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Flugzeugunglück vor 50 Jahren: Der schwärzeste Tag der Busunternehmer-Familie Scharf

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Von: Lea Warmedinger

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Wrackteile der verunglückten Spantax auf dem Flughafen Los Rodeos in Teneriffa am 3. Dezember 1972.
Wrackteile der verunglückten Spantax auf dem Flughafen Los Rodeos in Teneriffa am 3. Dezember 1972. © dpa

50 Jahre ist es nun her, dass im spanischen Teneriffa ein Flugzeug mit 150 bayerischen Busunternehmern abstürzte. Bei dem Unglück kamen alle Reisenden um – darunter auch das Ehepaar Max und Anni Scharf vom Busunternehmen Scharf in Maria Thalheim. Hans Scharf, der Bruder von Max, erinnert sich noch gut an die Tragödie vom Dezember 1972 – und an die Folgen für das Familienunternehmen, in dem sich notgedrungen viel verändern musste.

Tittenkofen – Nach acht Tagen Erholung und Kreuzfahrt wollen sich Maximilian und Anni Scharf auf den Heimweg machen. Er ist noch keine zwei Jahre Geschäftsführer des Busunternehmens Scharf, das er von seinem Vater übernommen hat. Die Reise organisiert der Landesverband Bayerischer Omnibusunternehmer. Um 6.45 Uhr startet die Coronado 990 der spanischen Fluggesellschaft Spantax. An Bord sind sieben Besatzungsmitglieder und 148 überwiegend aus Bayern stammende Omnibusunternehmer sowie deren Angehörige.

Flugzeugunglück vor 50 Jahren: Der schwärzeste Tag der Busunternehmer-Familie Scharf

Unmittelbar nach dem Start, auf einer Höhe von etwa 300 Fuß, stürzt das Flugzeug aufgrund eines Pilotenfehlers unkontrolliert zu Boden, wo es explodiert. Es gibt keine Überlebenden.

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Das Ehepaar Scharf hat sich für den ersten von zwei Flügen entschieden, um früher daheim in Maria Thalheim zu sein. „Genau das war die Tragödie“, bedauert Hans Scharf diese Umstände im Gespräch mit der Heimatzeitung. Er ist der jüngere Bruder von Max Scharf und übernahm damals infolge der Tragödie die Geschäftsführung der Scharf Omnibus und Reisebüro OHG – letztlich für über 40 Jahre. Heute haben seine Söhne Andreas und Martin das Sagen.

So berichteten wir damals von der Trauerfeier des verunglückten Ehepaars. Die Zahl der Trauergäste war damals so groß, dass die Plätze nicht ausreichten.
So berichteten wir damals von der Trauerfeier des verunglückten Ehepaars. Die Zahl der Trauergäste war damals so groß, dass die Plätze nicht ausreichten. © Lea Warmedinger

Das Unternehmen wurde 1930 von Josef und Anna Scharf gegründet und im Jahr 1971 von Max und Anni übernommen. Hans Scharf war zu dieser Zeit ebenfalls leitend im Unternehmen tätig.

Bei Flugzeugabsturz vor 50 Jahren auf Teneriffa starben Anni und Max Scharf

Letzterer ist heute 80 und weiß noch, wie er damals als 31-Jähriger dem Ehepaar versichert, die Firma mal für ein paar Tage vergessen und die Reise unbesorgt antreten zu können. Hans Scharf hält aber engen telefonischen Kontakt, da er zuhause gerade einen neuen Auftrag fixiert. In den Nachrichten hört Hans dann von dem Unglück. „Wir haben aber nicht genau gewusst, welche Maschine das war. Am späten Nachmittag war es uns dann klar“, erinnert er sich.

