"Unerträgliches Gemetzel"

Notzing-Mord: Das fordert der Staatsanwalt

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Staatsanwalt Ralph Reiter fordert lebenslänglich für Christoph W.

Notzing/Landshut - Im Prozess um den Doppelmord von Notzing hat Anklagevertreter Ralph Reiter sein Plädoyer vorgetragen. Er sprach von einem unerträglichen Gemetzel des Angeklagten Christoph W. (22).

Das Gemetzel und die grausamen Szenen, die sich beim Mord an den Eheleuten Franz Xaver R. (60) und Heidi R. (54) in deren Haus in Notzingabgespielt hätten, seien rückblickend kaum zu ertragen und das Nachtatgeschehen kaum zu begreifen, stellte Staatsanwalt Ralph Reiter in seinem Plädoyer fest. Für den mutmaßlichen Doppelmörder Christoph W. (22), der heimtückisch und aus niederen Beweggründen gehandelt habe, forderte er eine lebenslange Freiheitsstrafe, dazu die Feststellung der „besonderen Schwere der Schuld”, mit der eine Entlassung auf Bewährung nach 15 Jahren Haft ausgeschlossen wird.

Christoph W. verfolgte sein Lebensziel

Das Verhängnis, so erinnerte der Anklagevertreter am zehnten Prozesstag, habe seinen Lauf genommen, als der Anlagenmechaniker Ende 2009 die damals 15-jährige Tochter Cornelia R. kennen gelernt habe. Wie bei ihren drei Vorgängerinnen habe er „geklammert”, sie isoliert und Vorschriften gemacht. Dabei sei es ihm nicht auf die Person angekommen, sondern ihm sei es um sein Lebensziel gegangen: Ein Haus zu bauen, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Die Eltern der Vorgängerin von Cornelia R. hätten Glück gehabt, dass er so schnell einen „Ersatz” gefunden habe. „Sonst wäre es vielleicht ihnen ergangen wie den Eheleuten R.”

Christoph W. habe seine Ex-Verlobte wie eine „Leibeigene” gehalten, sie quasi einer „Gehirnwäsche” unterzogen. Die Beziehung sei auch eine Belastung für die Eltern gewesen. Als sie in die Brüche gegangen sei, habe der 22-Jährige ihnen, vor allem aber der Mutter, die Schuld daran gegeben. Da er dann auf die Schnelle keine neue Freundin fand, habe er beschlossen, die „Hindernisse” aus dem Weg zu räumen, um seinem „Lebensplan” wieder eine Perspektive zu geben.

Christoph W. hatte besondere Wut auf Mutter

Die Morde habe er gedanklich schon eine Woche vorher vorbereitet, sich für den Tattag Urlaub genommen. Er habe gewusst, dass der Vater seine Tochter am Morgen zur Berufsschule fahren und die Mutter eine Freundin aufsuchen werde, so dass er unbemerkt in das Haus eindringen könne. Den arg- und wehrlosen Frührentner habe er dann bei seiner Rückkehr mit dem Messer traktiert und dabei unter anderem seine Halsschlagader durchtrennt, was zum Verbluten geführt habe.

Danach habe er in aller Ruhe eine „Säuberungsaktion” durchgeführt und auf die ebenfalls arg- und wehrlose Mutter gewartet, sie mit brutaler Gewalt unter Einsatz eines Messers, einer Axt, eines Schürhakens und eines Wetzstahls hingemetzelt. 30 Verletzungen seien bei der 54-Jährigen vor allem im Kopf- und Gesichtsbereich festgestellt worden, so dass man getrost von einem „Overkill” (Übertöten) sprechen und ihn so deuten könne, dass er auf die Mutter eine besondere Wut gehabt habe. Als unglaubwürdig wies der Staatsanwalt die Version des Angeklagten beim psychiatrischen Sachverständigen zurück, dass er in das Haus nur eingedrungen sei, um sich selbst das Leben zu nehmen. Ebenso wenig komme ein „Affektstum” oder ein Kontrollverlust in Frage, da es sich um ein zweistufiges Geschehen, also um zwei Morde gehandelt habe, dazwischen Säuberungsaktionen durchgeführt worden seien.

Kaum vorstellbare und nachvollziehbare Szenen hätten sich dann in den folgenden 50 Stunden bis zur Aufdeckung der Tat abgespielt: Zusammen mit Cornelia R., die er perfide mit einer SMS-Botschaft von den Handys der toten Eltern nach Hause zitiert und dann mit Drohungen, dass es eine dritte Leiche geben könnte, unter Druck gesetzt habe, seien Blutlachen beseitigt, die Leichen geschleppt und nach dem gescheiterten Versuch, die des Vaters zu verbrennen, vergraben worden. Danach habe man gemeinsam vor dem Fernseher gesessen, sei miteinander Händchen haltend spazieren gegangen und habe Sex gehabt.

Doppelmord in Notzing: Die Bilder vom Tatort

Doppelmord: Die Bilder vom Tatort

„Die Rolle von Cornelia R. bleibt rätselhaft, ihr ruhiges und scheinbar abgebrühtes Verhalten ist nicht zu verstehen”, so Reiter, zumal sie Möglichkeiten zur Flucht beziehungsweise zur Verständigung der Polizei nicht genutzt habe.

Reiter: "Es gibt schlimmere Biographien"

Zentrale Frage, so der Anklagevertreter, sei die Schuldfähigkeit von Christoph W., der - wie der psychiatrische Gutachter Prof. Dr. Norbert Nedopil festgestellt hatte - an einer kombinierten Persönlichkeitsstörung leide. Dadurch aber, so schloss sich der Staatsanwalt dem Gutachten an, sei seine Einsichts- und Steuerungsfähigkeit nicht beeinträchtigt gewesen, so dass die Störung forensisch nicht relevant und er voll schuldfähig sei. Seine Umgebung habe ihn zwar als Sonderling, „Psycho”, Duckmäuser und Aufschneider wahrgenommen, er sei auch Zielscheibe von Spott im Kindergarten und in der Schule gewesen, sei im Elternhaus der ,Looser’ gewesen, aber, so Reiter: „Es gibt schlimmere Biographien.”

Die Mordmerkmale Heimtücke und niedere Beweggründe seien erfüllt, die Tat stehe auf der tiefsten Stufe, Christoph W. habe damit seine eigenen Interessen, sein Lebensziel durchzusetzen, verfolgt und dafür zwei Leben ausgelöscht. Das sei verachtenswert und dafür komme nur eine lebenslängliche Freiheitsstrafe in Betracht. Gleichzeitig forderte der Anklagevertreter, die „besondere Schwere der Schuld” festzustellen.

„Zwar hält sich das Rückfallrisiko in Grenzen, weil seine Störung therapierbar wäre. Insgesamt ist aber die Prognose negativ, so dass er nur aus der Haft entlassen werden kann, wenn die Gutachter bescheinigen, dass keine Gefahr mehr von ihm ausgeht. Das kann auch erst in 30 Jahren sein. Das wäre auch bei der Verhängung der Sicherungsverwahrung nicht anders”, erläuterte Staatsanwalt Reiter.

Der Doppelmörder vor Gericht - Bilder vom Prozess

Doppelmörder Christoph W. vor Gericht - Bilder vom Notzing-Prozess

Der Prozess wird am Freitag, 8. März, mit dem Plädoyer der Verteidigung fortgesetzt, die Urteilsverkündung ist dann für den 13. März terminiert.

Ötl

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