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„Fühle mich allein gelassen“: Krankenschwester leidet an Long Covid - und ist jetzt arbeitslos

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Von: Hans Moritz

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Ein bisschen Ablenkung von der Krankheit: Susanne von der Wehd mit ihrem Mann Martin sowie den Kindern Helena (10) und Lorenz (8) beim Ostsee-Sommerurlaub. © privat

Nach wie vor stecken sich im Landkreis Erding jeden Tag mehr als 100 Menschen mit dem Corona-Virus an. Die meisten Infektionen verlaufen harmlos. Es gibt aber auch Fälle, in denen Covid verheerende Folgen hat.

Hohenpolding - Ein Beispiel ist Susanne von der Wehd aus Hohenpolding. Die 44-Jährige leidet so schwer an Long Covid, dass sie sogar ihren Beruf aufgeben musste. Die zweifache Mutter wünscht sich, dass es im Landkreis endlich eine eigene Anlaufstelle für Long- beziehungsweise Post-Covid-Patienten gibt.

Krankenschwester kämpft mit Long Covid - „Bin kaum belastbar“

Von der Wehd ist Krankenschwester. Sie stand an der Front, als die Kliniken unter der Last der Corona-Patienten zu kollabieren drohten. „Ich habe als Springer auch auf der Covid-Station gearbeitet, obwohl ich das gar nicht wollte“, erzählt sie. „Im Februar 2021 habe ich mich bei einem Patienten angesteckt.“ Anfangs hat von der Wehd trotz vollen Impfschutzes einen mittelschweren Verlauf – Luftnot, Kopf- und Gliederschmerzen, Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, Fieber und Husten.

Bei der 44-Jährigen wollen die Symptome nicht vergehen. Es kommen neue hinzu, die klar für Long Covid sprechen: „Ich bin kaum belastbar, kann mich schwer konzentrieren und habe mitunter sogar Wortfindungsstörungen.“ Wenn man mit ihr spricht, merkt man es deutlich. Immerhin: Bei der Hohenpoldingerin wird Covid als Berufskrankheit anerkannt, das ist zumindest eine gewisse Absicherung durch die Berufsgenossenschaft. Hunderten anderen Betroffenen, etwa Polizisten, bleibt diese Einstufung verwehrt.

Von der Wehd ist ein Jahr daheim. Im Frühjahr 2022 will sie wieder arbeiten – wieder im Erdinger Klinikum, aber in einem anderen Bereich, denn voll belastbar ist sie nach wie vor nicht. Doch daraus wird nichts. Am Ende kündigt von der Wehd entnervt und entkräftet.

Nach Corona-Infektion: Zweifache Mutter findet keine Post-Covid-Ambulanz - „Fühle mich allein gelassen“

Einige Zeit arbeitet sie beim Medizinischen Dienst der Krankenkasse, verfasst Patienten-Gutachten, doch nach der Probezeit steht die 44-Jährige wieder auf der Straße. Seit 1. September ist sie vollends arbeitslos.

All das nagt auch an ihrer Psyche. Sie findet keine Post-Covid-Ambulanz, die sind über Monate ausgebucht. „Ich fühle mich allein gelassen. Ein Arzt meinte, ich bilde mir das alles nur ein.“ Es ist das alte Problem: Das Syndrom ist zu wenig erforscht, die Fälle sind zu unterschiedlich. Von der Wehd ist auch auf psychologische Hilfe angewiesen. Eine Reha in Bad Wiessee endet im Streit mit den Therapeuten. Auch dort fühlt sie sich nicht ernstgenommen.

Ihr Wunsch ist, „dass Long-Covid-Patienten als solche akzeptiert und nicht alleine gelassen werden, dass es endlich mehr Therapieplätze gibt“. Landrat Martin Bayerstorfer erinnert sie an die Kooperation des Kreiskrankenhauses mit dem Klinikum der Technischen Universität München. Könnte das nicht der Schlüssel zu einer wohnortnahen Versorgung sein?

Arbeitslos wegen Long Covid: „Kann nur hoffen, dass die Symptome irgendwann verschwinden“

Susanne von der Wehd geht es besser als vor einem Jahr, aber immer noch nicht gut. „Im Moment kann ich nur hoffen, dass die Symptome irgendwann verschwinden.“

Jetzt kommen neue Ängste hinzu: Bei der Familie fällt ein komplettes Gehalt weg, das Arbeitslosen- und Verletztengeld bei Weitem nicht kompensieren können – und das in einer Zeit explodierender Nebenkosten. Sie weiß nicht, ob sie jemals wieder in der Pflege arbeiten kann und wieder voll belastbar wird.

Alle Familienmitglieder hatten inzwischen Corona. Ehemann Martin laboriert ebenfalls noch an den Folgen, leidet unter Husten. Die beiden Kinder Helena (10) und Lorenz (8) hätten damals, das Schicksal ihrer Mutter immer vor Augen, panische Angst gehabt, erinnert sich ihre Mutter. Was sie auf die Palme bringt: „Querdenker, die das alles verharmlosen.“ ham

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