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Rettungsdienst am Limit: „Wir behandeln die Leute auf der Straße“ - Unnötige Notrufe zusätzliche Belastung

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Von: Hans Moritz

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Alle Kräfte gebunden sind beim Rettungsdienst nicht nur nach schweren Unfällen, sondern zunehmend auch dann, wenn Kliniken überlastet sind. Hinzu kommen falsche Alarme durch ungeduldige Patienten. © Hans Moritz

Ein Hilferuf von denen, die stets anderen helfen: Der Rettungsdienst im Kreis Erding stößt an seine Grenzen. Corona und Personalmangel sind nur ein Teil des Problems.

Erding - Die aktuellen Personalengpässe der Kliniken sind derzeit in aller Munde: hoher Krankenstand, viele Corona-Infizierte und andere Krankschreibungen mit deshalb abgemeldeten Notaufnahmen und gesperrten Betten. Doch der Notstand hat längst die vorgelagerte Ebene erreicht – auch die Rettungsdienste kommen an ihre Grenzen. Denen machen in jüngster Zeit aber immer öfter auch Notrufe zu schaffen, die gar keine sind.

Retter rufen um Hilfe: „Lage sehr ernst“

Der größte Rettungsdienstleister im Landkreis ist das Bayerische Rote Kreuz (BRK). An seinen Wachen in Erding, Dorfen und Taufkirchen betreibt der BRK-Kreisverband Erding vier Rettungs- und drei Krankenwagen. Hinzu kommt ein fünfter Rettungswagen am Standort Isen, der vom BRK Mühldorf betrieben wird. Und die sind immer länger unterwegs, wenn sie denn überhaupt ausrücken können.

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Corona und andere gesundheitsbedingte Ausfälle wirken sich auch hier aus. „Anfang Juli war die Lage sehr ernst“, schildert BRK-Sprecherin Danuta Pfanzelt die Lage. „Wir standen kurz davor, Fahrzeuge deshalb bei der Integrierten Leitstelle in Erding abmelden zu müssen.“ Die Situation sei „brisant“ gewesen, habe sich mittlerweile aber wieder verbessert. 67 hauptamtliche Kräfte zählt der BRK-Rettungsdienst. Hinzu kommen laut Pfanzelt ehrenamtliche Kräfte, die vor allem am Wochenende nachgefordert werden müssen.

Doch den Sanitätern macht auch die Lage der Kliniken zu schaffen. „Es ist für uns ein großes Problem, wenn etwa eine Notaufnahme abgemeldet werden muss“, sagt Pfanzelt. Beim Klinikum Erding war das in den vergangenen Wochen immer wieder der Fall. „Für uns bedeutet das, dass die Rettungsmittel viel länger gebunden sind, wenn weiter entfernt liegende Krankenhäuser angesteuert werden müssen.“

Kliniken können teils nicht mehr angefahren werden - „Behandeln die Patienten auf der Straße“

Ein Sanitäter, der nicht genannt werden möchte, schildert ein besonders krasses Beispiel: „Wir waren mit einem Patienten an Bord gerade auf dem Weg nach Pfaffenhofen, weil bei uns kein Bett frei war. Kurz vor dem Ziel teilte uns die Leitstelle mit, dass nun auch diese Klinik nicht mehr aufnahmefähig ist. Stattdessen sollten wir an die Kreisklinik Ebersberg fahren.“ Die freilich liegt genau in der entgegengesetzten Richtung. „Es kommt immer öfter vor, dass wir die Patienten quasi auf der Straße behandeln müssen, was natürlich die schlechteste Lösung ist.“ Pfanzelt bestätigt das: „Die Auslastzeiten unserer Fahrzeuge steigen zunehmend. Für die Patienten heißt das, sie sind länger im Fahrzeug, das in dieser Zeit gebunden ist und für keine weiteren Fahrten zur Verfügung steht.“

Notrufe, die gar keine sind, belasten zusätzlich: Retter sollen Tochter Tampons erklären

Hinzu kommt ein weiteres Problem: BRK und andere Hilfsorganisationen, im Landkreis vor allem die Malteser und die Johanniter, werden immer öfter angefordert, obwohl gar kein Rettungsdienst erforderlich ist. Das dürfte daran liegen, dass auch der Ärztliche Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) von den Engpässen betroffen ist. Die Versicherten kommen bei der 116 117 so lange nicht durch, bis sie irgendwann die 112 wählen.

Ein Rettungsdienstler schildert einen besonders drastischen Fall, der an Notrufmissbrauch grenzt: „Wir sollten zu einer Familie fahren, in der die Tochter das erste Mal ihre Tage hatte, um ihr den Umgang mit Binde und Tampon zu erklären“, erzählt er kopfschüttelnd. Den Einsatz seien sie natürlich nicht gefahren. Typisches Beispiel sind laut Pfanzelt kleinere Schnittverletzungen, die etwa beim Kochen oder Heimwerken passiert sind. „Wir sind für akute schwerere Verletzungen und Erkrankungen da“, stellt Pfanzelt klar, rät aber dazu, im Zweifel die Leitstelle unter 112 anzurufen. Keinesfalls sei es freilich Aufgabe des Rettungsdienstes, dann einzuspringen, wenn Hausarzt oder Bereitschaftspraxis geschlossen haben beziehungsweise nicht sofort erreichbar sind.

Allein das Erdinger BRK fuhr im vergangenen Jahr rund 17 500 Einsätze – das sind immerhin im Schnitt fast 50 pro Tag.

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