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„Ein Irrsinn“: Heizungsbauer in der Krise - trotz hervorragender Auftragslage

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Von: Thomas Zimmerly

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Mann mit Brille, Buch vor sich, hebt die Hand halb hoch
Fehlendes Material, hohe Preissteigerung: Alois Knab, Inhaber eines Meisterbetriebs für Heizung und Sanitär, kann den Wünschen seiner Kunden zum Teil nicht mehr gerecht werden. Wir möchten den Wünschen unserer Kunden gerecht werden, aber wir haben enorme Schwierigkeiten. Alois Knab © hab

Die Energiekrise hat auch Folgen für Heizungs- und Sanitärbetriebe. Sie können trotz hervorragender Auftragslage ihre Kunden nicht zeitnah bedienen.

Dachau – Michael Berger (Name geändert) ist seit 1986 in seinem Beruf tätig. „Aber so etwas wie die letzten eineinhalb Jahre habe ich noch nicht erlebt“, meint der Chef einer Heizungsbaufirma im Landkreis Dachau. Obwohl er und seine sieben Angestellten „Vollgas“ geben würden, könne seine Firma die Nachfrage einfach nicht mehr befriedigen.

Man dürfe ihn nicht falsch verstehen, „es ist super, dass es so gut läuft“, aber es ist „ein Irrsinn“, dass er seine Kunden nicht zeitnah bedienen könne. Aus diesem Grund möchte er seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Heizungsbaufirma kommt mit Aufträgen nicht hinterher - Großes Problem ist auch Infrastruktur

Wer jetzt von ihm seine Heizung sanieren oder auf einen anderen Energieträger umrüsten lassen möchte, dem kann es passieren, dass er erst 2024 einen Termin bekommt. Früher habe er sein Material bestellt und am anderen Tag war es da. „Heute beträgt etwa die Lieferzeit für eine Wärmepumpe ein Jahr“, sagt Berger.

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Alois Knab, Inhaber des gleichnamigen Meisterbetriebs für Heizung und Sanitär in Dachau, stößt ins gleiche Horn: „Wir möchten den Wünschen unserer Kunden gerecht werden, aber wir haben enorme Schwierigkeiten.“ Auch er bekommt seine Komponenten wie etwa Heizungssteuerungsgeräte nicht geliefert. Und: „Die Preissteigerungen beim Material sind enorm“, so Knab, „und sie werden täglich nach oben korrigiert.“

Energiekrise: Heizungsbauer „haben enorme Schwierigkeiten“

Das fehlende Material ist also Punkt eins der Misere. Punkt zwei folgt sogleich. „Ein großes Problem ist die Infrastruktur“, sagt Michael Berger, die müsste deutlich verbessert werden. So komme es vor, dass das Stromnetz nicht ausreiche. Zudem hätten die Netzbetreiber eine „extrem lange Bearbeitungszeit“ bei Aufträgen. So hat Berger beispielsweise im September 2021 in Altomünster eine Wärmepumpenanlage installiert. Auf den Zähler warten er und der Elektriker noch heute.

Ist das Material da und die Infrastruktur stimmt, dann kommt der Fachmann ... oder auch nicht. Aktuell, so Berger, fehlten in Deutschland 50 000 Heizungsbauer, um die Wünsche der Kunden erfüllen zu können. „Ich habe sehr gute Leute“, sagt Berger, aber er müsse dafür sorgen, dass diese nicht überbelastet werden. Aber nicht nur er muss deswegen manchmal passen. „Es sind alle Heizungsbaufirmen ausgebucht, da können Sie fragen, wen Sie wollen“, sagt Berger.

Was den Nachwuchs angeht, schaut es bei ihm noch gut aus. Aber die schulische Ausbildung sei bei den Heizungsbauern sehr schwer. Über Klimatechnik, Elektrotechnik oder Geothermie muss der Auszubildende Bescheid wissen. Aber heutzutage gebe es immer mehr Schulabgänger, „die können am Handy oder Tablet alles, aber nicht mehr Kopfrechnen“, so der Firmenchef.

Personalmangel im Handwerk: Kritik an der Handwerkskammer

„Das mit dem Nachwuchs spitzt sich zu“, ergänzt Alois Knab. „Es fehlt einfach die Bereitschaft, auf eine Baustelle zu gehen und sich – wenn es sein muss – auch mal zu quälen“, meint er. Kritik übt er auch an der Handwerkskammer, die zu wenig in Sachen Nachwuchsakquise unternehme. „Die müssten Leute in die Schulen schicken und Werbung für unseren Beruf machen“, sagt Knab.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat im Juli verlauten lassen, dass möglichst alle Eigentümer bis zum Ablauf der übernächsten Heizperiode 2023/24 einen Heizungscheck von Gasheizungen vornehmen sollen. Keine schlechte Idee, meint Berger, nur alleine dafür bräuchte es jährlich 10 000 Kollegen, um die Überprüfungen zu machen.

Vielerorts sei nämlich in dieser Richtung jahrelang nichts gemacht worden. In Richtung Politiker sagt Berger: „Die bilden sich Sachen ein, die wir gar nicht oder nur zeitlich verzögert umsetzen können.“ Da werde eine schnelle Wende bei der Umrüstung zu modernen Heizungsanlagen gefordert, was auf Grund des Fachkräfte- und des Materialmangels „gar nicht machbar ist“.

In diesen Zeiten der Energiekrise gibt es viele Verbraucher, die ihre Heizung nicht vom Fachmann sanieren oder umstrukturieren lassen wollen, jedoch von den enorm gestiegenen Preisen für Öl und Gas aufgeschreckt wurden. Diese Menschen machen dann oft eines: Sie stürmen die Baumärkte und besorgen sich elektrische Heizungen.

Heizlüfter, Radiatoren oder Infrarotgeräte sind etwa bei Obi in Dachau-Ost zu haben. „Wir verkaufen mehr in diesem Jahr als sonst“, so Marktleiter Tobias Lück. Das Angebot verknappe sich immer mehr. Aber er wisse noch nicht, wohin die Reise gehe. Vielleicht werden die Elektrogeräte gar der Renner – mit der Folge eines weiteren Problems: der Energieversorgung.

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