Drama am Starnberger See

Verzweifelte Suche nach 13-jährigem Bub

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50 Boote durchkämmten den teils 50 Meter tiefen See regelrecht.

Starnberg - Feuerwehren, Wasserretter, Polizei und Hundestaffeln suchen seit Sonntagabend den Starnberger See ab. Ein Schüler wird vermisst.

Es ist Sonntagabend um kurz nach 18 Uhr, als die Gruppe Ruderer nahe dem Westufer des Starnberger Sees über das Wasser gleitet. Unter ihnen ist auch Martin A. (Name geändert). Der 13-jährige Schüler aus Sendling sitzt in einem Anfängerboot, alleine. Es ist sonnig, ein kalter Wind bläst. Die Ruderer passieren die Promenade am Undosa, dann geht es zum Treffpunkt, dem Clubhaus des Vereins MRC 1880. Doch der große Bub (1,93 Meter) mit den dunkelblonden Locken kommt dort nie an. Als sich seine Freunde umdrehen, ist er spurlos verschwunden …

Was ist Martin A. beim Rudertraining nur passiert? Ist der Bub aus seinem Boot gefallen? Untergegangen? „Sein Boot wurde kurze Zeit später verlassen im See treibend nahe des Undosas am Ufer gefunden“, sagte Polizeisprecher Günther Beck gestern. Die Polizei startet sofort eine riesige Suchaktion: Mit 100 Einsatzkräften und mit 15 Booten rücken sie aus, durchkämmen den See regelrecht in Reihen von fünf bis sechs Booten. Alles wird getan, um den sportlichen Gymnasiasten irgendwie zu orten. Aber mit jeder Stunde schwindet die Hoffnung – denn der See ist bitterkalt. „Bei einer Wassertemperatur von 5 bis 7 Grad kann der Weg zurück zum Ufer zu lang sein“, erklärt ein Polizeisprecher gegenüber dem Starnberger Merkur. Besonders da Martin nur eine lange Sporthose und ein T-Shirt trug. Dazu kommt: Ruderer haben generell keine Schwimmwesten an, da sie sich so kaum bewegen können. Und der 13-Jährige ist zudem nicht sehr erfahren: Er begann mit dem Sport erst im September, als er im Rahmen einer Sportarbeitsgruppe seiner Schule, des Wilhelmsgymnasiums im Lehel, einen Kurs belegte.

Als um 20.10 Uhr langsam die Sonne untergeht, bauen die Suchtrupps Kräne auf, die mit Scheinwerfern bestückt werden. Der Starnberger See glitzert im Licht, als die Suchboote immer wieder verzweifelt ihre Runden drehen. Doch von Martin fehlt weiter jede Spur. Die Wassertiefe beträgt hier 40, teils 50 Meter. So kommen gegen 22 Uhr auch speziell trainierte Wasser-Suchhunde zum Einsatz, um den Buben irgendwie zu wittern. Vergebens. Kein Lebenszeichen.

Um kurz nach 2 Uhr wird die Suche abgebrochen – aber nur um im Morgengrauen mit weiteren Booten nach dem Bub zu suchen. Martin bleibt jedoch auch gestern verschwunden.

Beim Ruderclub MRC 1880 ist man geschockt: „Das ist eine Tragödie“, sagt Clubchef Eler von Bockelmann gegenüber der tz. Mehr möchte er aber zu dem Vorfall nicht sagen. Man habe auf der Homepage des Vereins der „Betroffenheit aller Mitglieder“ Raum gegeben. „Unsere Gedanken sind bei der Familie des Sportkameraden“, ist dort unter anderem zu lesen (siehe ExtraText links unten).

Natürlich stellt sich dennoch die Frage: Wenn Martin ins Wasser gefallen ist (und alles deutet darauf hin), warum hat dies keiner bemerkt? Wo war die Aufsichtsperson der Trainingsgruppe? Hatte Martin keine Möglichkeit, um Hilfe zu rufen? Und wenn er dies tat, warum hörte ihn niemand? Ruderte er so weit hinter der Gruppe? „Irgendwie ist das Ganze sehr mysteriös“, sagte ein Polizeisprecher gestern der tz. Tatsache ist: In dem Fall ermittelt seit gestern auch die Kripo.

Um Martins Familie kümmerte sich gestern ein Kriseninterventionsteam. Die Ungewissheit, was mit ihrem Sohn passiert ist, ist für die Angehörigen kaum zu ertragen. Die Psychologen spenden Trost, führen Gespräche. Auch in Martins Schule sitzt der Schochk tief: Der 13-Jährige ist dort sehr beliebt, gilt als freundlich und sehr hilfsbereit.

Um Martin vielleicht doch noch zu finden, werden nun Spezialisten der Bereitschaftspolizei Sonargeräte einsetzen, die den See bis in eine Tiefe von 20 Metern „abtasten“ können. Sollte das keine Hinweise auf den Verbleib bringen, wird später mit Kameras gesucht.

Dass der kalte Starnberger See manche seiner Opfer nie wieder hergibt, zeigt ein Unfall vor fünf Jahren. Damals stürzte ein angetrunkener Segler vor den Augen seines Freundes ins Wasser. Er wurde nie gefunden.

Jacob Mell, Michael Stürzer

Das sagt der Ruderclub

Tiefe Betroffenheit im Ruderclub MRC 1880. Auf seiner Internetseite teilt der Münchner Verein mit, dass den Vorstand am Sonntagabend die Nachricht vom Trainingsunfall des 13-jährigen Sportlers erreichte.

„Alle verfügbaren Rettungskräfte sind in unermüdlichem Einsatz“, beschreibt der Club die verzweifelte Suche nach dem vermissten Teenager. „Vorstand und Mitglieder des MRC 1880 hoffen derzeit gemeinsam auf einen glücklichen Ausgang der Rettungsmaßnahmen. Unsere Gedanken sind bei der Familie des Sportkameraden, die jetzt um sein Wohlergehen bangt.“

Der MRC 1880 verspricht, seine Mitglieder auf der Homepage auf dem Laufenden zu halten. Hoffentlich gibt es ja doch noch gute Nachrichten …

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