Frauen-Notruf empört über Getränkenamen

Anstoßen mit der „Hafennutte“: Bar in Bayern bietet besonderes „Special“ - und löst Debatte aus

Mit ihrem „Shot-Special“ hat die „Artesano“-Bar in Ebersberg eine Sexismus-Debatte ausgelöst.
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Mit ihrem „Shot-Special“ hat die „Artesano“-Bar in Ebersberg eine Sexismus-Debatte ausgelöst.

Das „Shot-Special“ in „Artesano“-Bar hat eine Sexismus-Debatte ausgelöst. Der Ebersberger Frauen-Notruf empörte sich über Getränkenamen wie „Hafennutte“ und „Geile Muschi“.

Ebersberg – Die Geschichte alkoholischer Getränke ist eine Geschichte der mehr oder weniger originellen Namensfindung. Cranberry, Wodka, Pfirsichlikör und O-Saft – das klingt ansprechend, wenn man es süß mag. Als „Sex on the Beach“ gehört dieser Cocktail zu den berühmtesten der Welt. Der Name macht’s.

In Ebersberg hat dieses Phänomen über eine Getränkekarte eine veritable Sexismusdebatte ausgelöst. Entzündet hat sich diese am „Shot Special“ des „Artesano“ vom vergangenen Wochenende. Das Lounge-Lokal hatte auf Instagram und Facebook mit einer Liste Liköre geworben, darunter „Kettenfett“ (Lakritz), „Scharfe Granate“ (Granatapfel-Chili), aber auch „Hafennutte“ (Erdbeer), „Heiße Witwe“ (Pflaume) und „Geile Muschi“ (Kirsch-Banane; hier liefert die Internet-Recherche erst nach mehreren Anläufen ein Getränk als Ergebnis – und damit einen Hinweis auf das Problem).

Sexismus-Debatte in Ebersberg: „Artesano“-Bar bietet bei „Shot-Special“ fragwürdige Getränkekarte

Sauer aufgestoßen ist das pappsüße Angebot dem Ebersberger Frauennotruf. In einem Facebook-Post nennt die ehrenamtliche Beratungsstelle die Getränkeauswahl „Sexismus in Reinform“. Angela Rupp, die Geschäftsführerin, erklärt auf EZ-Anfrage, warum: Die weibliche Anatomie werde in herabwürdigender Weise bei der Werbung für solche Produkte eingesetzt. Und auch die Namen transportierten ein sexualisiertes, abschätziges Frauenbild. „Das wollen wir nicht so stehen lassen“, sagt Rupp. Der Frauennotruf verstehe sich nicht nur als Anlaufstelle bei häuslicher und sexueller Gewalt, sondern auch als Teil der öffentlichen Lobbyarbeit für die Belange von Frauen.

Gerade in Verbindung mit Alkohol sei diese Sexualisierung ein Problem, erläutert Rupp. Kaum eine junge Frau, die im Nachtleben nicht schon mit stark sexualisierten Anmachsprüchen und Aufdringlichkeiten konfrontiert worden sei. „Mit Sprache fängt es an“, warnt Rupp. „Dadurch entstehen Bilder in den Köpfen.“ Und die, die sich dagegen wehrten, bekämen es gern mit der Täter-Opfer-Umkehr zu tun – „Sei doch nicht so prüde“, heiße es dann. Oder es folgten persönliche Angriffe aufs eigene Aussehen. Dagegen will der Frauennotruf sensibilisieren. Gefragt sei hier der Werberat – aber auch vom Betreiber der „Artesano“ habe man sich mehr Einsicht erhofft.

„Hafennutte“ und „Heiße Muschi“: Ebersberger Frauennotruf empört über sexistische Getränkekarte

Danjiel Babic, der Wirt, löschte die strittige Likörkarte angesichts der Kritik noch am Freitag aus dem Netz. Das Shot-Special mit „Geiler Muschi“ und „Hafennutte“ gab es am Wochenende trotzdem. „Für die Namen kann ich nichts“, sagt Babic auf EZ-Anfrage. Die „Hafennutte“ und die „Geile Muschi“ kommen fertig abgefüllt vom Hersteller. „Ich wollte niemanden sauer machen“, sagt Babic auch. Und: „Das war nicht frauenfeindlich gedacht.“ Die Gäste hätten die Getränke querbeet gut angenommen – unabhängig von Alter und Geschlecht. „Das haben alle bestellt“, sagt der Wirt. „Sonst hätte ja jede Après-Ski-Bar diese Diskussion.“ Für Babic ist der Fall erledigt – es sei ohnehin ein einmaliges „Special“ gewesen.

Frauennotruf fordert Sexismus-Debatte wegen Getränkekarte: Leider kein Einzelfall in der Gastronomie

Nicht erst seit der „Black Lives Matter“-Bewegung hat die „Colaweiße“ den „Neger“ auf den Getränkekarten abgelöst – die Gesellschaft hat sich mehrheitlich darauf verständigt, dass der Name rassistisch ist. Die Sexismus-Debatte ist aber offenbar noch voll im Gange; Ergebnis: offen. Auch ein Lokal im nördlichen Landkreis wirbt mit dem Spruch: „Ihre Frau kann nicht kochen? Macht nichts! Essen Sie bei uns und behalten Sie Ihre Frau als Hobby!“

Ein weiterer sexistisch anmutender Aushang an einer Gaststätte im Landkreis Ebersberg, fotografiert am vergangenen Wochenende.

Sexismus-Debatte um Getränkekarte: Männer auf Facebook genervt von weiblicher Empörung

Überwiegend mit zornigen Smileys haben die weiblichen Facebook-Fans den Beitrag des Frauennotrufs zur Werbung des „Artesano“ wortlos unterstützt. „Verbissen“, „hysterisch“, „Es nervt!“, lautet dagegen die Kritik am Frauennotruf unter dessen Facebook-Beitrag. Die Kommentatoren, die dort so reagieren: alles Männer.

Was ist noch akzeptable Werbung, und wo fängt Sexismus an? Darüber wurde auch in Dorfen (Landkreis Erding) bereits heftig diskutiert. Auslöser für die Sexismus-Debatte war die Werbung eines Taufkirchener Versicherungsbüros. Ein weitaus breiteres Publikum erreichte die Sexismus-Debatte die eine Passauer Studentin Anfang des Jahres ausgelöst hat. Sie empörte sich am Text des Donau-Lieds - eines beliebten Bierzelt-Schlagers - und verlangte die sofortige Verbannung des Songs von deutschen Volksfesten.

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