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2G-Regel trifft Jugendliche hart: Bayerische Mutter kocht vor Wut - „Mein Kind weint seit drei Tagen“

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Von: Katharina Haase

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Jugendliche in der Corona-Pandemie
Die 12 bis 17-Järhigen sind von der 2G-Regel in Bayern hart getroffen. © Paul Zinken/dpa/Illustration

Susanne K. aus Haimhausen (Landkreis Dachau) ist außer sich. Die 2G-Regel, die nun in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens in Bayern gilt, trifft ihre Familie hart. Vor allem die jüngste Tochter ist verzweifelt.

Haimhausen - Wie erklärt man seinem Kind, dass es in wenigen Wochen fast komplett vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen sein wird - und das nur, weil es Geburtstag hat? Diese Frage hat sich auch Susanne K. in den vergangenen Tagen gestellt. Die 49-jährige Diplom-Chemikerin, die ihren vollen Namen zum Schutz ihrer Kinder lieber nicht preisgeben will, lebt mit ihrem Mann und ihren beiden elf und 14 Jahre alten Töchtern in Haimhausen im Landkreis Dachau. Die jüngere Tochter, Maya**, hat in wenigen Wochen Geburtstag, dann wird sie zwölf. Doch freuen kann sich das Mädchen auf ihren Geburtstag nicht. Grund ist die aktuelle Corona-Verordnung der bayerischen Landesregierung.

Die Krankenhausampel im Freistaat steht seit Montag, 8. November, auf Rot. Über 600 Covid-Patienten liegen landesweit auf den Intensivstationen, Tendenz steigend. Deshalb gilt nun in ganz Bayern eine verschärfte 2G-Regel. Das bedeutet, dass viele öffentliche Orte nur noch von Personen besucht werden können, die gegen das Coronavirus geimpft oder bereits davon genesen sind. Die Regelung betrifft vor allem Freizeiteinrichtungen wie Schwimmbäder, Sporthallen und Kinos, aber auch Restaurantbetreiber und Hoteliers dürfen sich in ihrem Betrieb für eine 2G-Regel entscheiden.

2G-Regel in Bayern trifft Jugendliche schwer: Mutter in Rage - „Mein Kind weint seit drei Tagen“

Maya ist Schwimmerin. Eine sehr gute sogar. Mit dem Sportclub Prinz Eugen in München trainiert das Mädchen, das seit Juni dem Bayerischen Landeskader angehört, derzeit sechs Mal pro Woche. Während den beiden Lockdowns saß Maya über Monate hinweg auf dem Trockenen. Nun droht ihr das gleiche Schicksal erneut. „Selbst wenn sie am Tag ihres Geburtstags ihre erste Impfung bekommt, dauert es bis zur vollständigen Immunisierung mindestens fünf Wochen“, rechnet die Mutter vor. Fünf Wochen, in denen für Maya wieder alles wegfällt, was Spaß macht. „Ich habe ein Kind zu Hause, dass seit drei Tagen weint, weil es so riesige Angst hat, dass es jetzt wieder rausfliegt. Wie soll ich meiner Tochter vermitteln, dass Söder sie einfach vergessen hat?“

Für die Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen gilt die Impfempfehlung der Stiko erst seit August. Die meisten Jugendlichen sind noch ungeimpft, alle Aktivitäten, für die nun eine 2G-Regel gilt, sind für sie demnach unmöglich geworden. Einzige Ausnahme: Freizeitaktivitäten, die ein Kind ausübt, wie etwa eine Sportart oder das Spielen eines Instruments, bleiben erlaubt (die Regeln im Überblick). Das verkündete Gesundheitsminister Klaus Holetschek am Dienstag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Ministerpräsident Söder. Diese Übergangsregelung soll vorerst bis Ende des Jahres andauern. Maya wird erst im Dezember zwölf. Ob sie dann auch im Januar noch ungeimpft schwimmen darf, ist unklar. Von allen anderen oben genannten Aktivitäten bleiben sie und ab heute auch alle anderen 12- bis 17-Jährigen jedoch ohnehin ausgeschlossen.

