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„Behörden machen dir Angst“: Oberbayerin kämpft über zwei Jahre für deutschen Pass

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Von: Josef Ametsbichler

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Schwarz auf Grün haben es jetzt Semira Ledda (27) aus Glonn und ihr „Einbürgerungshelfer“ Richard Hochleitner (64): Nach mehr als zwei Jahren Papierkrieg hält die ehemalige Montenegrinerin ihre Einbürgerungsurkunde der Bundesrepublik Deutschland in den Händen.
Schwarz auf Grün haben es jetzt Semira Ledda (27) aus Glonn und ihr „Einbürgerungshelfer“ Richard Hochleitner (64): Nach mehr als zwei Jahren Papierkrieg hält die ehemalige Montenegrinerin ihre Einbürgerungsurkunde der Bundesrepublik Deutschland in den Händen. © Josef Ametsbichler

Deutsche werden ist gar nicht so einfach. Auch wenn man hier geboren und aufgewachsen ist, hier lebt, arbeitet und eine Familie gegründet hat. Das hat die Glonnerin Semira Ledda (27) erfahren.

Glonn/Ebersberg – Behutsam zupft Semira Ledda, deren Wurzeln in Montenegro liegen, mit babyblau lackierten Fingernägeln eine Klarsichthülle aus einer vollgepackten Aktenmappe. Behördengrüner Hintergrund, aufgedruckter Bundesadler: Man könnte das Schreiben leicht mit einem amtlichen Führungszeugnis verwechseln. Doch für dieses Stück Papier hat Samira Ledda über zwei Jahre lang gekämpft und dabei einen ganzen Formularberg angesammelt. Es ist ihre Einbürgerungsurkunde. Seit 23. November ist die 27-Jährige Staatsbürgerin der Bundesrepublik Deutschland.

„Hätte nie gedacht, dass das so kompliziert ist“

Ledda streicht über die Urkunde und schnauft durch. Dann sagt sie: „Ich hätte nie gedacht, dass das so kompliziert ist.“ Ohnehin habe sie den Antrag nur hinbekommen, weil ihr Richard Hochleitner (64) geholfen habe, der Vater einer Freundin. Der Münchner Diplomingenieur sagt: „Semira ist ein Paradebeispiel guter Einbürgerung, aber die Deutschen wollten sie nicht haben.“

Eigentlich, möchte man meinen, müsste der Staat einer wie ihr den roten Teppich ausrollen. Samira Ledda ist in München geboren, im Land aufgewachsen und lebt mittlerweile mit ihrem Mann, deutscher Staatsbürger, in Glonn. Die gemeinsame Tochter Marlena ist zweieinhalb. Ledda hat den Quali gemacht, dann die Ausbildung und arbeitet als Arzthelferin in einer Praxis im Landkreis. Fachkraft, Familienmensch, Steuerzahlerin, akzentfreies Deutsch. Und: Einwandererkind, deshalb bis heuer Bürgerin der Republik Montenegro.

Gut möglich, dass die Bundesregierung Menschen wie Semira Ledda im Sinn hat, während sie an ihrer Einbürgerungsreform arbeitet. Menschen, die seit Jahren im Land leben, hier integriert sind und für sich selbst sorgen können, sollen leichter Deutsche werden können.

Glonnerin wollte endlich einen deutschen Pass

Am Flughafen immer als Einzige in die Nicht-EU-Schlange zu müssen, immer wieder für Visumsformalitäten nach Frankfurt zum Konsulat oder sogar nach Montenegro reisen zu müssen, das Gefühl zu haben: „Ich bin hier nur geduldet.“ – irgendwann langte es der Glonnerin damit. Sie wollte endlich einen deutschen Pass.

Semira Ledda zieht noch ein Papier aus ihrer Aktenmappe. Es ist eine Checkliste mit 32 möglichen Punkten. 19 davon sind mit einem daneben gedruckten Kreuz versehen. Jedes Kreuz ist händisch mit Kugelschreiber abgehakt. Es sind die Nachweise, die die Glonnerin für ihre Einbürgerung beim Landratsamt Ebersberg abliefern musste. Geburtsurkunde, Heiratsurkunde, Lebenslauf, Einkommensteuerbescheid, Alters- und Krankenversicherung, alle Schulzeugnisse seit der Grundschule, Mietvertrag, Arbeitsvertrag, Einkommensnachweise, Kindergeld-Nachweise, und so weiter.

