Kein Job für schwache Nerven 

Ein Kinderschänder verfolgt den Richter sogar beim Joggen

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Was würde der Durchschnitt des Volkes sagen? Markus Nikol (49) ist Amtsrichter in Ebersberg. Er sagt, man müsse ein gesundes Volksempfinden berücksichtigen.

Gefühle spielen vor Gericht keine Rolle, sagt Richter Markus Nikol. Auch wenn ein Bub missbraucht wurde. Oder wenn es darum geht, die Geräte eines Koma-Patienten abzustellen. 

Ebersberg – Ein Mann fliegt mit einer Tasche voll Geld nach Haiti, um einen kleinen Buben zu missbrauchen. Es ist ein älterer Herr: dicklich, Berliner, Chef einer Hilfsorganisation, eines Vereins, der Spenden für Straßenkinder in dem Karibikstaat sammelt. Sagt er.

Haiti ist nach einem schweren Erdbeben 2010 gebeutelt. Tausende Menschen starben. Kinder leben alleine auf der Straße. Der Mann, er heißt Hans B., sagt, er will den Kindern helfen. Tatsächlich nutzt er das gespendete Geld, um Hotelzimmer anzumieten und um sich gemeinsam mit zwei Deutschen und einem Schweden an jungen Buben zu vergehen. Einer dieser Buben ist Flavio. Ein zierlicher Kerl, dunkler Teint, helle Stimme. Hans B. sagt, dass er das Kind liebe, als ihn Polizisten am Flughafen in München festnehmen. Er hat den Buben mit gefälschten Papieren nach Deutschland mit genommen, um in hier weiter zu missbrauchen.

Ein süßes haitianisches Kind

Wenn Markus Nikol diese Geschichte erzählt, spielt es keine Rolle, dass sie bereits sieben Jahre alt ist. Er wird nie vergessen, dass Hans B. einen ungepflegten Eindruck machte. Und dass Flavio dunkle Augen und schwarze Locken hatte, und wie eine „süßes haitianisches Kind“ ausschaute. Es brannte sich ein in den Kopf Nikols. Damals war er noch nicht Amtsrichter in Ebersberg. Er war Staatsanwalt in Landshut und zuständig für Sexualverbrechen und Fälle, die mit dem Flughafen München zu tun hatten. Hans B. war ein solcher Fall. „Es war ein Verfahren, das einen nicht unberührt lässt“, sagt Nikol. An das er sich immer noch erinnert, wenn er joggen geht

Amtsgericht Ebersberg: Mehrfach vorbestrafter Kinderschänder muss hinter Gitter (merkur.de)

49 Jahre ist Nikol alt, groß, Typ Marathonläufer, braun gebrannt, am rechten Handgelenk zwei Armbänder, blaues Sakko, mit Knöpfen bis zum Revers. Seit fünf Jahren ist er Richter am Amtsgericht in Ebersberg. Auf seinem akkurat sortierten Schreibtisch liegen rote und gelbe Akten. Zwischen Stempeln steht eine blaue Tasse mit dem Logo der schwedischen Polizei darauf. Kollegen aus Schweden hätten sie Nikol geschenkt, nachdem der Kinderschänderring in Deutschland hochgenommen wurde und auch ein schwedischer Lehrer wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt werden konnte. 2012 war das.

Hans B. vor Gericht. Er bezeichnete sich selbst als Entwicklungshelfer, missbrauchte aber Kinder.

Nikol muss am Amtsgericht über Vieles richten. Über Nachbarn, die sich um Hecken streiten. Über Betrunkene, die mit dem Auto fahren. Und darüber, ob die Maschinen eines Mannes im Krankenhaus abgeschaltet werden sollen, der eine dreiviertel Stunde tot war, reanimiert wurde und seither im Koma liegt. „Bis ich entschieden hätte, ist der Patient gestorben“, sagt Nikol. Die Natur habe es geregelt. Erleichterung? „Nein, eigentlich nicht.“ Nikol überlegt. „Wenn, muss ich entscheiden. Es ist Aufgabe eines Richters.“ Über Leben und Tod zu entscheiden? „Ich entscheide nicht über Leben und Tod“, sagt Nikol. „Ich hätte geprüft, was der Wille des Betroffenen gewesen wäre. Wenn ich Infos gefunden hätte, dass er die Abschaltung gewünscht hätte, müsste ich diese Entscheidung würdigen.“

Als Richter auch guter Psychologe

Nikol geht joggen. In seiner Freizeit. Irgendwo im Landkreis Freising. Er denkt nach. Alleine. Über Fälle. Darüber, was der Durchschnitt des Volkes machen würde. Mit seiner Familie spricht er nicht über die Arbeit. Nur Wenige wissen, wo er wohnt. Um ihn und seine Familie zu schützen. Zwar wurde er noch nie wegen eines Urteils massiv bedroht. Dennoch gebe es Menschen, die „möglicherweise verschnupft auf mich reagieren“, wie er sagt. Angst habe er nicht, wenn er in der Öffentlichkeit ist. „Und das Amtsgericht ist gut gesichert.“ Es gibt Einlasskontrollen und Sicherheitsbeamte.

München: Vom Amtsrichter zum Ankläger: Darum wechselt er die Seiten

Es ist kein Job für schwache Nerven, muss Nikol zugeben. Erst mit der Praxis merke man, für was man sich entschieden habe, als Grünschnabel, als junger Student. Nikol war 28 Jahre jung, als er das merkte. Er wurde Proberichter am Amtsgericht in Freising; einer der Jüngsten in ganz Bayern. Sein Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität schloss er als einer der Besten ab. Er schätze die Stringenz des Faches. Doch die Praxis ist mehr als die Summe der guten Noten. Als Richter sei man ein guter Beobachter, ein guter Psychologe, ein guter Frager mit wissenschaftlicher Technik. „Nicht Paragrafen, sondern Menschen stehen im Vordergrund.“ Das merkt jeder, der Nikol während eines Prozesses beobachtet. Er sitzt ruhig hinter dem Richtertisch aus hellem Holz. Er schaut den Angeklagten und Zeugen in die Augen, schreibt selten mit. Er wolle beobachten, spüren, wie die Menschen reagieren.

Hin und wieder ist es eine Wanderung auf einem schmalen Grat. Es sind Grenzfälle, wenn Nikol zum Vorwurf einer sexuellen Nötigung ein Urteil fällen muss, wie im letzten Jahr. Ein Gastronom soll ein Zimmermädchen bedrängt und angefasst haben. Aussagen gegen Aussage. Nikol verurteilte den Mann.

Ein Triebtäter, der die Not und Naturkatastrophe schamlos ausnutzte

Vor Gericht spielen Gefühle keine Rolle, sagt er. Egal wie berührend die Geschichte ist. Zum Beispiel, dass Flavio, der haitianische Bub, eine Woche, als er in Deutschland war, nichts gegessen und sieben Tage durchgeweint hatte. Hans B. wurde zu einer Freiheitsstrafe von über sechs Jahren verurteilt. Es hieß, er sei ein pädophiler Triebtäter, der die Not und die Naturkatastrophe schmalos ausgenutzt habe. Damals, als er mit einer Tasche voll Geld nach Haiti geflogen ist.

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