So entsteht unsere Weihnachtstanne

Ein Jahr im Leben eines Christbaums. Eine Reportage

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Fulltime-Job Christbaum-Züchter: Stefan Spennesberger muss sich das ganze Jahr über um seine Tannen kümmern.

Dachau - Der Christbaum-Klassiker in Bayerns Wohnzimmern ist die Tanne. Stefan Spennesberger aus der Dachauer Gegend züchtet sie, auf einem 300.000 Quadratmeter großen Feld. Wir haben ihn ein ganzes Jahr lang begleitet.

Stefan Spennesberger, 42, groß, breite Schultern, steht in einem Meer von Tannenbäumen. Es duftet nach Harz. So weit das Auge reicht, stehen Tannen auf dem Acker bei Oberweilbach im Kreis Dachau. Kleine, große, schlanke, breite. Spennesberger kennt jede einzelne. Er hat sie alle gepflanzt, großgezogen – und er wird sie verkaufen. Denn er ist Christbaumzüchter.

Seine Christbaumkulturen stehen auf 300 000 Quadratmetern nördlich von Dachau an drei Standorten: Oberweilbach, Hörgenbach und Petershausen. „Manche glauben, wir arbeiten nur zwei Monate im Jahr“, sagt Spennesberger und lacht. In Wahrheit sieht das ganz anders aus: 365 Tage im Jahr brauchen die Christbäume Pflege. Seit 30 Jahren.

Die Christbaumzucht ist ein Familienunternehmen. Mit einem Stück Wald seiner Eltern hat alles begonnen. In der neuen Generation sind alle dabei. Seine Frau Nicole Spennesberger, 42, packt mit an und Sohn Michael, 19, soll nach seiner landwirtschaftlichen Lehre den Betrieb übernehmen. Thomas, 16, und Susanne, 14, helfen auch mit.

Jeder Baum der Spannesbergers bekommt eine Nummer. Damit kann zurückverfolgt werden, was einem Baum im Laufe seines Lebens widerfahren ist – und das ist einiges. Eine Christbaum-Jahreschronik.

Januar: Weihnachten naht wieder, Hilfe!

Spätestens am Zweiten Weihnachtsfeiertag schleicht sich der Gedanke an die neue Saison an: „Ich bin immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten“, sagt Stefan Spennesberger Seit vergangenem Jahr hat die Familie zum Beispiel einen Online-Shop. Aber nur Nachdenken im Januar? Keineswegs. Aufräumarbeiten stehen an. Einige Stümpfe müssen nachgeschnitten werden. Soll nicht heißen, dass Spennesberger etwas falsch gemacht hätte beim Fällen. Doch seine Kunden dürfen ihren Baum auf Wunsch auch selbst abholzen – und da sind nicht nur Profis am Werk.

Februar: Der größte Feind? Das Reh

Die Hauptaufgabe ist jetzt, dafür zu sorgen, dass die Jungbäume nicht zum Drei-Gänge-Menü für Wildtiere werden. Vor allem Rehe knabbern die Bäume an, die hellgrünen Spitzen sind richtige Leckerbissen. „Das verzeiht der Baum dann fast nicht mehr“, erklärt Spennesberger. „Da helfen nur gute Zäune.“ Die Rehe und auch Hasen sollen gar nicht erst in die Nähe seiner Schützlinge kommen. Deshalb überprüft er jetzt die kilometerlangen Zäune, die die 300 000 Quadratmeter eingrenzen – und falls nötig, repariert er sie.

März: Der Boden des Erfolgs

Die ersten Knospen sprießen. Für Spennesberger der Startschuss, sich um die Christbaum-Erde zu kümmern. Durch Pflügen und Fräsen wird der Boden für die neuen Pflanzen vorbereitet, Kompost düngt. Ein weiterer Punkt auf seiner Liste: Bodenproben entnehmen. Die lässt er in einem Labor untersuchen, auch Nadeln schickt er zur Analyse ein. So erfährt Spennesberger, welche Stoffe die Pflanze aus dem Boden aufnimmt. Daran orientiert er sich, wenn er den Dünger zusammenstellt.

