Thomas S.: Er war ein Tyrann

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Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens tragen in Krailling ein totes Kind auf einer Bahre aus einem Wohnhaus. Der 50 Jahre alte Onkel der beiden ermordeten Schwestern, selbst Vater von vier Kindern, sitzt seit April wegen Tatverdachts in Untersuchungshaft.

München/Peißenberg - Lesen Sie hier, wie der mutmaßliche Doppelmörder von Krailling seine Mitmenschen ausnutzte und seine Familie tyrannisierte. Nachbarn berichten, dass alle Kinder Angst vor dem Mann hatten.

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Ein schwarzes Auto ist Burckhard Bittner (68) schon Stunden vor der Festnahme verdächtig vorgekommen. Erst um 17 Uhr weiß er, dass es von der Polizei kam. „Innerhalb von Sekunden waren da zwölf weitere zivile Autos, sie kamen von allen Seiten“, berichtet der Nachbar von Thomas S. „Die Beamten hatten Sonnenbrillen an – wie im Action-Film.“

In diesem Moment ahnen die Nachbarn noch nicht, dass die Festnahme im Zusammenhang mit dem Mordfall in ­Krailling steht. Thomas S. und seine Frau, die erst vor einem Jahr in das neue Haus gezogen sind, haben kaum mit den Anwohnern geredet. Gehört haben ihn die Nachbarn dennoch oft: Laut deren Beschreibung war der Vater nämlich alles andere als treusorgend. Er habe die sechsjährige Tochter und seine drei Söhne (8, 11 und 13) oft lauthals beschimpft und sei sogar gewalttätig gewesen.

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"Der war faul", sagen die direkten Nachbarn Burckhard Bittner und Jeantette Wolter.

Ein Mädchen, das mit den Kindern befreundet war, berichtet, dass sie einmal zu spät nach Hause gekommen seien. „Da hat er ihnen einfach eine Ohrfeige gegeben. Wir Kinder hatten immer Angst vor dem Vater.“ Eine direkte Nachbarin erzählt, dass sie ihrem Sohn nicht erlaubt habe, in dieses Haus zu gehen. „Vor allem seinen großen Sohn hat der Vater immer böse beschimpft, er hat ihn arbeiten lassen, während er selbst faul im Haus saß.“ Einmal sei sie kurz davor gewesen, die Polizei zu holen. „Da standen Kinder nachts auf dem ungesicherten Balkon ohne Geländer und haben geweint. Ich weiß nicht, ob die Eltern sie ausgesperrt haben oder Geschwister – zumindest hat die Eltern das wenig interessiert.“ Erst als die Nachbarin mit der Polizei drohte, kamen die Kinder wieder hinein.

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Sie berichtet, dass das Jugendamt die Familie schon länger im Visier gehabt habe. Auch beruflich lief wohl nicht alles rund: Der Postzusteller soll versetzt worden sein, weil er immer angeeckt ist. Materiell habe es den Kindern an nichts gefehlt, wird berichtet. Sie haben tolle Fahrräder, Inline-Skates und anständige Kleidung. „Viele vermuten ja, dass die Spenden, die er bekommen hat, gar nicht ins Haus geflossen sind“, sagt ein Nachbar.

Nachbar Richard D. (46) kann das alles auch am Sonntag noch kaum glauben. "Er war komisch - aber kann das sein, dass unser Nachbar ein Mörder ist?"

Dass es Thomas S. vor allem ums Geld ging, sagt auch Nachbar Richard D. (46): „Einmal wollte ich ihm beim Fenster einbauen helfen. Er hat nur gesagt: ‚Wenn Sie helfen wollen, spenden Sie.“ Auch Nachbar Burckhard Bittner bestätigt: „Der hat so viel Hilfe bekommen: Auch vom Kleidungshaus, sogar einen Urlaub haben sie spendiert bekommen. Wenn es um Hilfe ging, haben sie vor den Medien heile Familie gespielt.“

Am Haus hat Thomas S. selbst offenbar nichts gemacht, das berichten alle. „Der war ein fauler Hund.“ Wohnlich wirkt das Haus wahrlich nicht: Auf dem Betonsockel, der einmal eine Terrasse werden sollte, stehen ein brauner Korbstuhl und ein Sonnenschirm, im Blick ein großer Erdhügel, Holzpaletten und Müll. In der Woche nach dem Mord in Krailling ist der Verdächtige nicht besonders aufgefallen, sagen alle. Eine Nachbarin: „Ich hab ihn nur einmal gesehen, er wirkte ganz normal.“

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Das Haus von Thomas S. und seiner Familie in Peißenberg ist noch nicht fertiggebaut.

Viele im Neubaugebiet haben die Festnahme beobachtet. „Der Vater war ruhig, er hat sich nicht gewehrt, die Beamten haben ihm nur die Hand auf die Schulter gelegt“, berichtet Bittner. Entgegen der Darstellung der Polizei hätten die Kinder den Zugriff mitbekommen. Der Sohn soll weinend auf dem Balkon zugesehen haben. Längst be-schäftigt der Fall Krailling ganz Peißenberg. In der Messe in St. Barbara sprach Pfarrer Christoph Leutgäb eine Fürbitte für die Opfer. Er hat nicht gesagt, für welche. „Dieser Mann hat vielleicht zwei Familien zerstört“, sagt Nachbarin Jeanette Wolter (59). Im Ort ist man sich einig, dass das wichtigste ist, dass Thomas S. nun hinter Gittern ist. „Wir sind froh, dass er weg ist – für unsere Kinder und letztlich auch für seine eigenen.“

Über das ­Drama berichten die tz-Reporter Dorita Plange, Jacob Mell, ­Nina Bautz, Matthias Bieber und Johannes Welte

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