Bayerischer Sonderweg in der Kritik

Ärger über Corona-Notbremse: Bayern weiter mit Sonderweg - riesige Wut bei Betroffenen

Eigentlich sollte die bundesweite Notbremse für Einheit bei den Corona-Maßnahmen sorgen. In Bayern aber gelten weiter strengere Regeln – sehr zum Ärger der Betroffenen.

München - Die Kunden erwartet ein Blütenmeer: „Die Leute wollen es bunt haben“, sagt Ulrich Gebert, der gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Simone Schröder gerade dabei ist, den Daglfinger Blumenhof von seinem Vater Thomas Gebert zu übernehmen. Die Gewächshäuser dort sind voll mit leuchtenden Geranien, Petunien, Begonien und vielen weiteren Pflanzen. Auch Obst- und Gemüsepflanzen, Gehölze und Kräuter gibt es zuhauf.

Corona-Notbremse: Bundesweit gelten Ausnahmen für Gartenmärkte und Blumenläden

Eigentlich wäre jetzt die Hauptgeschäftszeit. „In der Frühlingssaison machen wir normalerweise 80 Prozent des Umsatzes des ganzen Jahres“, erklärt Gebert. Doch auch für Gärtnereien gelten die Corona*-Beschränkungen für den Handel – zumindest in Bayern. Denn die bundesweite Notbremse sieht Ausnahmen für Gartenmärkte und Blumenläden vor.

Bayern jedoch bleibt zunächst bei strengeren Regeln: Ab einer Inzidenz über 100 brauchen die Kunden demnach nicht nur einen Termin, sondern auch einen negativen Corona-Test, um einkaufen zu dürfen. Läge die Inzidenz über 150, wäre nur noch Click and Collect, also die Abholung bestellter Waren, möglich. „Das ist ein immenser Aufwand für fast keinen Umsatz“, klagt Gebert.

Ulrich Gebert und Lebensgefährtin Simone Schröder vom Daglfinger Blumenhof sind verärgert über den bayerischen Sonderweg.

Der Daglfinger Blumenhof hat sich deshalb gemeinsam mit der Bäckerei Köstler aus Grafing (Kreis Ebersberg) an Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) gewandt. Beide Betriebe fordern die Öffnung von Blumenfachgeschäften, Gärtnereien und Gartenmärkten unabhängig von der Inzidenz‘*. Dafür starteten sie außerdem eine Online-Petition. Bis gestern Mittag unterschrieben 9319 Menschen. Auch der bayerische Handelsverband hofft auf Lockerungen in der kommenden Woche für die Gartenbranche.

Strengere Corona-Regeln in Bayern: „Situation ist existenzbedrohend für viele Gärtnereien“

„Wir verstehen nicht, warum Bayern wieder einen Sonderweg geht“, sagt Ulrich Gebert. „Die Situation ist existenzbedrohend für viele Gärtnereien.“ Denn immer mehr Discounter und Lebensmittelhändler bieten ebenfalls Pflanzen an – und dort ist für den Einkauf weder ein Termin noch ein Corona-Test* Pflicht. „Wir verlieren viele Kunden an die Supermärkte“, berichtet Gebert.

In der CSU gilt als wahrscheinlich, dass die Regeln* rund ums Grün wieder gelockert werden. Am Dienstag tagt das Kabinett, unter CSU-Abgeordneten wird die Forderung laut, schnell nachzusteuern. „Wir sollten insbesondere bei den Gärtnereien, Blumenläden, Gartenmärkten und Buchhandlungen die Bundesregeln nicht durch bayerische Regeln verschärfen“, sagt beispielsweise Ex-Justizminister Winfried Bausback. Mit Umsicht und Hygieneregeln* seien Öffnungen möglich. Auch die frühere Ministerin und Abgeordnete Christa Stewens rät, die Bundesregeln nicht durch bayerische Vorgaben zu verschärfen. Auch die Freien Wähler haben sich auf diese Seite gestellt.

Bei Bayerns Amateursportlern ist die Enttäuschung ebenfalls groß. Denn hier hätte es durch die Bundesgesetzgebung Erleichterungen geben können – auch bei Inzidenzwerten über 100 hätten Kinder unter 14 Jahren in Fünfergruppen im Freien kontaktlos Sport machen können. Tatsächlich ist aber nur Individualsport ohne Kontakt erlaubt. „Das Festhalten an den strengeren Regelungen ist für uns nicht nachzuvollziehen“, sagt Jörg Ammon vom Bayerischen Landes-Sportverband. Er verweist auch darauf, dass im Freien so gut wie keine Infektionen stattfinden. „Wir fordern von der Politik in Bayern, dem Vereinssport endlich eine der Pandemie angemessene Perspektive zu geben!“

Corona-Notbremse in Bayern: Diese Regeln gelten jetzt

Ausgangssperre: Bayern bleibt strenger. Von 22 bis 5 Uhr darf man Haus und Garten nicht verlassen (außer etwa aus beruflichen Gründen oder bei Notfällen). Auch sich alleine an der frischen Luft zu bewegen, ist – im Gegensatz zur Bundesregelung – nach 22 Uhr nicht erlaubt.

Dienstleistungen: Friseure und Fußpfleger dürfen weiter auch bei hohen Inzidenzen öffnen. Neu ist aber, dass Kunden ab Inzidenz 100 einen negativen Corona-Test vorweisen müssen. Hand-, Fingernagel- und Gesichtspflege ist nach Angaben der IHK künftig ab Inzidenz 100 verboten.

Einzelhandel: Neu ist, dass nur noch zwischen 100 und 150 der Einkauf mit Termin und negativem Test möglich ist. Bisher war das bis 200 erlaubt. Ab Inzidenz 150 (drei Tage hintereinander) ist nur die Abholung bestellter Ware möglich.

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Rubriklistenbild: © JENS HARTMANN/dpa

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