Paukenschlag in Taufkirchen

Mobbing? Bürgermeister des Amtes enthoben!

+
Wollte Taufkirchen mit den „Hallo“-Buttons zur höflichsten Gemeinde erziehen: der suspendierte Bürgermeister Jörg Pötke

Taufkirchen - Der Bürgermeister geht bei Nacht. Während sich in den USA die Zukunft einer Nation entscheidet, sind die Würfel für den Taufkirchner Rathauschef Jörg Pötke (66) gefallen.

Kurz nach 24 Uhr schreibt er von seinem Büro aus Mails an Gemeinderäte, Mitarbeiter und Presse: „Die Landesanwaltschaft hat verfügt, dass ich mit sofortiger Wirkung vorläufig des Dienstes enthoben bin.“ Dann packt er seine Sachen und verlässt vier Stunden später das Rathaus.

Seit Jahresbeginn herrschte miese Stimmung zwischen Verwaltung und Bürgermeister. Schon im Januar bröckelt das Bild des Wohlfühl-Bürgermeisters. Der Mann, der seinen Bürgern einst eigenhändig „Hallo“-Buttons ansteckte, um sie zu mehr Herzlichkeit zu erziehen, soll im Rathaus ein Klima der Angst geschaffen haben. Mitarbeiter fühlen sich gemobbt, werden reihenweise krank, klagen gegen ihren Chef. Die Verwaltung liegt zeitweise lahm. Das Landratsamt hält die Vorwürfe schließlich für so ernst, dass es die Sache Mitte Mai an die Landesanwaltschaft abgibt.

Die hat nun entschieden: Pötke muss abtreten. Zumindest vorerst. Denn er, der die Querelen um seine Person immer „sportlich“ nahm und stets betonte, mit alten Missständen im Rathaus aufräumen zu wollen, will sich nicht geschlagen geben. Er sei „zuversichtlich, dass dieses ‚vorläufig‘ nicht in ein ‚dauerhaft‘ mündet“, sagte er dem Münchner Merkur. Er habe keine faire Chance gehabt, sein Weg werde vors Verwaltungsgericht München führen.

Für Mitarbeiter und Gemeinderäte muss das wie eine bittere Drohung klingen. Monatelang haben sie sich an ihm die Zähne ausgebissen. Sie haben ihn mit Klagen überhäuft. Ein kleiner Erfolg im Juli: Der Bürgermeister muss auf richterlichen Beschluss Falschanschuldigungen gegen einen Mitarbeiter öffentlich zurücknehmen.

Manch einen hätten die Anfeindungen und Rücktrittsforderungen längst ins Wanken gebracht. Der gebürtige Hamburger aber segelt gern „hart am Wind“, wie er sagt. So auch bei seinem letzten großen Auftritt – die Bürgerversammlung Mitte Oktober. Hier bäumt sich der Chef noch einmal auf, trotzt Pfiffen und Beschimpfungen, die seine Gegner ihm entgegenschmettern, mit betont breiter Brust. Viele sind da. Sie alle hören Pötke sagen: „Ja, ich bin fehlbar.“ Dass an der Leinwand über des Bürgermeisters Kopf stundenlang das Wort „Harmonie“ leuchtet, lässt seine Selbstkritik aber wie Zynismus erscheinen.

Möglich, dass ihn seine Unnachgiebigkeit zu Fall gebracht hat. Sicher, dass die fraktionslose 2. Bürgermeisterin Angelika Steidle nun alle Kräfte aufbringen muss, um Taufkirchen aus seiner Stagnation zu befreien. Neuwahlen wird es erst geben, wenn das Verwaltungsgericht die Suspendierung bestätigt.

Die Landesanwaltschaft ist sich aber nach stundenlangen Befragungen von 18 Zeugen sicher: „Nach unserer Einschätzung hat ein Vorgesetzter, der die ihm gegenüber seinen Mitarbeitern obliegende Fürsorgepflicht in grobem Maße verletzt, ein schweres Dienstvergehen begangen.“

Marcus Mäckler

Wenn der Job zur Hölle wird

Von Mobbing am Arbeitsplatz spricht man, wenn sich ein Mitarbeiter von den Kollegen herabgewürdigt fühlt und die beruflichen Abläufe als bedrohlich empfindet. Mobbing-Opfer leiden häufig unter Konzentrationsstörungen, sind ängstlich, fühlen sich ausgelaugt und grübeln auch nach Feierabend noch über die Situation im Büro nach. In Deutschland sind rund 1,5 Millionen Menschen davon betroffen.

Meist beginnt Mobbing mit kleinen Störungen im Arbeitslauf. „Die Täter versuchen den Kollegen durch unbemerkbare Aktionen zu verunsichern. Zum Beispiel sorgen sie für Unordnung im Postfach. Das schränkt die Arbeitsleistung ein“, erklärt Dr. Herbert Nickl, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Im weiteren Verlauf werden die Attacken aber immer offensichtlicher. So werden dem unliebsamen Kollegen Informationen nicht mehr weitergegeben, die er benötigt, um seine Arbeit richtig zu erledigen.

„Mobbing muss allerdings nicht immer gezielt passieren“, so Nickl. „Sehr dünnhäutige Menschen fühlen sich manchmal gemobbt, obwohl der Kollege sich nur ungeschickt ausdrückt.“ Prinzipiell kann Mobbing jeden treffen. Sensible Menschen gehen nur anders damit um und fühlen sich schneller angegriffen. Nickl rät Betroffenen, sich frühzeitig bei einer unabhängigen Beratungstelle Hilfe zu holen. In der Arbeit sollte man den Betriebsrat einschalten, bevor man den Vorgesetzten informiert. Die Täter alleine anzusprechen hält er für schwierig: „Wer wütend oder ängstlich auftritt, macht sich nur noch angreifbarer“, glaubt der Experte. Besser ist es, einen Vermittler mitzubringen und bedacht vorzugehen.

Auch den Arbeitsplatz sollte man nicht sofort wechseln, wenn es Probleme gibt: „Das ist wirklich das allerletzte Mittel. Davor sollte man im Team nach einer guten Lösung suchen“, meint Nickl.

Beate Winterer

auch interessant

Meistgelesen

Frau von Lkw gerammt: „Da ist man auch als Polizist betroffen“
Frau von Lkw gerammt: „Da ist man auch als Polizist betroffen“
Pflege zu teuer: Pensionär holt seine Frau wieder nach Hause
Pflege zu teuer: Pensionär holt seine Frau wieder nach Hause
Vermisster 23-Jähriger wieder aufgetaucht
Vermisster 23-Jähriger wieder aufgetaucht
Schulbus auf Irrfahrt: Kinder in Panik
Schulbus auf Irrfahrt: Kinder in Panik

Kommentare