Alles in Original und Kopie. Fremdsprachige Nachweise in deutscher, beglaubigter, in Deutschland ausgeführter Übersetzung. Gewerbeanmeldung, Sterbeurkunde des Ehegatten, Sorgerechtsbeschluss: Diese und zehn weitere Punkte konnte sie sich zum Glück sparen, da nicht zutreffend.

2000 Euro in Papierkrieg investiert

Doch es war kompliziert und teuer genug. Rund 2000 Euro, schätzt Ledda, hat sie in den Papierkrieg investiert, der nun hinter ihr liegt. Allein das Ausstellen der Einbürgerungsurkunde habe 255 Euro gekostet. „Ich würde mir für die Nächsten wünschen, dass es einfacher wird“, sagt sie.

Dazu die Unsicherheit. Im Februar ließ sie sich, vom Landratsamt mit einer Einbürgerungszusicherung ausgestattet, von ihrem bisherigen Heimatland Montenegro ausbürgern. Macht 567 Euro. Mit jedem Monat, den sie dann auf ihre Urkunde warten musste, wuchs eine Sorge. Denn die Zusicherung gilt nur für den Fall „dass sich die für die Einbürgerung maßgebliche Sach- oder Rechtslage (...) nicht ändert“, steht darauf. Was geschehen wäre, wenn sie in der Zwischenzeit arbeitslos geworden oder die Ehe auseinandergegangen wäre – Samira Ledda will es sich nicht ausmalen.

„Die Behörden machen dir Angst“, sagt sie. Schlimmstenfalls, das bestätigt das Landratsamt auf EZ-Anfrage, wäre sie dann vorerst staatenlos geblieben, da die „Lebensunterhaltssicherung“ wohl nicht mehr gegeben gewesen wäre.

„Einbürgerungshelfer“: Landratsamt schuld an Hängepartie

Semira Leddas „Einbürgerungshelfer“ Richard Hochleitner sieht bei der langen Hängepartie die Schuld beim Landratsamt Ebersberg und dessen schlechter Kommunikation. Die Entscheidung habe sich immer wieder wegen trivialer Dinge verzögert – am Schluss noch um eine Woche, als Semira Ledda unverrichteter Dinge wieder abziehen musste: Die Person, die den Schlüssel zum Aktenschrank mit ihrer Einbürgerungsurkunde hatte, war kurzfristig erkrankt – und niemand sonst kam dran.

Diesen Vorfall räumt das Landratsamt ein und rechtfertigt sich mit dem hohen Schutz, unter dem solche Akten stünden. Insgesamt sei es aber so, dass sich Einbürgerungsverfahren sogenannter Drittstaater, also Menschen aus einem Nicht-EU-Staat –wie im Fall Semira Leddas Montenegro – in Einzelfällen zwei Jahre hinziehen könnten. Das liege am dortigen Entlassungsverfahren und einer erneuten Schleife an notwendigen behördlichen Prüfungen auf deutscher Seite. „Viele Einbürgerungsverfahren sind innerhalb von vier bis sechs Monaten abgeschlossen“, schreibt die Behörde auch.

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Für Semira Ledda ist die Geschichte nun fast ausgestanden. Wobei, nun wartet sie auf das Rathaus in Glonn, wo sie mit der Einbürgerungsurkunde ihren Personalausweis beantragt hat. Dass es mit dem Deutsch werden geklappt hat, sagt sie, „das glaube ich erst richtig, wenn ich den in den Händen halte.“

Neubürger im Landkreis

228 Einbürgerungen hat das Landratsamt Ebersberg nach eigenen Angaben 2021 abgeschlossen, zudem 51 Einbürgerungszusicherungen ausgestellt. Diese brauchen die Bewerber für eine Entlassung aus ihrer bisherigen Staatsangehörigkeit. Elf Einbürgerungsverfahren wurden demnach zurückgenommen oder eingestellt. Die meisten Antragssteller stammen laut der Kreisbehörde aus Rumänien und Ungarn, es seien aber auch viele ehemalige Geflüchtete aus Syrien dabei.

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