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Abriss und Neubau: Wirten von Traditions-Berggasthof „blutet das Herz“

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Von: Katharina Bromberger

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Ein Bauernhaus beziehungsweise Berggasthof mit Terrasse steht vor einem Bergpanorama.
Mindestens 120 Jahre alt ist das Hauptgebäude des Berggasthofs Eckbauer. Er wird wohl einem Neubau weichen, eine Kernsanierung lässt sich nicht stemmen. © Peter Kornatz

Julia und Sebastian Ortner haben den Berggasthof Eckbauer über Garmisch-Partenkirchen übernommen und schreiben damit die Familiengeschichte fort. Doch sie werden viel verändern. Notgedrungen.

Garmisch-Partenkirchen – Kennengelernt hat Julia Ortner ihre Oma nicht mehr, sie starb vor ihrer Geburt. Doch alle, die sie erlebt haben, sind sich einig: Sie war die geborene Gastronomin. „Julia, du hast viel von Deiner Oma“, hat man der Enkelin oft gesagt. Das Gastronomen-Gen. Das fiel auch langjährigen Gästen früh auf. „Die Jule, die macht das hier mal weiter“, prophezeiten sie, als das kleine Mädchen auf der Terrasse zwischen den Tischen und Bänken herumsauste. Sie behielten recht. Zum 1. Januar hat die 36-Jährige den Berggasthof Eckbauer übernommen, der seit 1927 in Familienbesitz ist. Viel werden sie und ihr Mann Sebastian verändern. Verändern müssen.

Ein Mann und eine Frau, sie im Dirndl, lächeln vor einer Bergkulisse in die Kamera.
Sie lieben den Berggasthof und hängen an ihm: Julia und Sebastian Ortner haben den Betrieb übernommen. © Peter Kornatz

Die Pläne liegen bereit. Julia Ortners Schwester Christina (38), Architektin in Berlin, hat sie gezeichnet. „So bleibt das ganz in der Familie.“ Julia Ortner spricht von dem Großprojekt, das sie und ihr Mann stemmen wollen: Abriss und Neubau des Berggasthofs Eckbauer. „Da blutet einem das Herz“, sagt sie. Das Ehepaar liebt das über 120 Jahre alte Haus, an das immer wieder angebaut wurde. Viele Erinnerungen verbinden beide damit. Sofort haben sie deshalb eine Kernsanierung geprüft. „Aber das wäre ein Fass ohne Boden“, sagt Sebastian Ortner (34). Die alten Leitungen, die alte Ölheizung, die undichten Fenster, die schlechte Isolierung – die Liste lässt sich lange fortsetzen.

Berggasthof Eckbauer: Neubau soll möglichst nachhaltig sein

Als Neubau schwebt ihnen ein Holzhaus vor. Bretter, Balken oder Schindeln aus dem bestehenden Gebäude wollen sie wieder verwenden. Julia Ortner spricht daher lieber von einem Rückbau als von einem Abriss. Eine zentrale Rolle beim Neubau spielt die Nachhaltigkeit, unter anderem setzen sie auf Solar, Fotovoltaik und Wärmepumpen. Noch stehen sie am Anfang. Mit dem Entwurf müssen sie erst einmal den Bauausschuss überzeugen. Wenn machbar, legen sie im August 2023 los, stemmen über den Winter den Innenausbau, damit sie möglichst wenig von der Sommersaison verlieren.

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Kleinigkeiten haben die beiden schon verändert. „Ein bisschen frischer“ sollte die Karte werden. Mehr Salate, mehr vegetarische Gerichte. Mit der Zeit wollen sie gehen, dem Eckbauer ihre Handschrift geben, nachdem sie Julia Ortners Vater Martin Neuner bereits fünf Jahre lang unterstützten. Nun betreibt er mittwochs den Kiosk, ab und zu am Wochenende das Hütterl. Ansonsten hat er sich weitgehend zurückgezogen.

Berggasthof Eckbauer ist ein Stück Heimat - Familie lebt aber im Tal

Auf dem Eckbauer ist Martin Neuner aufgewachsen. Zu Fuß lief er als Kind ins Tal – oder fuhr mit den Skiern –, um in die Schule zu kommen. Bei seinen Töchtern fand das Leben mehr im Ort statt, sie wohnten unten, kamen auf den Eckbauer, um zu spielen oder – später – zu helfen. Ähnlich halten es Sebastian und Julia Ortner mit Johann (5) und Ludwig (8). Die Familie lebt in Garmisch-Partenkirchen, nicht am Berg. Am frühen Nachmittag fährt die 36-Jährige ins Tal, holt ihre Söhne von Kindergarten und Schule ab. Ihr Mann kommt nach Feierabend.

Manch ein Wochenende verbringen sie zu viert am Berg. „Dann genießen wir die Ruhe. Wenn der Trubel vorbei ist“, sagt Julia Ortner. Übernachtungsgäste nehmen sie keine an. Mit dem Neubau aber sollen die Abende und das Haus wieder mehr belebt werden. „So viele Räume stehen leer, das ist so schade“, findet sie. „Wir wollen das Schöne hier oben ja teilen.“ Auch abends, nachts und am frühen Morgen. Eine Pension aber plant das Ehepaar nicht, stattdessen drei Ferienwohnungen. So können sich die Gäste den Tag frei einteilen, frühstücken und abendessen, wann sie wollen – nicht, wann die Hütte es vorgibt. Personell ist das auch leichter zu stemmen.

Das Neubau-Projekt wird für Diskussionen sorgen, da sind sich beide sicher. Jeden verstehen sie, der am alten Eckbauer hängt und den Schritt bedauert. „Doch wer genauer hinschaut, der sieht: Über kurz oder lang führt kein Weg daran vorbei“, sagt Julia Ortner. Sie kann nur jedem versichern, dass sie und ihr Mann etwas erschaffen wollen, womit sie selbst und die Gäste sich identifizieren können. Schließlich bedeutet der Eckbauer Heimat.

Für Julia Ortner stand immer fest: Sie will Berggasthof Eckbauer einmal übernehmen

Schon immer stand für die gelernte Hotelfachfrau fest: Eines Tages will sie den Betrieb übernehmen. Nach Stationen in Heidelberg, Freiburg und Berlin kam sie 2011 nach Garmisch-Partenkirchen zurück, lernte Sebastian Ortner kennen. Auch er ist mit dem Berg eng verbunden. Auf dem Graseck wuchs er auf.

Das ehemalige Forsthaus verkaufte seine Familie 2013, seiner Mutter Katrin Ostermair-Maurer gehört die Eckbauerbahn und sie bewirtschaftet das Olympiahaus. Dort half er mit, nachdem 2005 zwei Bandscheibenvorfälle seine Skisprungkarriere in Schweden endgültig beendeten. Er lernte Koch – keine Notlösung. „Ich hab’ das immer gerne gemacht.“

Oft hören die beiden: Da habt ihr euch was aufgetan. Der Berggasthof mit zwei Kindern, zudem das Neubauprojekt. „Aber genau das haben wir uns ja ausgesucht“, sagt Julia Ortner. Sie spricht von ihrem Traum. Den ihr Mann teilt. „Das hier oben macht Spaß. Die Menschen freuen sich, und wir freuen uns mit ihnen.“

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