Viehhalter holen ihre Tiere ins Tal

Bär, Wolf oder Goldschakal? Wieder drei Schafe südlich von München gerissen - „Ein Wahnsinn“ für die Almwirtschaft

Beschwerlicher Weg: Vom Gudiberg bis ins Gießenbachtal ging es für die Farchanter Schafe von Hans Hibler Anfang Juni. Nun müssen sie vorzeitig zurück ins Tal.
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Beschwerlicher Weg: Vom Gudiberg bis ins Gießenbachtal ging es für die Farchanter Schafe von Hans Hibler Anfang Juni. Nun müssen sie vorzeitig zurück ins Tal. 

Wieder sind drei Schafe auf einer Farchanter Weide gerissen worden. Teils lebten sie noch schwer verletzt und mussten erlöst werden. Die Viehhalter holen ihre Tiere nun ins Tal.

Garmisch-Partenkirchen/Farchant – Hermann Ostler hat eine schlimme Befürchtung. Und er will eigentlich gar nicht aussprechen, was er denkt. Aber: „Wahrscheinlich muss erst etwas anderes passieren“, sagt der Hirte vom Stepberg. Was ihm dabei im Kopf umgeht, ist sonnenklar: Vielleicht reagiert die Politik, wenn ein Bär, Wolf oder Goldschakal einen Menschen angreift, womöglich gar ein Kind. Ist bisher nicht geschehen, hält Ostler auch eher für unwahrscheinlich. Und doch: „Dann würde sicher gehandelt.“ Ein paar Stück Vieh hingegen, die jucken die Herren aus der Politik in München oder darüber hinaus offenbar nicht – das ist die einhellige Meinung unter den Schafhaltern, die in den vergangenen Tagen und Wochen Tiere verloren haben.

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Die Vorfälle, die Schafrisse, die sich rund um Garmisch-Partenkirchen zugetragen haben, stellen eben doch einen Schaden dar. Emotional in jedem Fall. „Da geht es um die gesamte Almwirtschaft“, klagt Ostler, der bei der Weidegenossenschaft Garmisch angestellt ist. „Wenn das so weiterläuft, geht die gesamte kleinbäuerliche Struktur kaputt.“ Damit würde in seinen Augen die Kulturlandschaft, die die Region um Garmisch-Partenkirchen so prägt, verschwinden. „Und das kann richtig schnell gehen.“

Tragisch: Schwer verletzt musste dieses Tier von seinem Leid erlöst werden. 

Nach den Rissen vom vergangenen Wochenende gab es ganz aktuell in der Nacht auf Mittwoch schon wieder einen Vorfall. Drei Schafe aus der Farchanter Herde fielen einem Angreifer zum Opfer, wurden teils arg zugerichtet: „Dem einen wurde ein Haxen abgerissen, ein anderes angebissen“, sagt Hans Hibler, der Chef der Werdenfelser Bergschafzüchter aus Farchant. Letzteres lebte noch, musste erlöst werden. Nach dem zweiten Angriff binnen sechs Wochen haben die Farchanter nun auch reagiert: Noch in der Nacht holten sie die Schafe von der Sommerweide runter auf die Reschbergwiesen, gestern ging es weiter ins Tal. „Wir wissen noch nicht genau, was wir jetzt machen“, sagt Hibler ernüchtert. Die Tiere im Tal statt oben am Berg unterzubringen, stellt eigentlich keine zufriedenstellende Option dar. „Denn wir brauchen das Futter, das wir über den Sommer machen, eigentlich für den Winter.“

Erst im September beim Abtrieb werden Schafhalter genau wissen, wie viele Tiere getötet wurden

Fünf tote Tiere – das ist nach wie vor der Stand bei seinem Garmischer Kollegen Ostler. Darunter waren zwei trächtige Muttertiere, die in vier bis fünf Wochen ihren Nachwuchs zur Welt gebracht hätten. Ob das alle sind, vermag der Hirte nicht einzuschätzen. „Wir können sie ja nicht zählen, dazu müssten wir sie zusammenpferchen.“ Rund 180 Schafe hatte er auf der Nordseite des Hirschbichls untergebracht, weitere 200 Stück sind am Stepberg. „Wenn wir nicht noch tot Tiere finden, werden wir wohl erst nach dem Abtrieb Mitte September genau wissen, ob noch Schafe fehlen.“ Auch die Garmischer Weidegenossen haben auf den Angriff reagiert, so viele Tiere wie möglich rüber auf die Alm am Stepberg getrieben.