April: Jetzt kommt er, der Spezial-Dünger

In den vorbereiteten Boden setzt Stefan Spennesberger die jungen, neuen Pflanzen ein. Nicht jedes Bäumchen wird mal ein ausgewachsener Christbaum: Zwischen ein und fünf Prozent schaffen es nicht. „Heuer waren wir im Frühjahr unter einem Prozent“, sagt er stolz. Die spezielle Düngermischung kommt nun zum Einsatz, aber „nicht großflächig“, betont Spennesberger. „Bis zum dritten Standjahr wird jeder Baum einzeln gedüngt.“ Etwa per Hand? Zum Teil. Den Rest erledigt er mit einem sehr schmalen Traktor. Bis zu drei Wochen dauert das Prozedere. Kein Wunder, das Gebiet ist so groß wie 40 Fußballfelder.

Mai: Ewiger Kampf gegen das Unkraut

Langsam wird es wärmer – zur Freude des Unkrauts. Dem rückt Spennesberger sofort zu Leibe. „Das muss dringend gemacht werden.“ Je früher, desto besser. Auch das macht er mit dem Mini-Bulldog. Aber wo der nicht hinkommt, werden die unliebsamen Sprösslinge mit der Hand entfernt. „Das Unkraut konkurriert mit dem Baum um das Wasser.“ Nichts wie raus mit den Nahrungsdieben.

Juni: Schönheit geht auch bei Tannen vor

Die Tannen bekommen jetzt einen Form- und Korrekturschnitt. „Vor allem in der Breite müssen wir regulieren.“ Denn: Der bayerische Durchschnittskäufer bevorzugt den schmalen Baum. Mit der Heckenschere schnibbelt er sorgfältig an den Ästen herum. Ganz wichtig: „Die Natürlichkeit darf nicht verloren gehen“, sagt der Züchter. Wenn aber die Spitze eines Baumes zu schief oder zu lang ist, hilft nur ein beherzter Korrekturschnitt. Schließlich soll da irgendwann eine Christbaumspitze draufpassen.

Juli: Tage der Entscheidung

So langsam wandelt sich das Hellgrün der jungen Nadeln in ein sattes, weihnachtliches Dunkelgrün. Jetzt, im Hochsommer, muss Spennesberger festlegen, welcher Baum über den Verkaufstisch gehen soll. Und zu welchem Preis. Er marschiert mit einem Helfer durch die Reihen seiner Bäume. Von morgens bis mittags, etwa vier Wochen lang, jeden Tag. „Wir kennen jeden Baum persönlich“, sagt er. Man glaubt es ihm sofort. An manche macht er ein rotes Band, ein „Prima Baum“. Der Züchter erklärt: „Der ist ideal, der ist breit, füllig, fett.“ Der meistgekaufte Baum aber ist der „Standardbaum“. Der ist etwas schmaler und kriegt ein gelbes Band. Die dritte Kategorie bekommt ein blaues Band. Das ist ein sogenannter „Aktionsbaum“. „Der hat gewisse Fehler“, sagt Stefan Spennesberger und lacht. Mal fehlt die Spitze, mal sind die Abstände zwischen den Ästen zu groß. Aber auch diese Tannen finden Abnehmer. Schließlich kosten sie auch weniger, der kleinste etwa 9 Euro. Ansonsten gilt ein Meterpreis zwischen 18 und 20 Euro. Bäume, die keine Christbäume geworden sind, kriegen ein rot-weißes Absperrband verpasst. Sie werden zu Zweigen verarbeitet.

August: 35 Grad – und Weihnachten im Blick

Spennesberger richtet den Blick jetzt auf den Verkauf. Und das bei 35 Grad im Schatten. „Wir haben heuer zehn neue Stände, die müssen wir vorbereiten.“ Zwölf sind es jetzt insgesamt, sie stehen grob gesagt zwischen Dachau und Freising verteilt. Und natürlich auf dem Hof in Oberweilbach. Der Züchter und seine Angestellten haben die Verkaufsstände zum Teil selbst gebaut.

