Ehrenbürgerwürde

Hitler-Streit in Dietramszell

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Da braut sich was zusammen: Dietramszell ist wieder in den Verdacht geraten, ein Nazi-Nest zu sein.

Dietramszell - Die Empörung über den Dietramszeller Gemeinderat reißt nicht ab. Jetzt meldet sich Peter Dathe zu Wort, einst Dritter Bürgermeister und Chef des Landeskriminalamts.

Peter Dathe ist seit 2008 Chef des Landeskriminalamts. Kaum jemand kann besser beurteilen, wie groß die Gefahr ist, die von braunem Gedankengut ausgeht. Es hat ihn schwer getroffen, dass der Gemeinderat, dem er von 1978 bis 2002 angehört hat, sich von der Ehrenbürgerschaft für Adolf Hitler nicht distanziert hat. „Das ist zutiefst erschütternd“, schreibt er in einem Brief an unsere Zeitung. „Da haben wohl manche die Zeichen der Zeit nicht erkannt – oder schlimmer wäre noch, wenn sie diese Zeichen ignorieren würden.“

Dathe sieht sich genötigt, den amtierenden Gemeinderäten nachdrücklich ins Gewissen zu reden. „Die Umtriebe nationalsozialistischer Agitationen hat in Deutschland Hochkonjunktur. Das zeigt sich nicht nur in den Verbrechen der NSU, sondern in vielerlei Gewaltaktionen. Wer mit etwas offenen Augen und Ohren in die Gegenwart Deutschlands blickt oder hört, dem kann dies wohl nicht verborgen bleiben.“ Gerade deswegen wäre es wichtig gewesen, ein Zeichen der Distanzierung zu setzen. Dathe: „Ich hoffe, die Gemeinderäte sehen ihre Verantwortung über die bloße Abstimmung einer Ehrenbürgerwürde hinaus.“ Und: „Braunes Gedankengut ist ständig und überall klar zu verurteilen.“

Noch immer fassungslos ist Waltraud Bauhof, seit 1984 fast ununterbrochen Gemeinderätin. Sie war an dem fraglichen Dienstag krank und deshalb nicht anwesend. „Ich kann nicht mehr schlafen, so regt mich das Ganze auf“, sagt sie. Bauhof kann aus eigener Erfahrung berichten, dass sich speziell in Dietramszell braunes Gedankengut auch nach 1945 noch sehr lange gehalten hat. Als sie in den 1970er Jahren von Köln nach Dietramszell kam, sei Hitlers Geburtstag immer noch gefeiert worden – wozu sogar ein Altar aufgestellt gewesen sei. „Bei dieser Zeremonie waren hochrangige Dietramszeller dabei“, berichtet Bauhof. Sie hofft inständig, dass ihre Kollegen die Entscheidung vom vergangenen Dienstag korrigieren. Und vor allem, dass sie komplett erscheinen und nicht unter irgendeinem Vorwand der Sondersitzung fernbleiben. „Es ist ja schon einmal eine Sitzung ausgefallen“, sagt sie. Tatsächlich war der Rat 2012 an einem Abend nicht beschlussfähig, weil nur acht von 20 Gemeinderäten den Weg ins Humbacher Feuerwehrhaus gefunden hatten. Bis heute halten sich Gerüchte, dass dies eine abgekartete Sache war, um Bürgermeisterin Leni Gröbmaier bloßzustellen.

So begann der Zweite Weltkrieg

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Von den acht Gemeinderäten, die sich nicht zu einer Distanzierung von Hitlers Ehrung durchringen konnten, hat sich bislang niemand zu Wort gemeldet – außer Barbara Regul. Die Vorsitzende des Kulturvereins und treibende Kraft bei der Sanierung der Leonhardikirche sieht sich zu Unrecht von der Presse in die rechte Ecke gedrängt. „Mein Onkel war im KZ, meine Mutter rettete eine jüdische Freundin vor dem Abtransport ins Vernichtungslager“, schreibt sie in einer persönlichen Erklärung. Sie bedauert ausdrücklich die Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Hindenburg und vor allem an Hitler im Jahr 1933. Maßgeblich für ihr Votum sei die Tatsache gewesen, dass die Ehrenbürgerschaft nach dem Gesetz mit dem Tode erlischt.

Leni Gröbmaier ist zuversichtlich, dass es gelingen wird, die Sache am Dienstag aus der Welt zu schaffen. „Ich habe Rückmeldungen von einigen Gemeinderäten, die über sich selbst entsetzt sind“, sagt sie. „Da haben sich einige eines Besseren besonnen.“ Es gehe eben nicht um die Gesetzeslage, auf die sich Regul beruft, sondern um die Geste. Das hätten offenbar einige nicht bedacht. „Alles andere wäre rein mechanisch und ohne Herz.“ Es sei wichtig, jetzt endlich das richtige Signal zu setzen: „Das weltoffene Dietramszell muss wieder die Oberhand gewinnen.“

Landrat Josef Niedermaier fehlt jedes Verständnis für das Verhalten des Gemeinderats. „Dümmer geht es nicht“, sagt er. Die Erklärung, dass man sich von der Ehrenbürgerwürde distanziere und ein Zeichen der Mahnung setze, sei gut gewesen: „Daraus spricht kein blinder Aktivismus.“ Das Thema Faschismus eigne sich nicht für irgendwelche politischen Spielchen.

Ehrenbürger Hitler: Zeller Rat distanziert sich nicht

Volker Ufertinger

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