Digitaler Nachlass

Ich sterbe, aber meine Profile bei Tinder, Facebook und Amazon leben weiter

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Was passiert nach dem Tod mit meinen Daten? Dafür gibt es spezielle Firmen, die den digitalen Nachlass regeln, erklärt Bestattermeister Karl Albert Denk vom gleichnamigen Bestattungsinstitut.

Erbe 2.0: Wir sprachen mit Bestattermeister Karl Albert Denk über Online-Nachlass, Datenschutz und ein wegweisendes Urteil des BGH.

Erding – Bargeld, Immobilien, Schmuck, aber auch mal Schulden: Jahrhundertelang waren es ganz reelle Dinge, die vererbt wurden. Seit einigen Jahren hält aber auch hier die Digitalisierung Einzug. Ob Facebook-Konto, Guthaben bei PayPal oder E-Mails im virtuellen Posteingang – auch in der Onlinewelt hinterlassen wir tagtäglich Spuren. Wie mit diesem digitalen Nachlass nach dem Tod umgegangen wird, darüber sprachen wir mit Bestattermeister Karl Albert Denk (36).

Herr Denk, der Beruf des Bestatters ist zwangsläufig ein sehr emotionaler. Wie passt das zur digitalen Welt?

Karl Albert Denk: Der Bestatter hat sich schon immer nicht nur um die Beerdigungen gekümmert, sondern den Hinterbliebenen, falls gewünscht, auch Abmeldungen abgenommen – von GEZ bis Telekom, von Rente bis Krankenversicherung. In den vergangenen Jahren kam das Internet immer mehr dazu, und damit auch der digitale Nachlass.

Was versteht man unter digitalem Nachlass?

Denk: Darunter versteht man im Prinzip das ganze Leben, das sich im Internet abspielt. Soziale Medien wie Facebook, Twitter oder Instagram sind Teil des realen Lebens – und werden nach dem Tod zum digitalen Nachlass. Aber auch Geschäfte, die ich online abwickele, gehören dazu – sei es bei Shops wie Amazon oder bei Dienstleistern wie Paypal. Dabei geht es nicht nur darum, dass man vielleicht Geld in Form von nicht genutztem Guthaben hinterlässt, sondern allgemein eine digitale Spur. Ganz banal betrifft das auch das digitale Postfach, über das man heutzutage sein ganzes Leben abwickelt.

Ohne E-Mails geht es ja gar nicht mehr.

Denk: Sie sagen es: Heute geht’s oftmals gar nicht mehr anders. Immer mehr Firmen verlagern ihr klassisches Geschäft ins Netz: Die sogenannte Old Economy digitalisiert ihre Abläufe mehr und mehr. Da macht man in einem Online-Kalender einen Arzttermin aus, statt anzurufen. Oder man wechselt den Stromanbieter und kann alles Wichtige über ein Online-Konto verwalten. Nicht zu vergessen das bekannteste Beispiel: Online-Banking.

Und für all diese Dienste braucht man ein eigenes Konto samt Passwort. Da verliert man doch leicht den Überblick.

Denk: Ja, denn im Laufe der Zeit sammelt sich vieles an, was man gar nicht mehr nutzt. Man vergisst, dass man sich vor Jahren mal hier und da angemeldet hat. Zudem hinterlegen die wenigsten Menschen alle Passwörter oder Vertragsdaten. Das alles dann zu finden, ist für die Angehörigen unmöglich – auch im Hinblick auf die hohen Datenschutzanforderungen heutzutage.

Da kommen Sie als Bestatter dann ins Spiel.

Denk: Wir als Bestatter haben das Problem schon früh erkannt. Mein Unternehmen zum Beispiel kooperiert dafür mit der Columba Online Identity Management AG aus Berlin, dem Marktführer in diesem Bereich. Das Unternehmen hat eine Software entwickelt, mit der der digitale Nachlass geregelt werden kann.

Wie funktioniert das?

Denk: Der Name des Verstorbenen und alle bekannten E-Mail-Adressen werden eingespeist. Dieser Service kostet bei uns 129 Euro für zwölf Monate. So lange sind die Mitarbeiter von Columba dann permanent dabei, in unserem Auftrag den digitalen Nachlass eines Verstorbenen zu ermitteln.

Wie muss man sich das genau vorstellen?

