„Der Polizist, der Mord und das Kind“ 

Dachauer Beamter adoptiert Bub: Unglaubliche Geschichte am Montag im ZDF

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„Der Polizist, der Mord und das Kind“ am 11. Dezember im ZDF.

Der elfjährige Alexander findet seine Mutter in einer Blutlache liegen - erstochen von seinem Vater. Er landet bei der Münchner Polizei und in der Obhut des Dachauer Kommissars Carlos Benede. Die Geschichte „Der Polizist, der Mord und das Kind“ läuft am Montag im ZDF.

München - Mitten in der Nacht schreckt Alexander hoch. Die Polizei hat die Wohnungstür eingetreten. Schlaftrunken und barfuß tappt der elfjährige Junge in die Küche und sieht seine Mutter in einer Blutlache liegen – erstochen von seinem Vater. Alexander landet auf dem Münchner Polizeipräsidium bei Opferschutzkommissar Carlos Benede und damit in der Obhut ­eines Mannes, der ihm nach seinem traumatischen Erlebnis Fürsorge, Geborgenheit und schließlich auch ein Zuhause schenkt. Das ZDF-Drama Der Polizist, der Mord und das Kind (am Montag, 20.15 Uhr) erzählt eine tief berührende Geschichte – ohne Kitsch und Pathos. Eine Geschichte, die umso mehr ­bewegt, weil sie wahr ist.

Denn es gibt ihn wirklich, diesen Münchner Polizisten, der vor 17 Jahren das erste Mal seinem späteren Adoptivsohn Alexander begegnet. Er gewinnt das Vertrauen des Kindes, fährt mit ihm im Streifenwagen und mit Blaulicht zur nächsten Eisdiele. Carlos Benede (siehe Interview unten) hat diese Erinnerungen in seiner Autobiografie festgehalten, Autorin Dorothee Schön packt sie in ihr gelungenes Drehbuch. Präzise hält sie sich an die realen Ereignisse, und Regisseur Johannes Fabrick inszeniert sie ohne Gefühlsduselei in seinem Familiendrama. Er vertraut auf hervorragende Schauspieler und die Macht der Realität.

Carlos Benede mit Sohn Alex im Jahr 2002.

Matthias Koeberlin: „Es war nie mein Ziel, ihn eins zu eins zu kopieren“

Nur bei der Besetzung des ­Kommissars gibt es Abweichungen. Der echte Carlos Benede ist ein dunkelhäutiges Mannsbild mit bayrischem Akzent. Den verdankt der Sohn einer Spanierin und eines ­unbekannten Vaters den katholischen Klosterschwestern im Allgäu, bei denen er aufwuchs. Im Film spielt der blonde Schauspieler Matthias Koeberlin ­Benede und wird ihm, wenn auch nicht optisch, so doch menschlich überaus ­gerecht. „Es war nie mein Ziel, ihn eins zu eins zu kopieren“, sagt der 43-Jährige. „Mir war es wichtig, ein Gespür für diesen Mann zu bekommen, zu verstehen, warum er eine so große Verantwortung übernommen hat – später ja auch noch für ein zweites Kind.“ Der Schauspieler und der Ex-Kommissar, der seit 2012 ein Heim für schwer vermittelbare Jugendliche in Dachau leitet, lernten sich bei Vorgesprächen kennen. „Carlos ist ein lebensfroher und humorvoller Mensch“, erzählt Koeberlin im Gespräch mit der tz. „Gleichzeitig ist er aber auch sehr ernsthaft und im besten Sinne pragmatisch. Wenn er eine Entscheidung getroffen hat, trägt er sie mit allen Konsequenzen.“

Das zeigt auch Fabricks Film. Benede übernimmt die Vaterrolle mit großer Zuverlässigkeit, verzichtet auf sein ­privates Liebesglück und konzentriert sich auf die nicht leichte Aufgabe, ein Kind großzuziehen. Dieses Kind wird ganz großartig gespielt von Joshio ­Marlon, der als junger Alex zwischen Wut, Trauer und trotziger Zuversicht schwankt. Der echte Alex, mittlerweile erwachsen, war im Sommer mit Carlos bei der Premiere auf dem Münchner Filmfest. „Das hat mir sehr viel ­bedeutet“, sagt Hauptdarsteller Koeberlin. „Es war sicher nicht einfach, sich die eigene Geschichte anzuschauen – besonders für Alex.“ Doch Vater und Sohn zeigten sich mit dem TV-Drama glücklich. „Für mich ist das die schönste Auszeichnung für unseren Film“, so Koeberlin.

Interview mit Carlos Benede: „Ich habe es nie bereut“

Herr Benede, Sie und Ihr Sohn Alex waren dabei, als der Film auf dem Münchner Filmfest Premiere gefeiert hat. Was war das für ein Gefühl, die eigene Geschichte auf großer Leinwand zu sehen?

Carlos Benede: Das war schon sehr bewegend, weil so vieles aus den vergangenen Jahren wieder hochgekommen ist. Ich hatte ein paar Mal Tränen in den Augen. Und am Schluss habe ich mir gedacht: Wir haben alles richtig gemacht.

