Die Anwohner leiden

Erdbeben in Poing: Bayernwerk setzt Geothermie vorerst außer Betrieb

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Die Anwohner an der Tacitusstraße schildern, wie sie das Erdbeben erlebt haben. 

Nach dem erneuten Erdbeben in Poing fühlen sich die Anwohner unsicher. Die große Frage, die im Raum steht: Gibt es einen Zusammenhang zur Geothermie? Der Betreiber reagierte jedenfalls jetzt.

Ruth Balke war in der Badewanne, als es bebte. „Die Spiegelschränke haben gezittert“, erzählt die 39-Jährige. Lianji Jin hat das Erdbeben am Samstagabend am eigenen Leib gespürt: „Ich saß am Schreibtisch, hatte meinen Unterarm zum Schreiben auf der Tischplatte – als es einen lauten Rumms tat und ich bemerkte, wie sich der Tisch für einen kurzen Moment bewegte.“ Die 37-Jährige wohnt ebenfalls in Poing-Nord, an der Tacitusstraße, die sich zwischen den beiden Bohrlöchern der Geothermie befindet. Nach zwei Erdbeben im Dezember 2016 war es nun das dritte binnen eines Jahres, das viele Poinger selbst bemerkt haben – und das jetzt für mulmige Gefühle sorgt. Viele vermuten einen Zusammenhang mit der Geothermie-Anlage des Bayernwerks in Poing.

„Man fragt sich schon, warum ausgerechnet bei uns“, sagt Andrea Baretti, ebenfalls aus Tacitusstraße. „Langsam wird’s unheimlich“, fügt die 32-Jährige hinzu. Fast 

Andrea Baretti

alle, die in dem Neubaugebiet leben, haben sich hier ein Eigenheim gekauft. „Wir werden jetzt mal abklären, ob unser Haus überhaupt gegen Erdbebenschäden versichert ist“: Das sagen alle, mit denen unsere Zeitung am Montag gesprochen hat.

Nach den Aufzeichnungen des Erdbebendienstes ereignete sich das Beben der Magnitude 2,0 am Samstag um 19.20 Uhr. Das Zentrum lag in der Nachbargemeinde Pliening, nahe der zweiten Geothermie-Bohrlochstelle, wo das Wasser zurück in die Erdschicht in drei Kilometer Tiefe gepresst wird. Die Magnitude ist das logarithmische Maß für die seismische Energie eines Erdbebens. Zum Vergleich: Das Erdbeben vom vergangenen Donnerstag in Mexiko hatte die Magnitude 8,2. Poings katholischer Pfarrer Christoph Klingan sagte denn auch zu Beginn des Sonntagsgottesdienstes, dass Erdbeben nicht gleich Erdbeben sei und man Poing nicht mit beispielsweise Mexiko vergleichen könne.

Gutachten wurde in Auftrag gegeben - Ergebnis kommt wohl im Oktober

Trotzdem ist die Stimmung in der 16 000-Einwohner-Gemeinde östlich von München aktuell nicht gerade gut. Wie schon bei den Erdstößen am 7. und 20. Dezember 2016 vermuten viele Bürger und auch Bürgermeister Albert Hingerl (SPD), dass die Geothermie Ursache für die Beben ist. Bei einem nicht-öffentlichen Treffen von Vertretern des Wirtschaftsministeriums, des Bergamtes, der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), des Bayerischen Landesamtes für Umwelt und des Leibniz-Instituts für Angewandte Geophysik Anfang 2017 mit verantwortlichen Mitarbeitern des Bayernwerks und der Gemeinde Poing teilte das Energieunternehmen damals mit, dass „nach Einschätzung des Geophysikalischen Observatoriums der LMU München derzeitige geologische Erkenntnisse und Erfahrungen vermuten lassen, dass die Geothermienutzung in Zusammenhang mit derartigen seismischen Ereignissen stehe“.

