tz-Interview mit zwei Befürwortern

Darum fliegen wir auf die 3. Startbahn!

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Wollen durchstarten: Flughafen-Boss Michael Kerkloh (li.) und Finanzminister Markus Söder ( CSU) fordern die dritte Startbahn.

Flughafen - Nur noch zwei Tage bis zur Startbahn-Wahl am Sonntag! Nach den Gegnern bekommen im tz-Interview die Spitzen-Befürworter des Flughafenausbaus das Wort – ­Airport-Chef Michael Kerk­loh (58) und Markus Söder (45, CSU).

Herr Söder, wenn Sie nicht in Franken groß geworden wären und Sie, Herr Kerkloh, nicht in Westfalen, sondern in Attaching, würden Sie dann mit Nein gegen die Startbahn stimmen?

Trotz Entschädigung und Schallschutz: Am Ende werden auch Menschen wegziehen müssen. Haben die Bürger dort kein Recht auf Heimat?

Kerkloh: Doch. Wenn ich einen Kilometer weiter ziehe, wo es weniger Betroffenheit gibt, ist das immer noch Heimat. Es gibt in Attaching auch sehr viele Flughafen-Beschäftigte, die wissen, was sie an ihrem Flughafen haben – eine absolute Arbeitsplatzgarantie für die nächsten Jahrzehnte.

Zu den Gegnern zählt auch die katholische Kirche, die Grundstücke verweigert, die Sie für den Bau benötigen. Werden Sie Kardinal Reinhard Marx enteignen?

Söder: Jetzt muss erst einmal die Entscheidung in München abgewartet werden. Es gibt keinen Plan B. Und es gibt auch keine Tricksereien.

Die Frage war, ob Sie den Kardinal enteignen.

Kerkloh: In dem Gespräch, das ich mit Kardinal Marx hatte, hat er mir gesagt, dass auch die Kirche rechtskräftige Entscheidungen respektiert. Ich denke deshalb, dass die Kirche ihre Entscheidungen treffen wird, wenn Rechtssicherheit vorhanden ist.

Die Gegner sorgen sich auch um die Natur. Wollen Sie das 1000 Hektar große Vogelschutzgebiet wirklich zubetonieren?

Kerkloh: Zum Vogelschutzgebiet wurde diese Fläche ja erst lange nach der Eröffnung des Airports. Der grüne Abgeordnete Christian Magerl hat schon 1992 den Tod des Großen Bachvogels vorhergesagt. Jetzt haben wir eine der größten Population in Bayern bei uns am Flughafen! Wenn man sich die Kosten von 1,2 Milliarden Euro für das Projekt anschaut, dann sind nur 600 Millionen für den reinen Bau, von den anderen 600 Millionen fließt ein Großteil in Grunderwerb und Ausgleichsmaßnahmen. Da sind auch 100 Millionen Euro drin, die wir als Umlandfonds freiwillig für Verkehrsprojekte und den Ausgleich besonderer Härten zur Verfügung stellen.

Söder: Als Umweltminister habe ich damals die Umweltverträglichkeit geprüft. Die dritte Startbahn ist ökologisch vertretbar. Der Flughafen schafft fast eine doppelt so große ökologische Ausgleichsfläche, als er selbst verbraucht.

Aktion gegen dritte Startbahn in München

Aktion gegen dritte Startbahn in München

Für Sie sind Arbeitsplätze das wichtigste Argument. Die Gegner sagen: Es herrscht Vollbeschäftigung, die Region platzt schon aus allen Nähten. Braucht es noch Jobs?

Söder: In anderen Ländern würden sich die Menschen über die wirtschaftlichen Chancen freuen. Und bei uns gibt es eine Luxus-Debatte, ob es Arbeitsplätze braucht! Wir treffen die Vorsorge, dass wir auch in 20 Jahren so eine Arbeitsplatzsituation haben. Damit bieten wir auch weiter für die Region gute Chancen. Der Franz-Josef-Strauß-Flughafen hat eine Brückenfunktion zu Wachstumsmärkten wie China und Indien. Diese strategischen Flugverbindungen sind wichtig für die gesamte Wirtschaftsregion. Sonst werden wir vielleicht abgehängt.

Kerkloh: Wir haben seit fünf Jahren die Anbindung nach Indien – je einmal täglich nach Mumbai und Delhi. Davor war München nicht auf der indischen Landkarte. Mittlerweile gibt es Dutzende von nicht bekannten, kleinen indischen Unternehmen in München – IT-Industrie, Genforschung, Medizin. Und noch etwas: Die Arbeitsplätze am Flughafen kann man nicht verlagern. Der Flughafen kann nicht umziehen. Und er hat die ganze Palette an Arbeitsplätzen. Man darf nicht vergessen: Es gibt auch Ungelernte. Wo finden die einen Arbeitsplatz? Bei uns! Anderswo bekommen die Hartz IV, bei uns zahlen sie in die Sozialsysteme ein.

Die Gegner bezweifeln Ihre Prognosen – vor allem für Starts und Landungen. Benötigen sie die Bahn wirklich?