Klingt, als wären Sie mit dem Ergebnis zufrieden...

Benede: Auf jeden Fall. Matthias Koeberlin, der mich im Film spielt, ist zwar nicht ganz mein Hauttyp (lacht), aber schauspielerisch ist er wirklich toll. Gerade die Situationen, in denen es bei uns zu Hause nicht so rundlief, vermittelt er unglaublich authentisch.

Der Mord an der eigenen Mutter, der Schmerz, die Angst, die Trauer – für Ihren mittlerweile erwachsenen Sohn muss der Film noch aufwühlender sein, oder?

Benede: Für ihn ging es schon im Vorfeld ans Eingemachte, weil die Drehbuchautorin viele Details nachgefragt hat. Aber es war eine ganz bewusste Entscheidung von Alex. Er war bei allen Gesprächen dabei. Ich habe nichts ohne ihn gemacht und ihn bei allem mit einbezogen. Im Nachhinein glaube ich, dass der Film ein weiteres Stück Aufarbeitung für meinen Sohn ist. Er sagt ja immer: Vergessen kann ich das nie, aber ich muss damit leben. Die Geschichte – und das war uns beiden wichtig – hält das Andenken an seine Mutter aufrecht.

Als der Jugendamtsmitarbeiter sie vor 17 Jahren gefragt hat, ob Sie Alex bei sich aufnehmen würden. Wer hat da entschieden? Ihr Kopf oder Ihr Bauch?

Benede: Definitiv mein Bauch (lacht). Aber ich habe es bis heute nicht bereut, auch bei meinem zweiten Sohn nicht.

Auch heute noch ein gutes Team: Ex-Polizist Carlos Benede und sein Sohn Alex setzen sich gemeinsam für Jugendliche ein. Mit Benedes zweitem Adoptivsohn sind sie ein echter Männerhaushalt, der gemeinsam Weihnachten feiert

Sie hatten nie Zweifel?

Benede: Es war nicht immer eitel Freude und Sonnenschein. Wir hatten unsere Höhen und Tiefen. Und wir haben sicherlich auch ein paar Täler durchschritten, aber das ist, denke ich, in jeder Familie mit pubertierenden Kindern so.

Sie waren damals 37 Jahre alt und haben für Alex, der sich auf keine „zweite Mutter“ einlassen konnte, Ihre Beziehung beendet. Fiel Ihnen das nicht schwer?

Benede: Nein. Ich hatte mich für den Jungen entschieden und konnte in dem Moment nicht mehrgleisig fahren. Alex hatte einfach schon zu viel erlebt. Mein Glück vor seines zu stellen wäre in dem Moment unverantwortlich gewesen. Außerdem bin ich ein Typ, der, wenn er A gesagt hat, auch bis zum Z geht.

Wir tragen die Gene unserer Eltern in uns, werden aber stark vom Umfeld geprägt. Was haben Sie Ihren Söhnen mitgegeben?

Benede: In erster Linie Vertrauen, Verlässlichkeit und Familiensinn. Dabei ging es mir nie ums klassische Familienbild. Wir sind ja ein reiner Männerhaushalt, und ich selbst bin bei Klosterschwestern in einem Heim aufgewachsen. Familie sind für mich Menschen, die füreinander einstehen und gemeinsam einen Lebensabschnitt meistern. Wichtig war mir auch – und das ist meiner eigenen Erziehung geschuldet – der Glaube an Gott, der mir viel Kraft schenkt.

Kraft, die Sie seit 2012 auch in ein heilpädagogisches Heim für schwierige Jugendliche in Dachau stecken. Warum haben Sie den Polizeidienst quittiert?

Benede: Als Polizist hatte ich oft mit Jugendlichen zu tun, die in der Beschaffungskriminalität unterwegs waren. Die bekam man immer wieder zu Gesicht. Schon damals dachte ich, es kann doch nicht sein, dass die angezeigt werden, und das war’s dann. Ich wollte mich mehr kümmern, aber der sozialpädagogische Gedanke ließ sich mit meinen Aufgaben als Polizist nicht besonders gut vereinen. 2012 habe ich dann mit Kollegen dieses Heim gegründet, und seit 2015 konzentriere ich mich voll und ganz auf die Leitung. Heute betreuen wir Jugendliche, die schon etliche Einrichtungen hinter sich haben, für die wir oft die fünfte oder sechste Anlaufstelle sind. Es macht mir großen Spaß, mit jedem einzelnen von ihnen zu arbeiten.

Das Eifersuchtsdrama

Am 1. Mai 2000 wird der bayerische Opferschutzkommissar Carlos Benede zu einem Eifersuchtsdrama in München gerufen. Eine Frau (auf dem Foto) wurde in ­ihrer Wohnung erstochen, vom eigenen Mann, der sie mehrfach bedroht hat. Der gemeinsame elfjährige Sohn Alex schläft zum Tatzeitpunkt in der Wohnung und wacht erst auf, als Beamte, die der Familie Polizeischutz geben wollten, die Küche stürmen. „Meine Mutter war alles für mich“, sagt Alex, der bis heute das Andenken an sie bewahrt. In Carlos Benede fand er einen neuen Vater.

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