Stadt im Münchner Umland leidet

Ladensterben! Hier macht das nächste große Haus dicht

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Das Modehaus Kohl macht dicht. Nach dem Räumungsverkauf im Juni ist alles vorbei.

Das Ladensterben in der Fürstenfeldbrucker Innenstadt geht weiter. Jetzt macht ein Traditions-Modehaus dicht. Und es kommen weitere Geschäfte hinzu.

Fürstenfeldbruck – Nach 112 Jahren ist Schluss. Im Juni schließt das Modehaus Kohl. Das Familienunternehmen hat drei Generationen überdauert, die vierte muss nun aufgeben – zumindest im Stammhaus in Fürstenfeldbruck.

Kunden wandern in Pasing Arcaden ab

Als Grund führt Elisabeth Heinz, Prokuristin und Tochter des langjährigen Modehaus-Chefs Wilhelm Kohl, den steigenden Internet-Handel und die Pasing Arcaden im Münchner Westen an. „Als sie im Oktober 2014 eröffneten, sind bei uns die Kundenzahlen eingebrochen.“ Man habe versucht, gegenzusteuern. Das Haus war gerade erst umgebaut worden, im Jahr darauf wurde die Herrenabteilung modernisiert und die Abteilung „Modern Woman“ neu eröffnet. „Der Zuwachs hat die Verluste aber nicht auffangen können.“ Man treffe ehemalige Kunden in den Arcaden. Anderen Brucker Einzelhändlern gehe es ebenso, sagt Elisabeth Heinz. Dort gebe es Auswahl und Parkhäuser. In der Amperstadt sei das Parken eher schwierig.

28 Angestellteverlieren ihren Job

Bei Kohl habe man alles versucht, wieder ein Modegeschäft als Pächter für die Räumlichkeiten zu finden. Vergebens. Die verwinkelten Flächen waren zu unattraktiv. Also entschied man sich schweren Herzens zum Verkauf. 28 Angestellte werden ihren Job verlieren. „Die Mitarbeiter waren schockiert und traurig, das ist ein ganz schwieriger Prozess“, sagt Elisabeth Heinz. Man sei in den vergangenen Jahren zu einer Familie zusammen gewachsen.

Das Familienunternehmen will die 32-Jährige zumindest im Kleinen fortführen – wenn auch nicht in Bruck. Die wesentlich kleineren Geschäfte im Einkaufszentrum München-Perlach und in Füssen bleiben geöffnet.

Auch Tally Weijl Storemacht dicht

Mit dem Modehaus muss auch der im Franchise-Konzept angegliederte und von Kohl-Mitarbeitern geführte Tally Weijl Store schließen. Herbert Brieger hatt dort nach seiner Fußballkarriere im damaligen Bayernliga-Team des SC Fürstenfeldbruck vor 13 Jahren seine berufliche Heimat gefunden. Am Donnerstag erfuhr er wie alle seiner Kollegen von der bevorstehenden Arbeitslosigkeit. „Geahnt haben wir es schon vorher irgendwie“, sagt Herbert Brieger.

Haus an Hauptstraße ist schon verkauft

Das Gebäude des Modehauses Kohl hat bereits der Allinger Bauunternehmer Thomas Vilgertshofer gekauft.Er hatte vor wenigen Jahren das ehemalige Lokal Brameshuber samt Grundstück erworben und auch das frühere Hendlhaus, in dem jetzt eine Pizzeria untergebracht ist. Für das Kohl-Anwesen wird derzeit am Notarvertrag gearbeitet. Im ensemblegeschützten Vorderhaus soll ein Ladenlokal bleiben. Die hinteren Gebäudeteile seien abbruchreif. Dort will Vilgertshofer möglicherweise Wohnungen bauen. „Aber da muss ich noch mit den Nachbarn sprechen.“ Eines ist jedoch klar: Ein weiteres Restaurant wird es nicht geben. „Im Bereich Gastronomie sind alle gut versorgt“, sagt Vilgertshofer

AbenteuerSpielzeugladen

Im Laden steckt Herzblut: Doch nach vier Jahren gibt Christopher Pink mit dem Game Asylum auf.

