1. tz
  2. München
  3. Region

Corona befördert kuriosen Eltern-Trend: Arzt klärt auf - „Für mich eine reine Marketingmasche“

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Mädchen oder Bub: Für viele werdende Eltern ist das die entscheidende Frage.
Mädchen oder Bub: Für viele werdende Eltern ist das die entscheidende Frage. © dpa

Wird‘s ein Mädchen oder Junge? Manche werdende Eltern lassen sich etwas Besonderes einfallen, um dieses Geheimnis zu lüften. Wir sprachen darüber mit Dr. Manfred Stumpfe, Gynäkologe in Geretsried.

Geretsried – Unter dem Hashtag „genderreveal“, sozusagen ein Suchbegriff im Internet, lassen werdende Eltern in sozialen Netzwerken andere daran teilhaben, wie sie erfahren, ob sie ein Mädchen oder einen Bub erwarten. Der EHC-Eishockeycrack Konrad Abeltshauser aus Bad Heilbrunn hat dazu gegen einen präparierten Puck geschlagen.

„Genderreveal“: Corona befördert Trend - „Für mich eine reine Marketingsache“

Mit rosafarbenem Rauch kündigte der seine inzwischen geborene Cecilia an. In einem Beitrag über die besonderen Baby-Partys in der BR-Sendung „Quer“ sagt Dr. Manfred Stumpfe, dass er immer öfter gebeten wird, das Geschlecht nicht zu verraten, sondern auf einen Zettel zu schreiben. Darüber sprach Redakteurin Susanne Weiß mit dem Geretsrieder Gynäkologen.

Herr Dr. Stumpfe, wie war das, als Sie das Geschlecht des Kindes zum ersten Mal aufschreiben sollten?

Dr. Stumpfe: Ich hatte eine Schwangere, die selbst in Amerika auf die Welt gekommen war. 15 Jahre ist das jetzt schon her. Sie hat mir erklärt, dass das Geheimnis des Geschlechts auf einer Babyparty gelüftet werden soll. Dort falle dann etwas aus Luftballons, in Rosa, wenn es ein Mädchen wird, oder eben in Blau für einen Jungen.

Was haben Sie sich gedacht, als Sie das gehört haben?

Dr. Stumpfe: Sie hat mir erklärt, dass das in Amerika so üblich sei. Und dass man auf der Party Geschenke fürs Kind bekommt. Die Geburt ist – genauso wie die Hochzeit und der Tod – eine emotionale Sache. Damit lässt sich gut Geld verdienen. Für mich ist das eine reine Marketingmasche.

Mehr Gender-Reveal-Partys durch Corona: Keine Männer bei der Untersuchung

Inzwischen feiern nicht mehr nur gebürtige Amerikanerinnen solche Gender-Reveal-Partys, oder?

Dr. Stumpfe: Vor allem in der Pandemie bin ich nun öfters gebeten worden, das Geschlecht nicht zu verraten. Ich schätze, zehn Prozent der Schwangeren fragen mich, ob ich es aufschreiben kann.

Wie erklären Sie sich das?

Dr. Stumpfe: Sie wollen das Geschlecht gemeinsam mit ihrem Partner erfahren. Das kann ich verstehen, das Kind ist ja auch gemeinsam entstanden.

Die Männer dürfen pandemiebedingt nicht mit zur Untersuchung?

Dr. Stumpfe: Wir handhaben das wie viele andere Praxen auch. Während der Ausgangssperre war es klar, der Mann hat keinen Grund, seine Frau zum Arzt zu begleiten, auch nicht zur entscheidenden Untersuchung. Jetzt im Sommer war ich mit 2G einverstanden, aber aktuell dürfen die werdenden Väter leider nicht zur Untersuchung. Das wären zu viele Kontakte, nicht nur für unser Team, sondern wir haben ja auch viele andere Schwangere und schwerstkranke Patientinnen in der Praxis.

Sie sind selbst Vater von vier erwachsenen Kindern. Hätten Sie sich damals vorstellen können, eine Gender-Reveal-Party zu veranstalten?

Dr. Manfred Stumpfe, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Geretsried
Dr. Manfred Stumpfe, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Geretsried © Archiv

Dr. Stumpfe: Nein. Vielleicht ist es Aberglaube, aber ganz früher hat man beispielsweise den Kinderwagen erst gekauft, wenn das Baby da war. Bei unserem ersten Kind haben wir ihn im Laden reserviert und nach der Geburt abgeholt. Vielleicht habe ich als Geburtshelfer auch schon zu viel erlebt. Es kann vorkommen, dass ein zuvor völlig gesundes Kind am Entbindungstermin plötzlich nicht mehr lebt. Das verkraftet man sicher noch schwerer, wenn vorher so ein Bohei gemacht wurde und das Kinderzimmer schon in der entsprechenden Farbe gestrichen ist.

Baby-Geschlecht bei Ultraschall verraten: „Meistens schaue ich in glückliche Gesichter“

Gibt es Schwangere beziehungsweise Paare, die das Geschlecht vor der Geburt gar nicht wissen wollen?

Dr. Stumpfe: Immer wieder mal, aber das sind ganz wenige.

Lässt sich vor der Geburt überhaupt immer mit Sicherheit sagen, was es wird?

Dr. Stumpfe: Nein. Manche Jungs haben beispielsweise sehr eng anliegende Hoden, sodass es wie die Vulva eines Mädchens aussehen kann.

Zum Schluss: Wenn Sie das Geschlecht beim Ultraschall verraten, schauen Sie da auch mal in enttäuschte Gesichter?

Dr. Stumpfe: Spontan fällt mir da eine Situation ein. Die Frau hatte schon zwei Buben und war wieder schwanger – noch ein Bub. Als die Mutter das erfahren hat, hat sie bitterlich geweint. Sie hatte sich so sehr ein Mädchen gewünscht. Das ist aber jetzt schon Jahre her, aus den Buben sind junge Männer geworden. Wenn die Frau und ich uns heute sehen, lachen wir herzlich darüber. Insgesamt lassen es sich die wenigsten anmerken, wenn das Geschlecht nicht dem Wunsch entspricht. Manchmal meine ich ein frostiges Lächeln bei Männern zu sehen, wenn sie gern einen Buam gehabt hätten. Das finde ich ganz schön unfair dem ungeborenen Mädchen gegenüber. Aber meistens schaue ich in glückliche Gesichter, die Eltern freuen sich – egal ob Bua oder Madl. sw

Auch interessant

Kommentare