Odyssee nach Hause 

Busfahrer lässt Schulkind (7) einfach stehen

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Sicher in Mamas Auto: Die siebenjährige Simone ist froh, wieder zu Hause zu sein. Kurz zuvor setzte sie ein Busfahrer an einer entlegenen Haltestelle ab. Simones Mutter hatte drei Stunden lang Angst um ihre Kleine.

Ebersberg – Der Albtraum jeder Mutter: Ihr Kind kommt mittags nicht aus der Grundschule, keiner weiß, wo es ist. So war’s am Dienstag: Die siebenjährige Simone aus Ebersberg stand im fernen Moosach allein auf der Straße.

Sie war in den falschen Bus gestiegen – und der Fahrer setzte sie einfach ab.

„Ein Riesenwurm“, räumt der Busunternehmer Wolfgang Ettenhuber aus Glonn ein. Man werde in Zukunft dafür sorgen, „dass das nicht mehr passiert“. Normalerweise werde in so einem Fall die Fahrdienstleitung informiert, die sich um das Kind kümmere. Ein Schichtwechsel sei für die mangelnde Kommunikation ursächlich gewesen. „Eine ganz unglückliche Sache.“

Alles beginnt mit einem Missverständnis: Es ist Dienstag gegen Mittag. Die Schule ist aus und die kleine Simone fragt den Busfahrer, ob er nach Tal fahre. Sie meint den Ebersberger Ortsteil Im Tal. Der Busfahrer bejaht, meint aber Thal in Oberpframmern. Ziemlich weit weg für eine Siebenjährige, die allein unterwegs ist. Als der Bus Ebersberg verlässt, weiß Simone, dass sie nicht mehr auf dem Heimweg ist. Sie bittet den Fahrer, sie nach Ebersberg zurückzubringen. „Stattdessen setzt er Simone in Moosach auf die Straße mit der Bemerkung, sie solle auf den Bus nach Grafing warten und dann mit der S-Bahn nach Hause fahren“, sagt die Mutter. Moosach ist zehn Kilometer von Ebersberg entfernt.

Der Fahrer hat ein Telefon, bittet, wie Ettenhuber sagt, den Kollegen im entgegenkommenden Bus, die Kleine mit nach Grafing zu nehmen. Daran, die Mutter des Kindes selbst anzurufen, denkt er nicht. Simone hat kein Telefon und keinen Knopf Geld dabei. Sie hat sich aber den Weg eingeprägt und beginnt einen Fußmarsch zurück. Warten will sie nicht, denn ins Busfahren hat sie kein Vertrauen mehr.

In Falkenberg liest sie ein Schild mit der Aufschrift: „Grafing 6 Kilometer“ und biegt rechts in den Moosacher Weiler Baumhau ab. Dort schaut Renate Murr aus dem Fenster, sieht das weinende Grundschulkind und denkt sich: „So ein Schulmädel haben wir hier im Dorf gar nicht.“ Murr macht das Fenster auf und spricht das Mädchen an, das unter Tränen seine Geschichte erzählt. „Ich bin schon so weit gegangen“, soll sie gesagt haben.

Auf ihrem Weg hätte sie noch sechs Kilometer auf einer wenig befahrenen Ortsverbindungsstraße vor sich gehabt. Simones Mutter will sich das Dilemma ihrer Kleinen „gar nicht vorstellen“. Schließlich habe sie ihr immer eingeprägt, nicht in fremde Autos zu steigen. Ihre Telefonnummer zu Hause hat das Mädchen nicht vergessen, es fasst Vertrauen zu der Frau, die sie aus dem Fenster anspricht. „Komm’ rein, ich tu dir nichts Schlimmes“, sagt Murr und ruft die Mutter des Schulmädchens an.

Die Mama ist erleichtert, dass sie endlich Nachricht von Simone bekommt. Inzwischen ist es 14.45 Uhr. Aber bald nach der Erleichterung kommt die Verärgerung: Die Mutter hat „absolutes Unverständnis für so viel Verantwortungslosigkeit in der Schülerbeförderung“. Ettenhuber bedauert den Vorfall sehr, spricht aber von einem „absoluten Einzelfall“. Als die Mutter ihn am Telefon zur Rede stellt, kennt er den Vorfall noch nicht. „Heimgekommen sind sie noch alle“, habe man ihr am Telefon erklärt, sagt die Mutter.

Den Namen der Familie erfährt der Busunternehmer erst von unserer Zeitung. Er hat versprochen, mit ihr Kontakt aufzunehmen und sich zu entschuldigen. „Gott sei Dank ist die Simone kein empfindliches Kind“, sagt die Mutter. „Aber Busfahren ist für sie erst einmal erledigt.“

Michael Seeholzer

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