Nach vier Jahren ist auch im Game Asylum an der Amperbrücke Schluss. „Die Selbstständigkeit war ein großes Abenteuer“, sagt Inhaber Christopher Pink. „Aber man muss leider auch realistisch sein und wissen, wann es vorbei ist.“ Trotz treuer Stammkunden geht es für Pink nicht weiter. „Es fehlt die Laufkundschaft“, der 34-Jährige. „Die Brucker Innenstadt ist zu unattraktiv. Niemand will in einem Café sitzen, wenn Betonmischer vorbei fahren.“ Laufkundschaft gebe es nur in München, etwa in den Pasing-Arcaden. „Aber da ist mir die Miete zu teuer.“ Dazu kommen die Konkurrenz durch den Online-Handel. „Viele Menschen kaufen lieber im Internet, wenn es da ein wenig billiger ist“, sagt Pink. „Ohne Menschen, die etwas schönes sehen und es mit nehmen, kann kein Geschäft überleben.“

Mit einem Facebook-Post hat Pink das für Ende Mai geplante Aus öffentlich gemacht. Die Kunden reagieren traurig und mit Anteilnahme: „Das tut mir so leid! Ich habe deinen Laden geliebt“, schreibt ein Nutzer. „Schade. Das war mit Abstand Brucks sympathisches Geschäft“, schreibt eine andere.

Christopher Pink wird sich wieder eine Anstellung suchen. „Ich habe jetzt vier Jahre lang sechs Tage die Woche gearbeitet“, meint er. Urlaub gab es praktisch nie. „Es steckt viel Herzblut in dem Geschäft. Ich tat es gerne, aber es war anstrengend.“

Bleiben wenigstens die Früchte?

Die hohen Mieten brechen Mohammed Karimi das Genick: Er überlegt, seinen Obst- und Gemüseladen zu schließen.

Vor einer ähnlichen Entscheidung wie Pink steht Mohammed Karimi, Inhaber des gleichnamigen Obst- und Gemüseladen neben dem Restaurant Myra. „Am Ende des Monats bleiben mir 800 Euro Gewinn“, sagt der 27-Jährige. Als Angestellter habe er deutlich mehr verdient. „Wenn in einigen Monaten der Mietvertrag ausläuft, kann es gut sein, dass ich nicht weiter mache.“

Schuld sind für Karimi vor allem die hohen Mieten. „Ich zahle 3680 Euro im Monat. Das nimmt man hier nicht ein. Aber der Vermieter lässt nicht mit sich reden.“ Laut Karimi würden weitere Ladenbesitzer überlegen, zu schließen. „Teure Mieten sind bei allen der Hauptgrund.“

Tatsächlich stehen in Bruck bereits einige Häuser leer

 (mas, imu, lo)

Kleine Historie des Modehauses Kohl

Die Geschichte des Modehauses Kohl begann nicht mit Kleidern. Am Anfang standen eine Gärtnerei und Geschäft für Kolonialwaren. 

Das Modehaus Kohl: Mit einem Kolonialwarenhandel fing es an.

Der Urgroßvater des inzwischen verstorbenen langjährigen Geschäftsführers Wilhelm Kohl verkaufte einst Krautköpfe von einem fahrenden Wagen. 

1906 entschloss er, sich niederzulassen – in einem kleinen Laden in der Pucher Straße. Da ihm die Kunden die Türen einrannten, zog er 1925 in ein Geschäft mit 80 Quadratmetern Verkaufsfläche in die Hauptstraße um. Als Wilhelm Kohl ein Kind war, wurde das Geschäft in ein Modehaus umgewandelt. Im Laufe der Zeit expandierte das Unternehmen. 

Auch das Nachbargebäude kam zum Modehaus, das nun 1600 Quadratmeter Verkaufsfläche hat. Kohl träumte davon, dass seine Töchter sein Erbe fortführen, am besten noch weitere 100 Jahre.

Kommentar: 

Und täglich grüßt das Murmeltier: Die nächsten Einzelhändler in Brucks guter Stube geben auf. Das Ladensterben geht weiter und weiter. Die Probleme sind immer die gleichen. Die Kunden gehen lieber in die großen Einkaufszentren. Nach München, besonders in die nahe gelegenen Pasing Arcaden, nach Augsburg und auch in die Buchenau, wo sich ein Mini-Einkaufszentrum zur eigentlichen Shopping-Meile gemausert hat. 

Nimmt man noch die starke Konkurrenz durch das Internet, die in Fürstenfeldbruck nicht gerade niedrigen Mieten und die Lage direkt an der Bundesstraße hinzu, entsteht ein für viele tödlicher Cocktail. Der immer wieder kritisierte Parkplatzmangel mag ein Brucker Phänomen sein. Doch beim Innenstadt-Sterben steht die Kreisstadt nicht alleine da. Ein Teufelskreis, der kaum zu stoppen ist und am Ende auch den Vermietern das Wasser abgräbt. (Ingrid Zeilinger) 

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