Neues Konzept soll entgegenwirken

„Eine Katastrophe“: Hier verödet die Ortsmitte völlig

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Kleinteilig und vielfältig: Die Leibstraße funktioniert als Einkaufsstraße.

Die Ortsmitte verödet, weil alle ins Einkaufszentrum am Ortsrand auf der grünen Wiese fahren. Diese Fehlentwicklung ist in vielen Kommunen rund um München zu beobachten.

Haar – Die Gemeinde Haar hat ein funktionierendes Ortszentrum im alten Kern, zwischen Bahnhofplatz/-straße und Leibstraße bis vor zur Münchner Straße (B 304). Das hat die „CIMA Beratung und Management GmbH“ aus München dem Gemeinderat bei der Präsentation ihres Einzelhandelskonzepts bestätigt. Auch aus Vaterstetten und Zorneding, Trudering und Waldtrudering kommt Kundschaft. 73 Händler und Dienstleister hat die CIMA aufgelistet mit zusammen rund 20 000 Quadratmetern Verkaufsfläche; Jahresumsatz rund 86 Millionen Euro. „Sie als Kommune haben die Aufgabe, ihre Ortsmitte zusammenzuhalten“, sagte Jan Vorholt von der CIMA dem Gemeinderat.

Wichtig ist das Einzelhandelskonzept vor allem deshalb, weil eine neue Shopping Mall Bestandteil der Rahmenplanung für die Südseite der Münchner Straße (B 304) ist. Das große Einkaufszentrum könnte dort entstehen, wo jetzt noch der Hagebaumarkt steht, mit Verbindung zum Jagdfeldzentrum. Zwar hat Haar gut 22 000 Einwohner und wächst weiter, zusätzlich fahren täglich rund 30 000 Pendler allein auf der B 304 vierspurig durch den Ort – aber der Wettbewerb um die Kaufkraft wird härter, auch durch den Online-Handel. Um sich nicht von Investoren von einer Einzelfallentscheidung zur nächsten treiben zu lassen, sondern sinnvoll lenkend eingreifen zu können, hat Haar das Einzelhandelskonzept in Auftrag gegeben. In einer Sondersitzung hat der Gemeinderat den Entwurf diskutiert, in nicht-öffentlicher Sitzung dann auch über einzelne Grundstücke, aber keine Beschlüsse gefasst.

Die Fraktionen sind sich einig: Der Einzelhandel in der Ortsmitte soll geschützt und gestärkt werden.

In der Zielsetzung sind sich alle Fraktionen einig: Der Einzelhandel in der Ortsmitte, der vor allem in der Leibstraße konzentriert ist, soll geschützt und gestärkt werden. Die CIMA hat dafür einen Vorschlag: Innerstädtische Sortimente wie Schuhe, Spielwaren, Blumen, Bekleidung, Bücher, Drogeriewaren, Parfümerie und Schreibwaren sollten möglichst nur in der Ortsmitte zulässig sein - soweit die Gemeinde das über Bebauungspläne steuern kann. Genau diese Branchen gibt es bereits im Herzen Haars. „Zusätzlich ist in der Leibstraße alles erwünscht, was zur Vielfalt beiträgt“, sagte Jan Vorholt. Die Kunden wünschen sich zum Beispiel wieder einen Supermarkt. Seit der Tengelmann in der Leibstraße vor etwa zehn Jahren abgesiedelt ist, gibt es im Zentrum keinen Vollsortimenter mehr; und wird es mangels ausreichend großer Flächen wohl auch keinen mehr geben. Die Beschränkung der innerstädtischen Sortimente aufs Zentrum bedeutet natürlich nicht, dass bestehende Läden mit entsprechendem Angebot außerhalb der Ortsmitte beeinträchtigt werden. Es gilt Bestandsschutz.

Einige Gemeinderäte, von CSU-Fraktionssprecher Dietrich Keymer bis zu Petra Tiedemann (Grüne), fragen sich allerdings, ob nicht auch das Jagdfeldzentrum auf der Südseite der Münchner Straße rein faktisch zur Ortsmitte zählt, zumal dort deutlich mehr Menschen leben. Die Experten von CIMA warnen allerdings davor, auch dort, etwa in einer neuen Shopping Mall, entsprechende Sortimente zuzulassen. Das würde Läden in der Leibstraße gefährden. In einem neuen Einkaufszentrum wären eher Elektroartikel denkbar, Baumarktsortimente, Gartencenter, Sport. Alfons Meindl (SPD) brachte es auf den Punkt: Wenn man im Jagdfeldzentrum eine Schuhkette zulasse, dank neuer Mall mit reichlich Kundenparkplätzen, würde das dem Schuhladen in der Leibstraße schaden. Und genau das will der Gemeinderat nicht.

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Das sagen die Haarer Einzelhändler:

Monika Egelhaaf

Monika Egelhaaf, Buchhändlerin: „Ich sehe in den Plänen noch kein Konzept. Das ist erst ein Anfang. Die Gemeinde müsste versuchen, die Leibstraße attraktiver zu gestalten. Viele Kunden kommen nicht mehr wegen des vielen Verkehrs. Die Autos fahren ja alle durch. Es bräuchte stattdessen einen großen Radlweg. Und eine bessere Beleuchtung. Nachmittags um vier ist es hier dunkel. Man sieht generell nicht, dass es eine Einkaufsstraße sein soll.“

Ditmar Heigermoser.

Ditmar Heigermoser, Juwelier: „Die Leibstraße ist eine Katastrophe. Die Vielfalt ist verschwunden. Wir hatten mal einen ausgezeichneten Metzger hier. Der ist weg, der Tengelmann ist weg und bald auch der Rossmann. Alte Menschen können nichts mehr einkaufen. Früher war es besser. Wir sind seit 20 Jahren hier. Es hat sich eigentlich nur verschlechtert. Wir merken das auch umsatzmäßig. Dass wir in eine Shopping Mall umziehen, ist für mich keine Option.“

Luongo Ougel.

Luongo Ougel, Feinkostenladen-Betreiber: „Ich bin sehr skeptisch, was das neue Konzept angeht und glaube nicht, dass es was bringt. Das ist doch alles nur Bürokratie. Fakt ist, dass in der Leibstraße viel zu viele Autos fahren. Die Kunden wollen Ruhe. Man bräuchte hier eher eine Art Fußgängerzone. Käme eine große Shopping Mall in der Nähe, würde das die kleinen Geschäfte kaputtmachen, weil uns die Kunden genommen werden.“

Anja Schwarcz-Ude.

Anja Schwarcz-Ude, Raumausstatterin: „Ich habe von den Plänen der Gemeinde kaum was mitgekriegt. Klar: Hier in der Leibstraße gibt es Verbesserungsbedarf. Ein privater Metzger und ein Lebensmittelgeschäft fehlen hier total. Das war früher besser. Gleichwohl ist nicht alles schlecht. Die Mischung der Geschäfte ist ganz ok. Die Leibstraße hat ja eine Tradition. Aber man sollte sie auch weiterpflegen. Sonst geht das irgendwann komplett verloren.“

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