Selbst an den Orten, an denen die 3G-Plus-Regel greift, man also auch mit einem negativen PCR-Testergebnis Zutritt erhält, wird es schwierig für die Jugendlichen, denn ein PCR-Test kostet rund 80 Euro. Eine Summe, die viele Familien nicht einfach so mehrfach pro Woche bezahlen können. „Das ist die Familienpolitik dieses Landes“, resümiert Susanne K. Sie klingt verbittert.

Kinder und Jugendliche in Bayern leiden unter 2G-Corona-Verordnung

Sie hätte ihre Tochter gerne bereits früher impfen lassen, damit sich der Impfschutz bis zu Mayas zwölften Geburtstag bereits vollständig entwickeln könne, so K. Doch kein Arzt habe entgegen der Stiko-Empfehlung handeln und ihre erst elfjährige Tochter impfen wollen. „Und das, obwohl sie in den USA sogar noch jüngere Kinder impfen.“ Bereits vor Wochen habe sie bei der Landesregierung und dem Bundesgesundheitsministerium angefragt, wie es denn nun im Fall der vielen betroffenen Jugendlichen weitergehen solle und ob es nicht möglich sei, auch jüngere Kinder bereits impfen zu lassen, erzählt K. Doch ihre Anfragen blieben unbeantwortet. Für die Mutter ein unhaltbarer Zustand: „Das geht auch an meine Gesundheit und an meine Kraft, meine Tochter so leiden zu sehen.“

Corona-Maßnahmen in Bayern führen zu 2G-Regel: Mutter wettert gegen Söder - „Das ist rechtswidrig“

Susanne K. will das nicht auf sich beruhen lassen. „All diese Kinder sind ab ihrem 12. Geburtstag plötzlich Menschen letzter Klasse, ohne gesellschaftliche Rechte und ohne Spaß“, schimpft sie. Vor allem die Tatsache, dass die Regelungen in Bayern die Kinder noch härter treffen, als in anderen Bundesländern, stößt Susanne K. sauer auf. So hätten in Bayern die Kinder besonders lange darauf warten müssen, wieder gemeinsam Sport machen zu dürfen. Auch Schwimmbäder, die ausschließlich als Trainingsbäder genutzt würden, wären als Freizeiteinrichtungen geschlossen geblieben. Anfang Oktober hatte es das erste Urteil gegeben, dass die härteren Restriktionen in Bayern während der beiden Lockdowns als unzulässig und unverhältnismäßig gewesen seien. „Und jetzt macht Söder das Gleiche nochmal“, so K. „Das ist rechtswidrig“, befindet sie.

Susanne K.s ältere Tochter ist geimpft, viele ihrer Freunde jedoch nicht. Sie könne alle Eltern verstehen, die diese Entscheidung für ihre Kinder nicht fällen wollen, sagt K., jedoch dürften die Kinder dann nicht pro Forma von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Ihre Hoffnung, dass die Landesregierung eine Lösung für die Jugendlichen finden würde, die ihnen auch außerhalb der Schule eine Perspektive bietet, wie beispielsweise ein Übergangsjahr, das den Kindern genug Zeit ließe sich impfen zu lassen, ist nach der Kabinettssitzung der bayerischen Landesregierung am Dienstag nicht wahrscheinlicher geworden. „Wie soll mein Kind das Vertrauen in diesen Staat lernen? Wo ist der Dank, für alles, was sie bis jetzt ausgehalten haben?“ Susanne K. kann kein Verständnis für die Entscheidungen der Staatsregierung aufbringen. „Gleich kommen meine Kinder von der Schule nach Hause und fragen, ob es was Neues gibt“, sagt K. „Und dann muss ich ihnen sagen: Nein, man hat euch wieder vergessen.“ kah *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

**Name von der Redaktion geändert. Der richtige Name des Mädchens ist uns bekannt.

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