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Inzidenz in Bayern bei fast 300: Lockdown-Panik in Hotspot-Gebieten - „Dann haben wir hier Bürgerkrieg“

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Von: Katharina Haase

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Die Corona-Inzidenz in Bayern liegt nun bei fast 300. In den Hotspot-Regionen ist man zunehmend verzweifelt. Die neuen Maßnahmen schüren Angst, vor allem in der Gastronomie.

Miesbach/München - Die Corona-Pandemie hat den Freistaat weiter fest im Griff. Die bayernweite 7-Tage-Inzidenz liegt Stand Sonntag, 3.15 Uhr laut Robert-Koch-Institut bei genau 293 und somit auf Platz drei der deutschlandweit höchsten Inzidenzen auf Landesebene. Auch wenn der Abstand zu Sachsen (444) und Thüringen (419,9) groß ist - die Entwicklung bleibt besorgniserregend. Insgesamt haben 14 Städte und Landkreise in Bayern eine Sieben-Tage-Inzidenz von 500 überschritten, gelten somit als „pinke“ Gebiete. Landkreise mit einer Inzidenz über 300, die zur Definition eines sogenannten „Hotspots“ festgelegt wurde, gibt es noch viele mehr.

Die Krankenhaus-Ampel in Bayern steht mittlerweile auf gelb, da mehr als 450 Intensivbetten in Bayern mit Corona-Patienten belegt sind. Deshalb gelten seit Samstag im Freistaat wieder schärfere Maßnahmen, wie zum Beispiel das Tragen einer FFP2-Maske. Einen genauen Überblick über alle Regeln finden Sie hier.

Eine Pflegekraft beugt sich über einen Corona-Patienten auf einer Intensivstation
Kritische Lage: Im Südosten Bayerns werden die Intensivbetten knapp. © kay nietfeld/dpa

Corona in Bayern: Lage verschärft sich - Hotspot-Region mit Kontaktverfolgung am Limit

Ein Landkreis, der seit einiger Zeit in aller Munde ist, ist Miesbach in Oberbayern. Die Region rund um Tegernsee und Schliersee war mehrere Tage der unangefochtene Inzidenz-Spitzenreiter in Deutschland und liegt am Sonntag mit 674,8 noch immer auf Platz Sechs der am stärksten betroffenen Landkreise. Mittlerweile wurden Bundeswehrsoldaten beordert, um dem Gesundheitsamt unter die Arme zu greifen. Zwar wurde die Belegschaft auf 80 Mitarbeiter aufgestockt - dies reicht jedoch noch lange nicht, um dem Chaos rund um die Kontaktverfolgung der unzähligen Infizierten Herr zu werden. Bei fast 200 gemeldeten Neuinfektionen täglich steigt auch der Kreis der möglicherweise angesteckten Menschen potentiell. Eine Sprecherin der Kreisverwaltung gesteht in einem Interview mit der Welt: „Wir kommen einfach nicht mehr hinterher.“ Da auf jeden Infizierten teilweise dutzende Kontaktpersonen kommen, werden nun nur noch direkte Angehörige informiert. Die übrigen Kontaktpersonen sollen die Infizierten wenn möglich selbst benachrichtigen.

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Corona im Hotspot Miesbach: Landrat mit dringendem Appell - Gastwirte in Angst

Landrat Olaf von Löwis (CSU) hatte in einem öffentlichen Aufruf darum gebeten, auf sämtliche Massenveranstaltungen zu verzichten. Eine rechtliche Ebene dafür, gibt es derweil nicht mehr. Dabei ist er selbst hochbesorgt um das Gastgewerbe der touristisch geprägten Region und betont: „So schlimm war es noch nie.“ Derweil ist die Intensivstation des zentralen Krankenhauses in Agatharied voll belegt, die Krankenhaus-Ampel steht auf Rot. Fünf Covid-Patienten kämpfen dort derzeit um ihr Leben. Auch in den umliegenden Krankenhäusern sieht es teilweise nicht besser aus. Wer jetzt krank wird, muss ins rund 50 Kilometer entfernte München fahren.

In den Gaststätten bleibt man gelassen. Impfnachweise werden nicht kontrolliert, Abstände nicht eingehalten. Man setze auf Eigenverantwortung, heißt es von Ratskeller-Betreiber Matthias Gercken. In der Gastronomie der Hotspot-Gebiete gilt seit dem Wochenende die 3G-Plus-Regel. Das heißt, ungeimpfte Personen müssen einen negativen PCR-Test vorweisen können. Diese kosten bis zu 80 Euro und sind oft erst nach rund 24 Stunden abrufbar. Nun befürchten viele Gastronomen einen Einbruch der Besucherzahlen, wenn viele Ungeimpfte diese Umstände und Kosten nicht mittragen wollen. Rund ein Drittel der Bayern ist nach wie vor nicht gegen das Coronavirus geimpft. In Miesbach hagelte es bereits heftige Kritik an der PCR-Pflicht.

Corona in Miesbach: Kritik an PCR-Pflicht - Kreissprecherin warnt vor „Bürgerkrieg“

Wurde vor einem Jahr bei einer niedrigeren Inzidenz noch alles dicht gemacht, bleibt es nun bei der Anordnung von 2G, 3G-Plus und FFP2-Masken. Weitreichende Kontaktbeschränkungen wie in den beiden Lockdowns soll es auch bei wieder ansteigender Inzidenz nicht geben. „Wenn gleichzeitig in Bad Tölz alles offen ist – dann haben wir hier Bürgerkrieg!“, so die Kreissprecherin.

Doch die Region am Tegernsee, in die jährlich bis zu elf Millionen Touristen reisen, bangt um Ruf und Gäste. Es hagelt bereits erste Stornierungen. Feiern werden spontan abgesagt, wenn Umgeimpfte erfahren, dass sie zuvor Unsummen für PCR-Test ausgeben müssten. Einige reisen ohne Test an und müssen dann wieder gehen. Die Wirte sind am verzweifeln, denn auch die Mitarbeiter suchen mittlerweile das Weite. Die Unsicherheit, durch einen erneuten Lockdown doch wieder in die Kurzarbeit zu rutschen ist groß. Viele haben sich bereits während des Lockdowns im Frühjahr umorientiert.

Hohe Inzidenz im Hotspot Miesbach: Sind wirklich Corona-Partys Schuld?

Woher die hohen Inzidenzen kommen, bleibt ein Rätsel. Es ist von „diffusem Infektionsgeschehen“ die Rede. Auffällig ist jedoch, dass sich hauptsächlich junge Menschen zu infizieren scheinen. Bei den Altersgruppen zwischen 14 und 34 lag die Inzidenz in der vergangenen Woche über 1000. Florian Meier, ärztlicher Pandemie-Koordinator des Kreises, hatte in einem Interview von sogenannten „Corona-Partys“ berichtet, bei denen sich junge Menschen absichtlich infizieren würden, um mit einem Genesene-Nachweise für sechs Monate den teuren PCR-Test entkommen zu können - anstatt sich impfen zu lassen. Belege für die These gibt es so nicht, doch ein Dementi gibt es auch nicht.

Das Zittern der im Gastgewerbe Tätigen geht derweil weiter. Die Pandemie wird noch viele Gaststätten das Genick brechen, ist sich der Ratskeller-Wirt sicher. „Das Sterben beginnt erst.“ kah* Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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