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Überzeugter Impfgegner plötzlich doppelt geimpft - Was ihn zum Umdenken gebracht hat

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Von: Sebastian Tauchnitz

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Drin ist sie: Ein kurzer Piks und schon ist es vorbei – der ehemalige Impfgegner Markus Heitmair hat seine zweite Dosis Biontech von Dr. Eva Conrad im Impfzentrum in Peißenberg erhalten.
Drin ist sie: Ein kurzer Piks und schon ist es vorbei – der ehemalige Impfgegner Markus Heitmair hat seine zweite Dosis Biontech von Dr. Eva Conrad im Impfzentrum in Peißenberg erhalten. © GRONAU

Noch vor wenigen Monaten wäre das unvorstellbar gewesen. Nun hat sich ein einst überzeugter Impfgegner doch gegen das Coronavirus impfen lassen.

Peißenberg - Plötzlich findet sich in den Facebook-Kommentaren auf der Seite des Weilheimer Tagblatts unter dem Artikel über die Lage in den Krankenhäusern dieser Satz: „War auch absoluter Impfgegner, bin jetzt geimpft“, schreibt Markus Heitmair.

Das macht doch neugierig. Ein paar Nachrichten hin und her später antwortet er: „Nächsten Donnerstag bekomme ich meine Zweitimpfung am Impfzentrum in Peißenberg. Wollen wir uns nicht einfach dort treffen?“

Und tatsächlich: Schon 20 Minuten vor seinem Impftermin steht Heitmair vor dem Eingang des Impfzentrums. Der graue Bart schaut unter der FFP2-Maske vor, die Augen darüber blicken freundlich. So einen Hardcore-Impfgegner stellt man sich irgendwie anders vor.

Corona: Impfgegner lässt sich doch noch überzeugen - „Je mehr ich las, umso größer war meine Ablehnung“

Und doch: „Es gab Zeiten, in denen ich mehr Angst vor der Impfung als vor der Krankheit hatte“, sagt Heitmair. Er sagt das ganz unaufgeregt, aber ernst. Er sei nicht gegen Impfungen, er sei aber ganz klar gegen diese neuen mRNA-Impfstoffe gewesen. „Die Entwicklung, die Zulassung – das ging mir einfach zu schnell.“ Also habe er sich informiert. Im Internet. Und fühlte sich in seiner Ansicht bestätigt. „Je mehr ich las, umso größer war meine Ablehnung“, erinnert er sich.

Dazu kam das permanente politische Hickhack: „Erst war diese Impfstoff nur für die Unter-30-Jährigen zugelassen, dann plötzlich nur noch für die Alten – wie sollte man da bitte Vertrauen fassen?“ Über seinen Arbeitgeber – Heitmair arbeitet für eine Firma, die unter anderem Sterilisatoren für Krankenhäuser baut – hätte er sich schon sehr frühzeitig einen Impftermin besorgen können. Heitmair lehnte ab, argumentierte öffentlich gegen die Corona-Impfungen.

„So ganz krasser Verschwörungskram“

Doch je mehr „Zeugs“ er da im Internet gelesen habe, desto größer wurden mit der Zeit seine Zweifel, ob das wirklich alles plausibel sei. „Irgendwann kam der Punkt, an dem jemand behauptete, dass der Impfstoff ,aktiviert‘ werde, sobald das 5G-Netz in Betrieb gehe – so ganz krasser Verschwörungskram. Da habe ich mir gedacht: Das macht doch alles keinen Sinn.“

Heitmair dachte nach, las weiter, informierte sich. „Die behaupten, mit der Impfung solle die Weltbevölkerung dezimiert werden. Wenn man dann aber mal die Frage stellt, wer dann das Geld erarbeiten soll, wenn alle Menschen gestorben sind, dann kommt nix mehr.“

Corona-Impfung nach langem Hadern: Auch Ehrenamt zwingt 50-Jährigen dazu

Ein glühender Befürworter der Impfungen ist Heitmair immer noch nicht. „Dass ich mich jetzt impfen lasse, hat viel mit Zwang zu tun“, sagt er immer wieder. Und man glaubt ihm das auch. Sein Arbeitgeber mache Druck, seine Frau habe sich auch entschlossen, sich impfen zu lassen. Und da ist noch die Sache mit dem Schützenverein. Heitmair ist Zweiter Schützenmeister der FSG Schongau. Und durfte nur noch trainieren gehen, wenn er allein war. „Das geht halt nicht, wenn man so ein Amt hat.“

Der 50-Jährige denkt gründlich nach, bevor er etwas macht. Wenn er sich aber dann entschlossen hat, zieht er es auch durch. Gemeinsam mit einem Kollegen fuhr er Mitte Oktober vor den Toren Münchens ins Impfzentrum und holte sich die Erstimpfung. Biontech, einen mRNA-Impfstoff. Wenn schon, denn schon.

Bereut hat er es offensichtlich nicht, pünktlich steht er am vereinbarten Termin zur Zweitimpfung auf der Matte des Impfzentrums. „Ich hatte wirklich gar keine Nebenwirkungen. Meine Frau lag zwei Tage flach nach der Impfung, bei mir war es kein Problem.“

Viele seiner Bekannten lachen über ihn, berichtet er schulterzuckend. „Vom Saulus zum Paulus“, meinen sie. Er hält es aus. Warum auch nicht? „Jeder hat seine Meinung und die soll er auch haben“, meint er. In seinem Freundeskreis seien nach wie vor einige Impfgegner. Denen hält er jetzt auch keine Vorträge: „Das muss jeder für sich selbst entscheiden.“

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Generell wäre es gut, wenn man mal wieder anfangen würde, einander zuzuhören, zu versuchen, die Sorgen der jeweils anderen Seite zu verstehen, sich auszutauschen. „So, wie das derzeit im Internet läuft, dass sich alle nur gegenseitig beschimpfen, das bringt doch nichts“, sagt Heitmair.

Diese Corona-Pandemie, die sei auch schwierig zu verstehen. „Bei einem Flugzeugabsturz, da sieht man die Bilder im Fernsehen, da begreift jeder, dass da gerade Menschen gestorben sind. Der Virus tötet unsichtbar, wer kommt schon auf eine Intensivstation, um sich die Lage selbst anzuschauen?“ Am Ende habe ihm das Gespräch mit einem Arzt geholfen, dem er vertraut. „Der hat mir erklärt, wie die Lungen derjenigen ausschauen, die einen schweren Verlauf der Covid-Infektion durchgemacht haben. Das war eindringlich.“

Mittlerweile ist Heitmair im Behandlungszimmer von Impfärztin Dr. Eva Conrad angekommen. Die wundert sich, dass er mit der Presse im Schlepptau zum Termin erscheint. „Ich war Impfgegner“, sagt er.

Warum er sich umentschieden habe? „Wegen des zunehmenden Zwangs“, sagt er wieder. „Und weil ich keinen schweren Verlauf riskieren möchte.“ Schon ist der Oberarm freigelegt, Sekunden später die Impfung erfolgt. „Zwei Tage lang keinen Sport“, gibt ihm die Ärztin mit auf den Weg. Dann sitzt Heitmair auch schon im Beobachtungszimmer. Doppelt geimpft. (Sebastian Tauchnitz)

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