Viel Arbeit - weniger Personal

Wegen Corona hat die Gastro ein Problem: Wirte rund um München beklagen Kellner-Mangel

Sucht 15 neue Angestellte: Philipp Kurt Worbs (r.) vom „Tegernseer Hof“, daneben ein verbliebener Mitarbeiter
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Sucht 15 neue Angestellte: Philipp Kurt Worbs (r.) vom „Tegernseer Hof“, daneben ein verbliebener Mitarbeiter.

Die Gastro in der Region München darf wieder öffnen – manche können es jedoch nicht. Nach der lange dauernden Zwangsschließung haben viele Wirte ein großes Problem.

München - Ein frisches Helles im Biergarten genießen, sich einen knusprigen Schweinebraten in der Gaststube schmecken lassen. Ja, endlich ist unsere Gastronomie wieder geöffnet. Oder zumindestens zum Teil. Denn nach dem Corona-Lockdown gibt’s ein neues Problem: Vielerorts fehlt es hinten und vorne an Personal. Und so müssen doch wieder viele Betriebe geschlossen bleiben!

Wie beispielsweise in Unterföhring am Poschinger Weiher. Hier kann das Gasthaus der Seewirtschaft vorerst nicht öffnen. Grund: Personalmangel. „Die Nachfrage der Gäste ist da, aber die Mitarbeiter nicht“, erzählt Stephan Kalis. Gemeinsam mit seiner Frau Uta hat er die Seewirtschaft trotz Pandemie im Mai 2020 übernommen. Im August konnten sie die Türen öffnen, ab dem Lockdown im November mussten sie wieder schließen. Sieben Monate blieb die Wirtschaft komplett geschlossen und die Angestellten in Kurzarbeit.

Gastro rund um München: Arbeitskräfte mangels Planungssicherheit abgewandert

„Es war ein sehr harter Kampf. Jetzt fangen wir wieder bei null an“, sagt Kalis. Trotz Corona-Krise konnten sie zwar bis auf eine Spülerin alle sieben Mitarbeiter halten, doch um das Wirtshaus, den Biergarten und alle Schankanlagen gleichzeitig zu betreiben, braucht das Team dringend Verstärkung: zwei weitere Köche, zwei Servicekräfte, Abräumer, Spüler und Putzpersonal. „Wir suchen und suchen, aber es ist unheimlich schwierig, Mitarbeiter zu finden“. So bleiben die 110 Stühle im Wirtshaus vorerst leer, im Biergarten können die Gäste nur bei gutem Wetter Platz nehmen, und im Sommer geplante Geburtstagsfeiern musste Kalis bereits stornieren.

Die Ursache der Knappheit ist schnell erklärt: Mit Beginn der Pandemie hatten Kellner, Köche und Co. keinerlei Planungssicherheit mehr. Statt ihrem Gehalt gab es monatelang nur Kurzarbeitergeld, Servicekräften fehlte zudem das Trinkgeld, und das endgültige Ende der Pandemie steht bis heute in den Sternen. So hat Stephan Kalis von immer mehr Mitarbeitern gehört, die von der Gastronomie in den Einzelhandel, ins Ausland und andere Bereiche gewechselt sind. Heißt: Sie gehen der Branche für immer verloren.

Für den Biergarten reicht es – fürs Wirtshaus nicht: Das dezimierte Team der „Seewirtschaft“ am Poschinger Weiher, vorne Wirt Stephan Kalis.

Gastronomie im Münchner Umland ausgeblutet - „Der Markt ist leer gefegt“

Ähnlich wie den Kalis geht es auch Philipp Kurt Worbs, Chef vom altbayerischen Wirtshaus, Hotel und Biergarten Tegern-seer Hof in Gmund (Landkreis Miesbach). Das Hotel mit 18 Zimmern ist wieder geöffnet. Doch die holzgetäfelten Stuben des Wirtshauses sowie der Biergarten müssen vorerst noch wegen Personalmangels geschlossen bleiben. Dass viele der Branche den Rücken gekehrt haben, kann Worbs gut verstehen:

Das Servicepersonal würde sehr gutes Trinkgeld verdienen, wenn das über acht Monate ausfällt und keiner weiß, wann es weitergeht, kämen schnell Existenzängste auf. „Da ist es absolut nachvollziehbar, dass sich die Leute nach einem anderen Job umschauen.“ Für den Biergarten bleiben ihm nun nur noch fünf Angestellte übrig. Nötig wären aber rund 20 Mitarbeiter. „Zu fünft ist der Biergartenbetrieb auf Dauer nicht machbar.“ Harte Zeiten. „Der Markt ist leer gefegt“, sagt auch Sabri Konxheli, Inhaber des Biergartens und Restaurants Kraillinger Brauerei (Landkreis Starnberg). Seit Mai sucht er im Bereich Küche und Service Verstärkung. Bislang erfolglos.

Neue Zahlen aus München untermauern das Dilemma: Innerhalb des vergangenen Jahres hat jeder fünfte Beschäftigte in der Stadt den Job als Koch, Hotelangestellter oder Servicekraft aufgegeben. Das teilt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten unter Verweis auf neueste Zahlen der Arbeitsagentur mit. In ganz Bayern haben binnen zwölf Monaten 47.000 Hotel- und Gastro-Mitarbeiter ihren Job gewechselt (jeder sechste Arbeitnehmer). 

Thomas Gep-pert, Landeschef des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga, ist aber zuversichtlich, dass mit der Zeit und steigender Impfquote auch wieder mehr Personal kommt. Die Gastronomie sei schließlich eine Wachstumsbranche mit Zukunft - und ein coronataugliches Hygienekonzept gebe es schon lange.

Der Stadtrat München beschließt mit großer Einigkeit: Auch nach Corona können Parkplätze zu Schankflächen gemacht werden.

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