Keine alltägliche Arbeit

Dieser Mann prüft Grabsteine - und rettet damit vielleicht Leben auf dem Friedhof

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Steht fest: Einmal im Jahr prüft Friedhofspfleger Michael Hofsäss die Standfestigkeit der Grabsteine auf den Friedhöfen der Gemeinde Dietramszell. 

Diese Arbeit ist nicht alltäglich: Friedhofspfleger Michael Hofsäss testet Grabsteine auf ihre Standfestigkeit. Denn Sicherheit geht auch auf dem Friedhof vor.

Dietramszell – Dunkle Wolken hängen bedrohlich über dem gemeindlichen Friedhof Kreuzbichl in Dietramszell. Zumindest ist aber der große Regenschauer schon vorbei. Inmitten der Gräber steht eine junge Frau mit einem Klemmbrett in der Hand. Langsam geht sie durch die Reihen. „Jetzt hier?“, fragt sie. Ihr Begleiter nickt. Dann drückt er mit beiden Armen fest gegen die Rückseite eines Grabsteines.

Was auf den ersten Blick merkwürdig anmutet, ist Vorschrift: Elisabeth Disl vom Amt für öffentliche Sicherheit und Ordnung der Gemeinde Dietramszell und Friedhofspfleger Michael Hofsäss überprüfen die Standfestigkeit der Grabsteine. So wird versucht, die Anzahl an Unfällen mit kippenden Grabmalen soweit es geht zu verringern. Einmal jährlich, wenn die Frostperiode vorbei ist, soll sich eine fachkundige Person dieser Aufgabe stellen. Das ist eine Vorschrift zur Unfallverhütung für Friedhöfe und Krematorien von der Gartenbau-Berufsgenossenschaft.

Besonderes Augenmerk legt er auf Holzkreuze

Hofsäss, der für die Gemeindefriedhöfe in Dietramszell und in Holzkirchen zuständig ist, hat bei der Berufsgenossenschaft dafür extra einen Lehrgang absolviert. „Jeder Stein sollte 20, 30 Kilo Druck aushalten, ohne sich zur rühren“, erklärt er und drückt gegen den Stein, den Disl ausgesucht hat. Geprüft wird wahlweise mit einem Kipptester oder manuell. Hofsäss testet per Hand. Er verlässt sich auf seine jahrelange Erfahrung, will den Stein spüren. „Früher wurde immer gerüttelt“, sagt er und geht ein Grab weiter. „Aber wenn man lang genug rüttelt, bekommt man jeden Stein locker.“ Daher wird heutzutage auf eine Druckprüfung gesetzt. Das geschieht im Frühjahr, nach dem Frost. „Hat ein Stein bereits einen kleinen Riss, kann Wasser eindringen. Wenn das gefriert, dehnt es sich aus und erweitert so den Schaden.“

Besonderes Augenmerk legt der Fachmann auf Holzkreuze. „Das Material wird durch die Witterungseinflüsse im Laufe der Zeit morsch und stellt ebenfalls eine Gefahr dar.“ Auch das Alter des Grabmals und der Untergrund des Gottesackers spielen eine Rolle.

Unterm Strich soll die Überprüfung zur Sicherheit der Friedhofsbesucher beitragen. „Es geht hierbei aber nicht nur um Beerdigungsgäste, die sich während der Zeremonie gegen einen Grabstein lehnen. Es geht auch um die Angehörigen selbst“, betont Hofsäss. Denn die sind es schließlich, die in nächster Nähe des Grabmals arbeiten, wenn sie Blumen pflanzen oder den Stein sauber machen. „Gerade die Älteren halten sich gerne am Grabstein fest, um leichter aus der Hocke zu kommen. Fatal, wenn hier etwas passieren würde.“

„Sicherheit geht einfach vor“

Hofsäss geht eine Reihe weiter. Er drückt fest gegen den Stein und hebt dann die Hand. „Hier“, sagt er und deutet auf einen großen Grabstein. „Der steht nicht mehr sicher.“ Disl dokumentiert den Schaden mit der Kamera und macht sich Notizen.

„Die Gemeinde schreibt den Besitzer an, legt das Bild bei und fordert eine möglichst umgehende Instandsetzung“, erklärt sie das weitere Vorgehen. Werden diese Aufforderung und eventuelle Mahnungen ignoriert, wird die Gemeinde aktiv. „Wir können einen Steinmetz bestellen. Die Rechnung allerdings erhält dann der Eigentümer.“ Disl streicht über einen Grabstein. „Sicherheit geht einfach vor.“ Deshalb zeigen sich die meisten Angehörigen dankbar für einen solchen Hinweis. „Gerade dann, wenn sie nicht hier wohnen oder aus anderen Gründen selten Gelegenheit haben, den Friedhof zu besuchen“, erklärt Disl.

Nach der Prüfung werden diesmal drei von den 240 Grabstellen-Besitzern des Friedhofs Kreuzbichl Post bekommen. Ein Ergebnis, mit dem Hofsäss und Disl mehr als zufrieden sind. Wenn alle Schäden behoben sind, kann nichts mehr passieren.

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