„Fetzen meines Lebens zogen an mir vorbei“

Ein Unfallopfer berichtet: Eine Sekunde, die alles verändert hat

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Auto kaputt: Der Peugeot von Uwe Schubach hat den Unfall nicht überlebt. Nun muss ein neuer Wagen her.

Freising - In alkoholisiertem Zustand crasht eine Autofahrerin in das Leben eines Mannes. Für den 51-Jährigen aus Hallbergmoos ist seitdem nichts mehr, wie es war.

Ein ganzes Leben passt in eine Sekunde. Als Uwe Schubach (51) das Unheil auf sich zukommen sieht, als er sofort die Bremse durchdrückt und das Lenkrad herumreißt, als er merkt, dass er den Unfall trotzdem nicht verhindern kann, beginnt es in ihm zu rattern. „Noch vor dem Zusammenprall hatte ich das Bild im Kopf, wie mein Auto zerknautscht wird“, berichtet er. „Danach sind in Bruchteilen von Sekunden Fetzen meines ganzen Lebens am inneren Auge vorbeigezogen.“

Körper beschädigt: Uwe Schubach aus Hallbergmoos leidet seit dem Unfall unter großen Schmerzen.

Der 51-Jährige ist in seinem Peugeot auf dem Weg in die Arbeit, als er am 21. Februar um 6 Uhr auf der B 301 in den Unfall verwickelt wird. Er kennt die Strecke zwischen seiner Wohnung in Hallbergmoos und seinem Büro an der Hochschule Weihenstephan auswendig. Er weiß, dass die Stelle Gefahren birgt, wo die Zentralallee des Flughafens von der Bundesstraße abzweigt. „Deshalb fahre ich da immer langsamer als die erlaubte Höchstgeschwindigkeit“, sagt er. Doch die Freisingerin, die ihm in ihrem Mini entgegenkommt, biegt so unmittelbar vor ihm nach links ab, dass er nicht genügend Zeit hat, um noch auszuweichen. Blech kracht, Glas splittert, der Airbag geht auf. Dann wird der 51-Jährige von Qualm und Stille eingehüllt. „Ich habe mich nicht getraut, mich zu bewegen.“

Ein junger Mann öffnet ihm die Türe, hilft ihm aus dem Auto, verständigt Rettungskräfte. Als die Polizei am Unfallort ankommt, ist Schubach schon auf dem Weg ins Klinikum Freising. Er bekommt nicht mehr mit, dass die Beamten bei der Unfallverursacherin eine Alkoholfahne riechen. Dass sie einen Test verweigert und daher kurz nach ihm für eine Blutentnahme ins Krankenhaus gebracht wird.

Uwe Schubach trägt zwar keine inneren Verletzungen oder Brüche davon. Schmerzen hat er trotzdem. Dafür sorgen schwere Prellungen im Bereich von Schulter, Brust und Wirbelsäule. Ein Zahn ist abgebrochen. „Als Schmerzpatient bin ich vorbelastet“, sagt er. Erst Anfang des Jahres war er nach wochenlanger Erkrankung wieder arbeitsfähig. „Und nun das.“

So sah der Wagen von innen aus.

Dabei ist er heilfroh, dass er im Öffentlichen Dienst steht. „Wäre das nicht der Fall, müsste ich mir große Sorgen machen, bald arbeitslos zu sein“, sagt er. „Mit 51 Jahren als Schmerzpatient hätte ich kaum Chancen auf einen neuen Job. Dann hätte ich schauen können, wo ich bleibe.“ Auch so fährt er finanziell schlecht. „Mein Auto hat einen Schaden von 13 500 Euro, der Zeitwert beträgt 1250 Euro. Bei guter Pflege hätte es sicher noch zehn Jahre gehalten.“ So ist er dazu gezwungen, sich ein neues Fahrzeug zuzulegen. Zwar müsste dafür die Autoversicherung der Frau aufkommen. Aber wer weiß schon, wann? Für Schubach steht fest: „Ich bin in der ganzen Geschichte der Verlierer.“

Was ihn besonders stört: „Dass die Frau nach dem Unfall nicht geholfen hat. Dass sie nicht den Mumm hatte, Polizei und Krankenwagen zu rufen.“ Die 32-Jährige muss sich nun wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr verantworten. Ihr droht eine längere Führerscheinsperre, doch das, findet Uwe Schubach, ist zu wenig. „Die Dame dürfte nie wieder Auto fahren. Sie hat mein Leben für immer negativ beeinflusst.“

Eigentlich hätte er in dieser Woche mit seiner Frau (49) und seiner Tochter (15) in den Urlaub fahren wollen. „Wir haben extra einen Wohnwagen gekauft, mit dem wir losstarten wollten“, berichtet er. Daraus wird erst mal nichts. Auch sein größtes Hobby muss Uwe Schubach aufgeben: das Wandern. Stattdessen warten auf ihn wochenlange Rennereien – zum Arzt, zum Anwalt, zum Autohändler, wieder zum Arzt. Wenn ihn seine Frau fährt, muss er sich zwingen, in den Wagen zu steigen. „Ich sitze dann angespannt auf dem Beifahrerplatz und habe ständig das mulmige Gefühl, dass gleich was Schlimmes passiert.“ Nachts plagen ihn Albträume. „Dabei wird mir jeden Tag mehr bewusst, wie viel Glück ich hatte“, sagt er. Bis vor zwei Jahren sei er noch mit dem Motorrad in die Arbeit gefahren. Dann habe er die Maschine verkauft, weil er sich dem Unfallrisiko nicht mehr aussetzen wollte. Uwe Schubach ist sich sicher: „Wäre ich mit der Yamaha gefahren, gäbe es mich nicht mehr.“

Hintergrund

Fast jeden Tag erscheinen im Freisinger Tagblatt Polizeimeldungen über Autounfälle. Für Journalisten sind solche Texte Routine. Dabei gerät schnell in Vergessenheit, dass hinter allen Zahlen und Fakten menschliche Schicksale stehen. Wie sehr ein Autounfall das Leben verändern kann, selbst wenn es nicht um Leben und Tod geht, berichtet Uwe Schubach. Er hat sich beim Freisinger Tagblatt gemeldet, weil er findet, dass die Opfer in der Zeitung eine Stimme haben sollten. Wir haben ihn gerne zu uns eingeladen, um uns von jenem 21. Februar 2017 berichten zu lassen. An diesem Tag ist eine angetrunkene Autofahrerin in Uwe Schubachs Wagen gekracht (siehe Artikel rechts). Seine Geschichte mahnt uns: Wer Alkohol trinkt, muss seine Hände vom Steuer lassen – nicht nur wegen des Führerscheins, sondern vor allem wegen aller anderen Verkehrsteinehmer.

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