Historisches Familienfoto (v. l.): Josef Scharf (Firmengründer), Max Scharf (Verunglückter), sein jüngerer Bruder Hans und Anna Scharf sen. (Gründerin).
Historisches Familienfoto (v. l.): Josef Scharf (Firmengründer), Max Scharf (Verunglückter), sein jüngerer Bruder Hans und Anna Scharf sen. (Gründerin). © privat

Von dort an muss Hans den Betrieb leiten. „Es war ein großes Durcheinander, und wir haben nicht gewusst, wie wir das anpacken sollen“, berichtet er von den Anfängen. Viele andere betroffene Omnibusunternehmen seien nach dem Unglück gescheitert. Den Betrieb von heute auf morgen zu übernehmen und alles in den Griff zu bekommen, sei in den ersten drei Monaten ein immenser Stress gewesen. Mal ganz zu schweigen vom tragischen familiären Verlust.

Das Ehepaar hinterlässt damals den sechsjährigen Sohn Maxi. Sowohl die Großeltern väterlicherseits als auch die Großmutter mütterlicherseits kümmern sich nach dem Unglück um den Buben. Heute lebt Max Scharf jun. in Lüneburg und ist in der Finanzbranche tätig.

Zum 1. März 1973 übernimmt Hans Scharf schlussendlich auch offiziell das Busunternehmen. Da nicht er, sondern Maxi Scharf alleiniger Erbe ist, muss Hans es gemeinsam mit seiner Frau Rosa erwerben.

Flugzeugunglück vor 50 Jahren: Firma ging im folgenden Jahr auch noch pleite

Eine weitere große Hürde folgt im Jahr drauf, als eine Firma, die fünf der sieben Busse im Unternehmen beauftragt hat, pleite geht. Trotzdem kämpft sich der Familienbetrieb aus diesem Tal heraus. „Ohne grenzenlosen Einsatz wäre das nicht möglich gewesen“, berichtet der heutige Senior-Chef. „Tagsüber bin ich gefahren, bis in die Nacht hinein musste ich reparieren, und den Rest der Nacht verbrachte ich mit Büroarbeiten“, erinnert er sich an diese harten ersten Jahre.

Nicht einfach nur so nebenbei haben Hans und Rosa Scharf einen Haushalt mit vier kleinen Kindern zu bewerkstelligen. Die Mutter fährt neben der Hausarbeit Schulkinder mit einem Kleinbus. Für beide Eltern ist die Zeit eine Maximalanstrengung.

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1993 und 1994 steigen schließlich die Zwillingsbrüder Martin und Andreas ein. Der Betrieb wächst, und so erfolgt 1994 der Neubau des Betriebshofs in Tittenkofen. 2015 übernehmen die beiden Brüder die Unternehmensleitung.

Jedes Jahr feiert die Familie Scharf zum 3. Dezember eine Gedenkandacht in Erinnerung an das verunglückte Ehepaar. „Bei der klassischen Sonntagsmesse gedenken wir ihnen“, sagt Martin Scharf.

Bei der Jahrestagung des LBO am Nockherberg fand nun im November eine Gedenkveranstaltung zum Unglück in Teneriffa statt. In Erinnerung an die Opfer des Flugzeugabsturzes lud der Verband zu einem ökumenischen Wortgottesdienst ein. LBO-Mitglieder, Partner und Angehörige gedachten mit Harfenbegleitung den Verstorbenen und ihren Familien. „Diese Andacht war toll gemacht und sehr würdig“, findet der Geschäftsführer.

150 Särge dicht an dicht: die Trauerfeier wenige Tage nach dem Unglück im Dezember 1972 in Riem.
150 Särge dicht an dicht: die Trauerfeier wenige Tage nach dem Unglück im Dezember 1972 in Riem. © LBO

Die Liturgen Monsignore Thomas Schlichting und Regionalbischof Christian Kopp gestalteten die Zeremonie. „Unsere Gedanken sind bei denen, die beim Flugzeugunglück gestorben sind und die durch dieses Unglück schwere Trauer tragen mussten“, sagte Kopp. „150 Menschen tot. 110 Kinder waren auf einmal Waisen, 60 davon Vollwaisen. So viele Betriebe und Belegschaften einer Branche standen plötzlich ohne Leitung da“, sagte Schlichting. Er erinnerte an das Bild von der Trauerfeier in Riem, das auch Hans Scharf nie vergessen wird: „150 Särge dicht an dicht. Ein Meer an Blumen stand für das Mittrauern so vieler Menschen.“

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