September: Ein neuer Acker muss her

Das Telefon klingelt. Dran ist der Chef einer Firma, die gerne im Dezember bei Stefan Spennesberger ihre Weihnachtsfeier abhalten will. Denn auch das bietet der Tannenexperte an. Weihnachtsfeiern im Zelt mit Catering – und jeder darf sich seinen eigenen Baum fällen. „Es gibt auch einige, die schon im Dezember für das nächste Jahr buchen“, sagt Spennesberger.

Neben den Reservierungen kümmert sich Spennesberger um einen neuen Acker. Sechs Hektar Fläche kommen zu seinem Areal dazu. Für die Zäune wird ringsum ein 30-Zentimeter-Graben geschaufelt. „Je tiefer, desto schlechter kommen die Kaninchen und Hasen durch.“

Oktober: Mulchen für die Kunden

Bis zum großen Finale im Jahr eines Christbaumzüchters sind es noch knapp zwei Monate. Im Oktober sorgen Stefan Spennesberger und seine Helfer dafür, dass die Wege zu den Bäumen gut in Schuss sind: Mulch drauf, Gras raus. Die Käufer, die sich ihren Baum selbst schlagen, sollen problemlos zu ihrem Traum-Baum gelangen. Für die Wiesen, auf denen die Verkaufsstände stehen, gilt dasselbe: Da wird im Oktober ein letztes Mal gemäht. Und dann bereitet Spennesberger die erste Lieferung vor: „Für die Supermärkte bündeln wir Tannenzweige“, erzählt er.

November: Alles geht zack, zack, zack!

Nachdem die Bündel ausgeliefert sind, „geht es zack, zack“. In Oberweilbach ist nämlich elf Monate im Jahr nichts los – nur im Dezember geht’s rund. Deshalb muss Spennesberger Schilder aufstellen, um die Christbaumkäufer zum Feld zu lotsen. Parkplätze für rund 300 Autos weist er aus, den Schilder-Genehmigungswahnsinn hat er schon hinter sich. Ansonsten wird alles geputzt und hergerichtet.

Dezember: Das große Christbaum-Finale

Der Verkauf geht los. Die Bäume werden gefällt und ohne Lagerung direkt zu den Ständen gebracht. Ein großer Teil bleibt auf dem Feld stehen, damit die Kunden selbst fällen können. Die Spennesbergers zelebrieren ihren Christbaumverkauf: Auf dem Parkplatz am Waldrand von Oberweilbach steigen die Kunden in den Traktor um, der sie zum Verkaufsareal bringt. Mitglieder von ortsansässigen Vereinen kümmern sich um die Bewirtung: Glühweinkocher und Würstelgrill, 500 Semmeln gehen an einem Wochenende weg. Stefan Spennesberger selbst pendelt im Dezember von Stand zu Stand. Mal ist er in Dachau, mal in Oberweilbach. Zeit zum Durchschnaufen: Fehlanzeige. „Es macht Spaß – also meistens“, sagt der Züchter und lacht.

Nur eines ist natürlich klar bei einer Christbaum-Züchter-Familie: Der eigene Baum soll ein besonders schönes Exemplar sein. „Da legen wir großen Wert darauf“, sagt er. Er trifft eine Vorauswahl, die Familie entscheidet dann gemeinsam, welcher Baum ins Wohnzimmer kommen soll. In der Regel ist der groß und breit. Zwischen dem dritten und vierten Advent fällt ihn Stefan Spennesberger, seine Frau Nicole und Tochter Susanne schmücken. Am 24. Dezember feiert die Familie unter einem Baum, den sie Schritt für Schritt begleitet hat – vom Setzling über jahrelange Pflege bis zum Schmuck.

Und gleich nach Heiligabend geht alles wieder von vorne los.

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