Bär, Wolf oder Goldschakal? Wieder drei Schafe in Farchant gerissen - „Ein Wahnsinn“ für die Almwirtschaft

Hinweise darüber, um welchen der großen Beutegreifer es sich in den Fällen handelt, gibt es bislang keine. Wer es auch war, Wolf, Bär oder etwa Goldschakal – „er frisst die Schafe ja nicht, reißt sie nur auf“, betont Ostler. Mit der Suche nach Nahrung hätten diese Angriffe auf die Nutztiere wohl wenig zu tun. „Er hetzt und jagt im Blutrausch und verschwindet dann.“ Zwei Tiere hatten die Garmischer Verantwortlichen mit Kameras ausgestattet. Nach ersten Erkenntnissen gab es darauf aber nichts zu sehen.

Komplett aufgerissen wurde dieses Tier. 

Bei den Kollegen der Agrargemeinschaften – so heißen die Zusammenschlüsse auf Tiroler Seite – war das anders. „Mein Sohn hat zwei Wildtierkameras angebracht“, sagt Alfred Wilhelm, der Chef der Bergschafzüchter rund um Ehrwald. „Und der Wolf war zwei-, dreimal drauf zu sehen.“ Im Bereich zwischen Gamskar und Wettersteinlift hat er seine Schafe den Sommer über. Rund 90 Stück. 15 sind zuletzt gerissen worden –nachweislich durch einen Wolf. Das hat das Land Tirol bereits bestätigt. Am 10. Juli war es dort zum ersten Zwischenfall gekommen. Danach immer wieder. Zuletzt am ersten August-Wochenende. Da lag ein Tier der Kollegen der Gemeinschaft Oberdorf an der Ehrwalder Alm komplett zerfetzt mitten auf der Skipiste. „Seither war es aber ruhig. Vielleicht ist er jetzt rübergezogen“, spekuliert Wilhelm.

Tote Tiere in Farchant: Auswertung der Fälle gestaltet sich als schwierig

Darüber gibt es keine Informationen. Die Auswertung der Fälle auf deutscher Seite gestaltet sich offenbar schwierig. Hibler wartet seit sechs Wochen auf Antworten vom Landesamt für Umwelt in Augsburg, das mit der Aufarbeitung der Risse in Bayern betraut ist. „Es kommt nichts.“ Seine Kollegen und er hatten bereits im Juli zwischen Brünstlkopf und Notkarspitze sechs Schafe verloren. Für die Betroffenen ist klar: Es muss ein Beutegreifer gewesen sein. Hunde beispielsweise würden die Tiere anders hinterlassen. Hibler könnte sich sogar einen Bären vorstellen. „Vielleicht will man keine Ergebnisse präsentieren“, mutmaßt er.

Im Amt selbst verweist an auf die Vielzahl der Meldungen in den vergangenen Wochen. Allen müsse man nachgehen, viele Proben analysieren. In der Datenbank der Behörde ist die bisher letzte dokumentierte Sichtung eines Wolfs im Juni im Landkreis Landsberg festgehalten.

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen finden Sie auf Merkur.de/Garmisch-Partenkirchen.

Ostler sieht in den Vorfällen der vergangenen Wochen eine große Gefahr für die heimische Almwirtschaft. Schafe von rund 45 verschiedenen Haltern aus dem Ortsteil Garmisch hat er oben am Berg. „Da sind viele dabei, die nur 5, 10 oder 15 haben. Die sagen sich doch auch: ,Ich füttere meine Tiere nicht den ganzen Winter, dass sie mir im Sommer dann zerfressen werden‘.“ Noch sind es rund 400 Tiere in Garmisch, 500 bis 600 in Partenkirchen, schätzt Ostler, dazu kommen allein rund 400 aus der Region Mittenwald. „Wenn das alles zugrunde geht, wäre das ein Wahnsinn, auch mit Blick auf den Fremdenverkehr.“

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