Um die Ursache wissenschaftlich fundiert und exakt aufzuklären, wurde damals vereinbart, das unabhängige Leibniz-Institut für Angewandte Geopyhsik Hannover zu beauftragen, ein Gutachten zu erstellen. Dieses sollte eigentlich im Juni der Öffentlichkeit präsentiert werden, laut Bürgermeister Hingerl ist es aber immer noch nicht fertiggestellt. Ihm sei mitgeteilt worden, dass sich die Präsentation noch bis mindestens Oktober verzögern werde.

Ruth Balke

Nach dem Beben am vergangenen Samstag sagte Joachim Wassermann vom Erdbebendienst Bayern der LMU der Nachrichtenagentur dpa, dass ein Zusammenhang mit der Geothermieanlage möglich sei: „Es ist ein bisschen wahrscheinlich.“ Wassermann leitet die Abteilung Seismologie des Geophysikalischen Observatoriums in Fürstenfeldbruck. Von der Tacitusstraße in Poing sind es nur etwa 500 Meter zu jener Stelle, aus der das Bayernwerk Tiefenwasser aus rund drei Kilometern aus der Erde pumpt – circa 1000 Meter sind es von der Tacitusstraße zu jenem Loch, in welches das Wasser wieder in die Erdschicht zurückgeführt wird.

Bayernwerk sieht keinen Zusammenhang zwischen Geothermie und Erdbeben - und setzt den Betrieb dennoch aus

Seit fünf Jahren speist das Energieunternehmen das Fernwärmenetz in der Gemeinde Poing (die in der Münchner Schotterebene liegt) hauptsächlich aus der Geothermie, wodurch etwa 70 Prozent des Wärmebedarfs gedeckt werden.

Das Bayernwerk betreibt das Geothermie-Projekt in Poing vollständig alleine und hat bis dato dafür über 30 Millionen Euro investiert. Es sieht bislang keinen Zusammenhang zwischen dem eigenen Geothermie-Projekt und den Erdstößen. Dennoch teilte Pressesprecher Maximilian Zängl am Montagnachmittag, nach einem Gespräch des Bayernwerks mit Bürgermeister Albert Hingerl, mit: Die Geothermie wird vorübergehend außer Betrieb genommen. „Die Anlage schalten wir ab, um dem Wunsch der Gemeinde nachzukommen und besorgten Bürgern etwaige Ängste zu nehmen. Die Versorgung der Menschen bleibt natürlich sichergestellt. Sie erfolgt durch ein Blockheizkraftwerk auf Erdgasbasis“, so Zängl.

Bürgermeister: Kann das mulmige Gefühl der Bürger nachempfinden

Bürgermeister Hingerl hatte am Montagvormittag im Gespräch mit unserer Zeitung gefordert, dass das Bayernwerk die Anlage abschalten solle, bis die tatsächliche Ursache für die Erdbeben geklärt ist. „Zum Schutze und Wohle der Bürger“, so Hingerl. „Ich kann das mulmige Gefühl vieler Poinger nachempfinden.“

Albert Hingerl, Poings Bürgermeister.

Bayernwerk-Sprecher Zängl betont: „Unser Unternehmen möchte ausdrücklich festhalten, dass es bislang keine Belege für den Zusammenhang der lokalen Beben mit dem Betrieb der Geothermieanlage gibt.“ Man müsse das Ergebnis des Gutachtens abwarten.

Nach dem Erdbeben von Samstagabend hat eine Bewohnerin von Poing-Nord der Polizei Risse im Dachgeschoss ihres Hauses gemeldet. Bereits nach den Beben im vergangenen Dezember gab es ähnliche Mitteilungen. Die Gemeinde Poing habe am Montagvormittag sämtliche öffentlichen Gebäude wie Rathaus, Bürgerhaus und Schulen kontrolliert, laut Bürgermeister Hingerl wurden keine auffälligen Schäden festgestellt.

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