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Bus-Chaos nach GAP-Zugunglück: Bürgermeister mit Brandbrief an Deutsche Bahn

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Von: Josef Hornsteiner, Laetitia Foerster

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Proppenvoll ist der Schienenersatzbus für Schüler, die vom Isartal nach Garmisch-Partenkirchen müssen.
Proppenvoll ist der Schienenersatzbus für Schüler, die vom Isartal nach Garmisch-Partenkirchen müssen. Ein Reingeschoppere. Grad so, dass die Backen nicht an der Scheibe pappen. Sozialpädagogin Beatrice Schönauer über die Situation im Bus. © privat

Der aktuelle Schienen-Ersatzverkehr im Landkreis Garmisch-Partenkirchen nach dem Zugunglück sorgt für Chaos. Kinder müssen sich in überfüllte Busse quetschen, teilweise werden sie gar nicht abgeholt.

Mittenwald – Er kommt nicht. Es ist 7.15 Uhr und viele Kinder warten vergebens auf ihren Schulbus am Mittenwalder Bahnhof. Die Minuten vergehen. Um 7.30 Uhr rufen die Schüler zu Hause an. Den Eltern bleibt nichts anderes übrig, als ihre Schützlinge selbst nach Garmisch-Partenkirchen zu fahren: in Privatautos. Wo der Schienenersatzverkehr am Montagfrüh abgeblieben ist – ein Rätsel.

Diese morgendliche Tortur mit vollen, verspäteten oder ausgefallenen Bussen, genervte Passagiere – der Schienenersatzverkehr sorgt seit dem Bahnunglück am 3. Juni in Garmisch-Partenkirchen für Chaos. Seither steht der Zugverkehr zwischen Oberau und Mittenwald still. Für diejenigen, die auf den Zug angewiesen sind, eine nervliche Zerreißprobe.

Nach Zugunglück bei Garmisch-Partenkirchen: Schienenersatzverkehr kommt nicht

Beatrice Schönauer ist von der derzeitigen Situation empört. Die Sozialpädagogin aus Mittenwald ist selbst Mutter eines Sohnes, der regelmäßig die öffentlichen Verkehrsmittel nutzt, um in die Schule zu kommen. Seit Juni eine Belastungsprobe. Ein Gelenkbus soll laut Schönauer für die gesamte Isartaler Schülerschaft herhalten. „In den Bus müssten knapp 180 Leute reinpassen. In der Praxis sitzen 80 bis 100 und der Rest muss stehen“, berichtet die Sozialpädagogin. In den Gängen und im Einstieg quetschen sich die Kinder geradezu in den Bus. „Ein Reingeschoppere. Grad so, dass die Backen nicht an der Scheibe pappen.“

Kinder fühlen sich nicht wohl mit der Enge, sie sind besorgt.

Sozialpädagogin Beatrice Schönauer über die Situation in den Bussen

Trotzdem zeigt Schönauer Verständnis: „Die Bahn war natürlich nicht drauf eingestellt, Busse können nicht gestrickt werden.“ Ob sich etwas ändert, wagt die Mittenwalderin jedoch zu bezweifeln. „Als Elternteil fühlt man sich machtlos.“ Doch es gibt auch einen Lichtblick: Mit den Sommerferien ab dem 1. August soll auch ein Ende des Schienenersatzverkehrs kommen. Die Sozialpädagogin hofft darauf, dass in den sechs Wochen etwas passiert. „Es gibt keine Alternative, die Kinder müssen ja irgendwie in die Schule kommen.“

Viele Beschwerden auch im Rathaus

Auch Mittenwalds Bürgermeister Enrico Corongiu (SPD) kann nachvollziehen, dass die Situation aufgrund der tragischen Geschehnisse im Juni für die Bahn nicht ganz einfach ist. „Nichtsdestotrotz sind wir unglücklich mit dem Schienenersatzverkehr.“ Die Zugalternative führt zu vielen Beschwerden. „Anfangs gab es viel zu wenig Busse, das hat sich aber schon gebessert“, sagt der Rathaus-Chef.

Gehapert habe es zudem an nicht-ortskundigen Busfahrern. Laut Corongiu sollen manchmal die Fahrgäste gefragt worden sein, wo es lang ginge. Gerade in der touristischen Hochsaison ein großes Ärgernis. „Tagestouristen und Kurzentschlossene werden abgeschreckt.“

Am Münchner Hauptbahnhof wird sogar von Reisen abgeraten - „Ein Unding“

Satte dreieinhalb bis vier Stunden Verspätung stehen derzeit auf der Tagesordnung. Am Bahnhof in München wird Ausflüglern sogar von Bahnreisen ins Werdenfelser Land abgeraten. „Ein Unding.“ Informationen – Fehlanzeige. Fahrgäste stehen oft ratlos am Bahnhof. „Die Kunden werden im Regen stehen gelassen. Selbst im Internet gibt es nichts außer Zug-Ausfälle.“ Auch Einheimische sind von den Einschränkungen betroffen. Viele nutzen den öffentlichen Nahverkehr, um in die Arbeit zu kommen.

„Das funktioniert nicht, sich nach neun Stunden Arbeit sowas noch anzutun.“ Corongiu möchte nicht tatenlos zusehen. Am vergangenen Montag verschickte er einen Brandbrief an die Deutsche Bahn. Die Forderungen: Einen vernünftigen Schienenersatzverkehr, eine vernünftige Informationspolitik. „Das wäre für die Deutsche Bahn ja auch von Vorteil.“

Täglicher Jour Fixe mit Bahn soll helfen

Mit dem Landratsamt Garmisch-Partenkirchen steht der Mittenwalder Bürgermeister schon in engem Austausch. Die zahlreichen Beschwerden der Fahrgäste waren Grund genug, Maßnahmen zur Verbesserung zu ergreifen: Seit Mittwoch, 29. Juni, gibt es ein tägliches Jour fixe mit Vertretern der Deutschen Bahn und dem Landratsamt, um mit Sofortmaßnahmen und Feinjustierungen die einzelnen Probleme zu beheben. „Bezüglich des Schienenersatzverkehrs aus dem Isartal wurde vereinbart, dass seit Mittwoch, dem 6. Juli, ab Mittenwald zwei Schüler-Busse gleichzeitig fahren, um die Kapazitäten besser zu verteilen“, sagt Behördensprecher Stephan Scharf.

Ende Juni konnten einige Schüler aus Mittenwald und Klais von den Bussen nicht mitgenommen werden. Ein Ersatz traf zu spät ein. Nach diesem Vorfall wurde für den Schülerverkehr höchste Priorität eingeräumt, versichert Scharf. Seit gestern fahren noch mehr Busse in engerem Takt nach Garmisch-Partenkirchen.

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Deutsche Bahn nennt Grund für Chaos

Auch eine Sprecherin der Deutschen Bahn gelobt weitere Verbesserungen. Grund für das Chaos seien die Ressourcen: „Der hohe Dieselpreis und der flächendeckende Mangel an Fahrpersonal im Zusammenspiel mit der nach Corona weiterhin ansteigenden Nachfrage an Beförderungsleistungen sorgen derzeit für einen massiven Nachfrageüberhang am Markt.“

Nichtsdestotrotz versuche der Bahnbetreiber, die maximal mögliche Leistung auf die Straße zu bringen. „Unser aktuelles Ersatzkonzept läuft bis auf Weiteres und ist abhängig von der Freigabe der Unfallstelle durch die Staatsanwaltschaft sowie der Instandsetzung der Strecke“, informiert die Bahnsprecherin. Es gilt zu hoffen, dass sich die Situation bald wieder normalisiert.

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