Kerkloh: Die haben unsere Prognosen vor Eröffnung des Flughafens auch schon bezweifelt. Und heute liegen wir Lichtjahre über dem, was damals erwartet worden war. Wir haben ganz simpel die Kapazitätsgrenze dieses Flughafens erreicht. Alle Flughäfen unserer Größe haben drei, vier oder fünf Bahnen, Amsterdam hat sechs! Jetzt haben wir eine weltweite Krise, und dann sagen die Gegner: Da kommt jetzt nix mehr! Das ist Quatsch. Alle arbeiten daran, dass es wieder vorwärts geht. Und jedes Prozent Wirtschaftswachstum bedeutet zwei Prozent Wachstum im Luftverkehr. Die Frage ist doch: Wie gut organisieren wir das? Wir wollen ja auch nicht, dass irrsinnig viel Kerosin herausgeblasen wird von Fliegern, die nicht starten und landen können. Wir wollen Warteschleifen vermeiden. Das ist ein Beitrag zum Umweltschutz!

Aber das Erdöl wird knapp, und die Preise für Kerosin und Flüge steigen. Käme die Bahn also nur für Konzerne und Reiche, die sich dann Flüge noch leisten können?

Kerkloh: Ich bin auch gegen Billigstflüge für 19 Euro. Das wird dem Produkt nicht gerecht. Aber 100 Euro kann man sich noch leisten. Das Reisen verändert sich: Für die Abiturienten von heute ist ein Praktikum in Argentinien oder ein soziales Jahr in Tansania nichts Außergewöhnliches. Bei den Umfragen stellen wir auch fest: Die jungen Leute sind am meisten für die dritte Bahn. Sie wollen nicht nur virtuell, sondern auch real vernetzt sein. Obwohl auch die ein grünes Gewissen haben.

Flüge nach Nürnberg gehören aber sicher nicht zu dem Gewissen!

Kerkloh: Wir sind die ersten, die auf diese Flüge verzichten könnten. Dazu muss aber eine leistungsfähige Schienenanbindung her. Ein größerer Flughafen braucht auch eine bessere Anbindung am Boden – die Verbindung in den Osten Bayerns und an den ICE. Man darf sich aber keine Illusionen machen: Wir haben am Tag 1200 Flüge! Wenn davon acht nach Nürnberg wegfallen, macht das den Kohl nicht fett.

Für die Schiene ist die Staatsregierung verantwortlich, Minister Söder sitzt neben Ihnen. Warum wurde die Startbahn ohne Schiene geplant?

Söder: Natürlich haben wir das vorangetrieben. Bis die dritte Startbahn kommt, wird parallel die Verkehrsanbindung verbessert. Das ist ein zentrales Element. Da haben wir schon etliches auf den Weg gebracht.

Halbwegs absehbar ist nur die Neufahrner Kurve – als Regional-Verbindung nach Ostbayern.

Söder: Wir sehen das anders. Wir sind da mittendrin.

Wie ist Ministerpräsident Horst Seehofer zu verstehen, wenn er die Landtagswahl 2013 zur Abstimmung über die Startbahn machen will?

Söder: Die Landtagswahl wird eine zusätzliche Entscheidung bringen müssen, weil wir leider hören, dass Grüne und Freie Wähler nicht bereit sind, ein positives Ergebnis zu akzeptieren. Die Grünen sagen: Wir werden mit allen Mitteln versuchen, das zu verhindern! Die Gegner werden die Startbahn bei der Landtagswahl zum Thema machen.

Aber wenn die Münchner sie ablehnen, muss die Stadt als Gesellschafter dagegen stimmen. Dann ist das Projekt tot.

Söder: Es muss auf den letzten Metern des Bürger-entscheids klargemacht werden, worum es geht – nicht nur um die Wirtschaft. Auch die Münchner haben einen Mehrwert: Die dritte Startbahn ist ein Angebot, den Service für Fluggäste zu verbessern. Es geht auch darum, wie angenehm man in den Urlaub fliegen kann – ohne Warteschleifen in der Luft oder lange Schlangen an den Schaltern.

Wie geht es aus?

Söder: Wir setzen auf Sieg!

Kerkloh: Das Thema ist jetzt in München angekommen, die Leute beschäftigen sich damit. Das ist gut, denn die Mehrheit der Münchner ist meiner Überzeugung nach für die dritte Bahn.

Ihre wichtigsten Argumente

Auch Alt-OB Hans-Jochen Vogel und OB Christian Ude (SPD) werben für den Bau. Das sind ihre wichtigsten Punkte:

Der Flughafen ist Job-Motor für die ganze Region – und Standortfaktor. Allein die internationalen Unternehmen sichern heute schon eine Viertelmillion Jobs.

Die beiden bisherigen Bahnen sind voll! Die Zahl der Passagiere soll aber von 38 Millionen im Jahr 2011 auf 58 Millionen in 2025 steigen.

Der Bau kostet den Steuerzahler kein Geld.

Interview: David Costanzo, Stefan Dorner, Peter Schiebel

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