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Absichtlich mit Corona infiziert: Lehrerin aus Bayern erklärt Ablauf und ihre Gründe - „Es war der letzte Ausweg“

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Von: Katharina Haase

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Corona-Test
Ein Mann zeigt einen Abstrich für das Testverfahren auf das Virus Sars-CoV-2. © Sebastian Gollnow/dpa/Symbolbild

Eine Lehrerin aus Bayern hat sich absichtlich mit dem Coronavirus infiziert, um eine Impfung zu umgehen. Nun erzählt sie vom Ablauf des Geschehens. Und ihren Motiven.

München - Seit zwei Jahren hat die Corona-Pandemie die Welt fest im Griff, nach etwa einem Jahr kamen die ersten Impfstoffe auf den Markt. Wer sich nicht impfen lassen will - aus welchen Gründen auch immer - hat es schwer, denn viele Dinge, wie beispielsweise ein Restaurant- oder Theaterbesuch, sind nur noch nach der sogenannten 2G-Regel möglich. Man muss also entweder gegen das Virus geimpft oder davon genesen sein. In vielen anderen Bereichen gilt 3G, das heißt Ungeimpfte müssen sich testen lassen, bevor sie Zutritt erhalten.

Neben gefälschten Impfzertifikaten, die schon bald im Umlauf waren, soll es vor allem im Süden Bayerns auch sogenannte „Leberkäs-Partys“ gegeben haben, bei denen sich Gesunde absichtlich mit dem Virus infizierten, um den Genesenenstatus zu erhalten und eine Impfung vorerst zu vermeiden. Eine Tatsache, die viele Menschen den Kopf schütteln ließ.

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Absichtlich mit Coronavirus infiziert: Lehrerin aus Bayern spricht über Erlebnisse

Nun aber hat eine Lehrerin aus Südbayern den Schritt gewagt und mit dem Spiegel über die Gründe dafür gesprochen, warum sie sich tatsächlich absichtlich mit dem Virus infizierte. Die 53-Jährige, die anonym bleiben will, und ihr Lebensgefährte hatten sich laut eigener Aussage absichtlich angesteckt „um dem sozialen Druck ein Ende zu bereiten“. Nach der erfolgreichen Übertragung durch das Virus hätten sie ebenfalls ungeimpfte Bekannte und Verwandte zu sich nach Hause eingeladen, die sich ebenfalls freiwillig infizierten.

Die Frau gibt an, dass die Behandlung der Ungeimpften sie immer mehr wie ein Mensch zweiter Klasse habe fühlen lassen. So hätte sie bei eisigen Temperaturen vor dem Schulhaus warten müssen, bis ihr negatives Testergebnis da gewesen sei. Später habe sie sich in einer Apotheke testen lassen, doch auf der Arbeit habe jeder gewusst, dass sie nicht geimpft sei. Dies habe zu Ausgrenzungen im Schulalltag geführt. Als Grund für ihre Weigerung sich impfen zu lassen, führt die Frau ihr mangelndes Vertrauen in die Impfstoffe an. Diese seien, so die Lehrerin, nicht ausreichend erforscht.

Coronavirus: Lehrerin aus Bayern infiziert sich absichtlich - und steckt dann weitere an

Doch weniger die Ausgrenzungen im öffentlichen Leben hätten ihr zugesetzt, so die 53-Jährige, sondern mehr der Druck im privaten Bereich. Obwohl sie sich an alle Hygieneregeln gehalten habe. Eine Freundin habe sie sogar beschimpft, als deren Schwester an Covid erkrankte. Als sie eine Kollegin bat, ihr ein Buch aus der Bibliothek mitzubringen, in die sie als Ungeimpfte keinen Zutritt mehr hatte, damit sie ihren Schülern etwas vorlesen könne, habe diese nur erwidert, dass es damit nun vorbei sei.

Das Aufkommen der Impfplicht-Debatte habe sie schließlich zum Reagieren genötigt, erklärt die 53-Jährige. Da sie es für unmoralisch und falsch gehalten habe, einen gefälschten Impfpass zu kaufen, habe sie beschlossen, sich absichtlich zu infizieren. Nachdem dies durch einfach Vermehrung ihrer sozialen Kontakte nicht funktioniert habe, habe sie beschlossen, zu einer Frau zu fahren, die mit dem Virus infiziert war, um sich gezielt anzustecken. Auch diese Frau hatte sich zuvor absichtlich infiziert. Die Lehrerin und ihr Freund fuhren zu der Frau und steckten sich dort ein Wattestäbchen in die Nase, das diese zuvor mit Erregern kontaminiert hatte. Anschließend ließen sie sich noch „anhusten“. Sie habe nichts „dem Zufall überlassen wollen“.

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Die Ansteckung habe tatsächlich geklappt. Die 53-Jährige, die sich selbst als kerngesund und sportlich beschreibt, habe sich gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten demnach sofort nach dem Besuch bei der infizierten Frau in Isolation begeben, um niemanden zu gefährden. Zwei Tage sei es ihr richtig schlecht gegangen, dann wurde es besser. Ab dem vierten Tag habe sie schließlich Besuch von Leuten erhalten, die sich ebenfalls infizieren wollten, der Jüngste war erst 15. Keiner der Infizierten hätte einen schweren Verlauf erlitten. Auch sie selbst sei mittlerweile wieder „topfit“.

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Letztlich, so die Frau, bereue sie ihr Vorgehen nicht. „Es war der letzte Ausweg“, sagt sie. Sie und ihre infizierten Besuche seien weder Verschwörungstheoretiker noch rechtspolitisch orientiert. Sie glaube, dass viel mehr Menschen den gleichen Weg wie sie gewählt hätten, als man annehme. Wie sie mit der Verkürzung des Genesenenstatus umgehe, wisse sie allerdings noch nicht. Sie hoffe aber, dass die Ausgrenzung der Ungeimpften bis dahin so weit nachgelassen hat, dass sie sich nicht erneut infizieren muss. Sie wünscht sich, dass man die Ungeimpften in Zukunft „einfach in Ruhe“ ließe. kah *tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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