Denk: Datenschutz spielt dabei eine große Rolle. Der Dienstleister gibt also nicht einfach die Daten an die jeweiligen Online-Dienste und -Shops weiter. Vielmehr werden sie in eine Art Blackbox eingegeben, auf die niemand sonst Zugriff hat. Die teilnehmenden Firmen wiederum senden ebenfalls ihre Daten dorthin, ohne dass Dritte sie sehen können. So kann ein Abgleich stattfinden. Wurde ein passendes Kundenkonto gefunden, kann der Angehörige entscheiden, ob er den Account löschen, sich eventuell vorhandenes Guthaben auszahlen lässt oder das Konto übernimmt, sofern das die Firma zulässt. Partner sind bereits die meisten der großen Player der Szene, von Amazon bis Zalando.

Und was ist mit Verträgen oder Verbindlichkeiten außerhalb der digitalen Welt?

Denk: Auch so etwas können Erben über das Online-Portal abmelden, zum Beispiel bestehende Zeitungsabos, die gekündigt werden sollen. Das übernimmt dann Columba für sie.

Und was ist, wenn Konten gefunden werden, die für die Angehörigen unangenehm sein könnten? Webseiten sexuellen Inhalts zum Beispiel?

Denk: Man kann diese Seiten bei der Suche ausblenden. Aber wir leben in einer aufgeklärten Welt, und ich glaube nicht, dass die Familie etwas derart Überraschendes entdecken könnte, das sie aus der Bahn wirft. Nebenbei bemerkt könnte das auch passieren, wenn man ganz klassisch Briefe oder Fotos des Verstorbenen findet. Jeder muss sich einfach bewusst sein: Was ich online tue, hinterlässt eine digitale Spur, die die Familie finden kann. Man muss sich fragen: Ist es mir das wert, durch meine Online-Aktivitäten einen Familienschaden zu riskieren?

Wie kann jeder für sich schon zu Lebzeiten selbst vorsorgen?

Denk: Wenn man einen Safe hat, ist es nicht verkehrt, eine Tabelle mit allen Online-Konten oder auch den Passwörtern für digitale Geräte wie PC, Smartphone oder Router anzulegen. Eine Liste, die tatsächlich analog ist. Auch ein PC oder eine Software können kaputt gehen oder gehackt werden – doppelter Schutz ist immer gut.

Sie haben vorhin den Datenschutz angesprochen. Hat die neue Datenschutz-Grundverordnung (DSGV) einen Einfluss auf die digitale Nachlassverwaltung?

Denk: Datenschutz ist schon immer wichtig für uns Bestatter, da wir mit sehr sensiblen Daten arbeiten. Unsere Arbeitsweise hat sich durch die DSGV kaum geändert, außer dass der Kunde zusätzliche Formulare unterschreiben muss. Umso wichtiger ist es, dass wir einen Partner haben, auf den wir uns verlassen können. Vom Verband der Bestatter schicken wir deshalb einmal im Jahr einen Datenschutzbeauftragten zu Columba, der die Arbeitsweise dort überprüft.

Hat es auch für die Internetdienste Vorteile, wenn der digitale Nachlass professionell geregelt wird?

Denk: Auf jeden Fall, denn es ist nichts pietätloser, als eine E-Mail mit Geburtstagsgrüßen zu schicken, die dann bei der Witwe ankommt. Da sind die Firmen schon froh, wenn auch sie Bescheid wissen, warum sich dieser oder jener Kunde nicht mehr anmeldet.

Der Bundesgerichtshof hat erst kürzlich entschieden, dass Erben der Zugang zu den Konten Verstorbener ermöglicht werden muss. Die Eltern eines Mädchens hatten geklagt, weil sie sich erhofft hatten, in ihrem Facebook-Konto Hinweise auf einen eventuellen Suizid zu finden. Hat dieses Urteil Auswirkungen auf Ihre Arbeit?

Denk: Ja, ganz sicher. Kurz danach kamen schon einige Kunden zu uns, die sich dadurch plötzlich Gedanken gemacht haben und sich informieren wollten. Die Kunden wird es in Zukunft sicher mehr interessieren, ob sie die Daten im Todesfall haben können.

Wie stehen Sie persönlich zur ganzen Diskussion im Vorfeld des Urteils?

Denk: Ich finde, man darf das nicht zu hoch hängen. Ob Briefe oder Tagebücher – die Erben können das alles anschauen, es gehört ja zum Nachlass. Warum soll das im Internet anders sein? Ich finde, man muss damit rechnen, dass die Hinterbliebenen auch E-Mails und Chats lesen. Und wenn ich das nicht möchte, darf ich an sozialen Medien nicht teilnehmen oder muss alles sofort löschen. Auch wenn es ihr Recht ist: Aus trauerpsychologischer Sicht glaube ich nicht, dass der Blick ins Facebook-Konto den Eltern helfen wird. Ich kann sie aber verstehen, sie klammern sich eben an jeden Strohhalm.

Serie: Digitalisierung im Landkreis

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