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Vom Traumurlaub zum Albtraum: Oberbayer steckt mit Familie in Kreuzfahrt-Quarantäne fest

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Kreuzfahrtschiff
Auf dem Deck der „Seaview“ wurde in karibischer Nacht gefeiert. © Privat

Weihnachten und Silvester auf einem Kreuzfahrtschiff in der Karibik feiern: Das wollte eine Familie aus Holzkirchen. Nach einer Corona-Infektion wurde der Traumurlaub zum Albtraum.

Holzkirchen – „Hätten wir das gewusst, hätten wir diese Reise nicht angetreten“, sagt Wolfgang B. (Name der Redaktion bekannt). Mittlerweile sind der 63-Jährige, seine Frau und sein Kind zurück in Holzkirchen. Hinter ihnen liegt eine nervenaufreibende Zeit, zuerst auf der MSC Seaview, dann in einem Quarantäne-Hotel auf der Karibik-Insel St. Maarten.

In Corona-Pandemie: Familie bricht zu Kreuzfahrt auf

Mehr als 10 000 Euro ließ sich die Familie die zweiwöchige Kreuzfahrt samt Flug von und nach Frankfurt kosten. „Ich war davon überzeugt, dass das Hygienekonzept des Veranstalters samt reduzierter Passagierzahl funktioniert“, sagt B., der wie Frau und Kind geboostert ist. Gerade deshalb will er seine Erfahrung jetzt öffentlich machen: „Ich will andere davor warnen, sich derzeit auf eine Kreuzfahrt einzulassen, um ihnen ein solches Erlebnis zu ersparen.“ Zugleich will er anonym bleiben – er fürchtet möglichen Spott.

Start der Kreuzfahrt glückte - Gäste fangen an, Maskenpflicht weniger ernst zu nehmen

Die erste Woche auf der „Seaview“ ist tatsächlich traumhaft: „Freundliches Personal, traumhafte Inseln, Top-Stimmung“, erinnert sich B. Zu den Hygienemaßnahmen gehören tägliches Fiebermessen und Maskenpflicht. Für Ausflüge gilt das „Bubble-Konzept“: Urlauber dürfen ihre Gruppe nicht verlassen, kein Kontakt zu Einheimischen. „Damit konnten wir leben“, sagt B. Er schätzt, dass das riesige Schiff nur zu 25 bis 30 Prozent belegt ist.

Doch nach der Weihnachtsfeier mit Festessen und Partys auf allen Decks wirds voller: Familien mit Kleinkindern aus Großbritannien, Frankreich und Spanien kommen in St. Maarten an Bord. B. schätzt, dass das Schiff nun zu 30 bis 50 Prozent belegt ist. „Die Gäste drängten sich, in den Pools wurde es eng.“ Obendrein fangen die Gäste an, die Maskenpflicht weniger ernst zu nehmen.

Auf Kreuzfahrt-Schiff: Positiver Corona-Test kippte Reise - Familie kommt in Quarantänebereich

Am Silvester-Vormittag muss die Familie zum routinemäßigen Coronatest – und bekommt am Nachmittag das Ergebnis: Ihr Kind ist positiv. Es ist nicht das einzige: B. schätzt die Zahl der Corona-Positiven an Bord auf 400 bis 500 Menschen.

Quarantäne Kreuzfahrtschiff
Eine Holzkirchner Familie musste in der Quarantänezone des Schiffs darben, weil sich ihr Kind das Coronavirus eingefangen hatte. © Privat

Für sie ist der Spaß nun vorbei. Sie müssen ihre Sachen packen und werden von einem Team in weißen Schutzanzügen und Sprühgeräten in den Quarantänebereich des Schiffes verlegt. Sie dürfen ihre Kabine nicht mehr verlassen. „Das Essen wurde in Plastikgeschirr vor der Kabinentüre abgestellt.“ Niemand sagt, wie es weitergeht. „Unter den Betroffenen hat sich ein Gefühl der Beklemmung, ja der Panik breitgemacht“, erinnert sich B.

Immerhin: Keiner der Betroffenen hat schwereSymptome. „Ich frage mich aber, wie man den Menschen geholfen hätte, wenn sie starke Atemnot bekommen hätten?“ B. findet, die Kreuzfahrt hätte abgebrochen werden müssen, nachdem mehr als zehn Prozent der Passagiere in Quarantäne waren. Unverständlich findet er außerdem, dass Positive und Negative einer Familie gemeinsam in einer Kabine untergebracht werden. Während die Corona-Positiven in der Quarantäne darben, feiern die anderen eine rauschende Silvesterparty – ohne Masken und Abstände.

Statt Rückflug: Familie kommt in Quarantäne-Hotel - „Wer kein Bett hatte, schlief auf dem Boden“

Aus dem Rückflug am 2. Januar wird nichts. Zwar sind B. und seine Frau weiter negativ, aber sie können ihr Kind nicht allein lassen. Ein Trupp in weißen Schutzanzügen kommt, begleitet die Familie über eine gesonderte Ladeklappe an Land – und pfercht sie in einen Kleinbus. Der fährt in ein Quarantäne-Hotel des örtlichen Gesundheitsamts. „Das war eher eine Absteige dritter Klasse“, sagt B.

Am meisten empört ihn, dass die Fürsorge von MSC Cruises – einer der größten Kreuzfahrt-Anbieter am Markt – hier endete. „Es gab keine Infos, wie es weitergeht. Dabei haben wir eine Reise von Frankfurt nach Frankfurt gebucht.“ Vierköpfige Familien müssen sich zum Teil Zwei-Bett-Zimmer teilen. „Wer kein Bett hatte, schlief auf dem Boden.“

Die Familie schreibt eine E-Mail an das MSC-Kundenzentrum in Deutschland. „Eine Bearbeitung ihrer Anfrage kann bis zu acht Wochen in Anspruch nehmen“, heißt es in der Antwort. „Da waren Gäste im Alter von etwa 70 Jahren“, sagt B., „keiner hat gefragt, wie es uns geht.“

Nach langen acht Tagen kann sich das Kind der Familie frei testen. B. gelingt es, auf eigene Faust einen Rückflug nach Deutschland zu buchen und den Transport zum Flughafen zu organisieren. „Wir hoffen, einen Teil der Kosten des Linienfluges von der Covid-Versicherung erstattet zu bekommen“, sagt der Holzkirchner.

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