhaching, Ismaning, Taufkirchen und Unterföhring. Laut Kreisbrandrat Josef Vielhuber werden noch weitere Wehren folgen. Bei den Wänden handelt sich um Planen, die in ein Rahmengestell gespannt sind. Läuft ein Einsatz, können die Feuerwehrmänner diese Wand relativ schnell aufstellen. „Das ist eigentlich bedauerlich, dass man zu solchen Mitteln greifen muss“, sagt Vielhuber.

Schlimmer, weil jeder ein Smartphone hat

Klar ist: Das Aufstellen der Wände kostet Zeit und bindet Einsatzkräfte, die den Unfallopfern ansonsten auf andere Art und Weise helfen könnten. „Ich brauche jetzt vier Leute, die diese blöde Sichtschutzwand aufstellen“, sagt Kommandant Klas, der schon vieles im Zusammenhang mit Gaffern erlebt hat. Er könne ja nachvollziehen, wenn jemand beim Vorbeifahren aus dem Fenster schaue. Nicht aber, wenn jemand extra langsam vorbeifahre, um ein möglichst gutes Foto mit dem Smartphone zu knipsen. Diese Leute seien geltungssüchtig. Sein Kollege Schweiger spricht von „Sensationsgeilheit“. Das sei sicher schlimmer geworden, seitdem jeder ein Smartphone besitze, meint er. Dabei scheint auch das Ausmaß des Unfalls eine Rolle zu spielen. „Je spektakulärer, desto mehr wird gefilmt und gegafft“, sagt Vielhuber.

Aufgebrachte Feuerwehrleute der Feuerwehr Hofolding weisen einen Gaffer zurecht. 

Und was kann man dagegen tun? Die Feuerwehrmänner sind ratlos. Man müsse sich darauf einstellen und Abhilfe schaffen etwa mit Sichtschutzwänden, meinen sie. So sei die Gesellschaft eben, sagt Eduard Klas. Die Feuerwehr Ottobrunn habe sich bereits vor zwei Jahren eine solche Wand angeschafft. Anlass sei ein schrecklicher Unfall gewesen. Viele Menschen hätten gegafft, sagt Klas. „Anschließend haben wir uns gesagt: Jetzt reicht ’s!“

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