"Zweite Chance durch Allah"

Elif Ö.: Nach dem Nahtod-Erlebnis war alles anders

Elif vor und nach ihrer Verwandlung.

Neuried - Die 16-jährige Schülerin Elif Ö. aus Neuried ist offenbar über die Türkei auf dem Weg nach Syrien. Eine Nahtod-Erfahrung könnte der Grund für ihre Wandlung vom hübschen Teenager zur fanatischen Islam-Anhängerin gewesen sein.

Ein rotes Küsschen-Symbol per WhatsApp ist das letzte Lebenszeichen, das Elif (16) ihrer Mutter Kübra Ö. am Samstag, den 28. Februar, um 13.19 Uhr schickte. Die Mutter wähnte sie zu diesem Zeitpunkt in Landsberg beim Geburtstag einer Freundin. Tatsächlich jedoch war das Mädchen aus Neuried bereits in Istanbul. Ihr altes Leben hatte sie da schon weit hinter sich gelassen. Sie war auf dem Weg nach Syrien. Vielleicht als IS-Kämpferin. Oder als künftige Braut eines Dschihadisten (tz berichtete). Niemand weiß es genau.

Es ist diese qualvolle Ungewissheit, die Vater, Mutter, Geschwister und Großmütter zermürbt. Ihre Gedanken sind Tag und Nacht bei Elif. Wo sie wohl ist. Was sie denkt. Was sie gerade macht. Oder – schlimmer noch – was mit ihr gerade gemacht wird. Ob sie vielleicht schon Zweifel und Heimweh hat. Ob sie in Gefahr ist. Und wie es soweit kommen konnte ...

Mutter Kübra Ö. wartet daheim in Neuried sehnsüchtig auf gute Nachrichten. Vater Atila Ö. sucht in der Türkei verzweifelt nach seinem Kind.

Einem Tagesthemen-Bericht zufolge hat wahrscheinlich ein Nahtod-Erlebnis im April 2013 Elifs seltsame Wandlung vom hübschen Teenager zu einer fanatischen Anhängerin des Islam ausgelöst. An diesem Tag soll Elif bei einem Treffen mit Freunden an der Isar zu viel getrunken haben. Demnach fällt sie mit 1,8 Promille ins Wasser. Sie geht unter, wird knapp gerettet und vom Notarzt wiederbelebt. Sie wirkt depressiv, kommt kurzfristig in die Kinderpsychiatrie. Wenige Tage später bittet sie ihre Mutter erstmals, ein Kopftuch tragen zu dürfen. „Allah hat mir eine zweite Chance gegeben,“ erklärt sie ihrer Schwester.

Die Ö.’s sind gläubige Muslime, pflegen aber einen westlichen Lebensstil und lassen ihren Kindern auch in diesem Punkt freie Hand. Doch Elif übertreibt. Sie hört keine Musik mehr, interessiert sich nur noch für ihre Religion und verschleiert sich zunehmend – erst heimlich, dann offen. Die Eltern sind irritiert. Es gibt sogar Streit um dieses Thema. Doch das ganze Ausmaß von Elifs innerer Radikalisierung begreifen die Eltern erst, als es zu spät ist. Ihr Kind ist in die Hände radikaler Seelenfänger geraten, die auch im Internet junge Kämpfer und ISIS-Bräute suchen.

In Elifs Mädchenzimmer finden die Eltern später elf Zettel – ein schrecklicher Countdown, in dem sie die Tage zählt, wann sie ihr altes Leben verlassen wird. Ihre Aufzeichnungen sind durchsetzt von einem unheilvollen Gemisch aus romantischer Schwärmerei und fanatischem Glauben. Sie schreibt: „Leave Dunya, Love Jannah“ – verlasse die Welt, liebe das Paradies.“

Elifs Spur endet an einem Busbahnhof im anatolischen Grenzgebiet zu Syrien. Dort sucht ihr Vater Atila Ö. sie Tag und Nacht. Einmal am Tag skypt er mit seiner Familie: „Weine nicht, meine Süße. Wir werden sie finden“, sagt er, wenn seiner Frau Kübra die Tränen kommen. Sie sagt: „Mir ist die ganze Welt zusammengebrochen. Ich kann mir ein Leben ohne mein drittes Kind nicht vorstellen...“

Dorita Plange

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