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„Hund wird zum Luxusartikel“: Tierarztkosten steigen ab heute – Geld in den Praxen reicht trotzdem kaum

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Von: Uta Künkler

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Teure Tierliebe: Tiefer in die Tasche greifen muss Laura Lipfert nun für die Behandlung ihres zehnjährigen Rüden Loki, der unter Arthrose leidet. © privat

Ab Dienstag müssen Tierbesitzer deutlich mehr für eine Behandlung auf den Tisch legen. Warum dennoch beide Seiten unzufrieden mit der Situation sind:

Erding - Laura Lipferts treuer Gefährte Loki ist nicht mehr der Jüngste. Der zehnjährige Husky-Schäfer-Dobermann-Mix leidet unter Arthrose und muss regelmäßig zum Doktor. Dort bekommt er Spritzen, die ihm das Laufen wieder schmerzfrei ermöglichen. Doch das geht ins Geld. Mit etwa 100 bis 120 Euro monatlich rechnet Lipfert. Vielleicht auch mehr. Denn am Dienstag (22. November) wird die Gebührenordnung für Tierärzte angepasst. Kostensteigerungen von bis zu 160 Prozent kommen auf Tierhalter zu.

„Ein Hund wird mehr und mehr zum Luxusartikel“, sagt die 39-jährige Erdingerin. Zu den monatlichen Spritzen für Loki kommen noch die üblichen Kosten für Impfungen und das eine oder andere Zipperlein hinzu – für den Rüden und Lipferts zweiten Hund, die zweijährige Wolfshundmischlingsdame Ivy.

„Hund wird mehr und mehr zum Luxusartikel“: Tierarztkosten steigen

Rund 2000 Euro Tierarztkosten pro Jahr können für die beiden Hunde durch Lokis Arthrose schnell zusammenkommen. „Wenn man das auf ein paar Jahre hochrechnet, ist das eine Menge Geld“, sagt Lipfert. Die hohen Kosten müsse man im Hinterkopf haben, wenn man sich ein Tier anschafft, sagt sie. Jetzt eben noch ein bisschen mehr als früher.

Die Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) ist nach Angaben der Bundestierärztekammer eine bundeseinheitliche Rechtsverordnung, die die Kosten für die einzelnen Behandlungsschritte der Tierärzte festlegt. Das letzte Mal grundlegend überarbeitet wurde sie im Jahr 1999. Im Jahr 2017 gab es noch einmal eine Kostensteigerung von zwölf Prozent. Und dann der heutige Anstieg. 2,25 Euro kostet neuerdings eine Minute Tierarztbehandlung.

„Längst überfällig“ war die neuerliche Anpassung, sagt die Erdinger Veterinärin Sina Kiel. Denn selbst die erhöhten Gebühren seien für die Tierarztpraxen noch immer nicht ausreichend, um gewinnbringend zu wirtschaften. „Wir können auch jetzt nicht kostendeckend arbeiten“, sagt Kiel.

Erhöhte Gebühren für Tierarztpraxen: Inflation noch nicht mit einberechnet

Das Problem: Die neue GOT sei mit Daten von 2020 berechnet worden. Die jüngst massiv beschleunigte Inflation ist also noch nicht eingerechnet. Aber gerade in den vergangenen Monaten ist alles immer teurer geworden. Innerhalb weniger Wochen und Monate seien gerade die Preise für Verbrauchsmaterialien enorm gestiegen.

Kiel rechnet vor: „Im Sommer hat mich ein Päckchen Latexhandschuhe noch fünf Euro gekostet, jetzt kostet dasselbe Päckchen 15 Euro.“ Und Posten wie diesen können Kiel und ihre Kollegen gar nicht auf die Kunden umlegen. Eine Kostensteigerung um 200 Prozent also, auf der die Tierärzte sitzen bleiben.

Da drängt sich die Frage auf, wie sich eine Praxis überhaupt noch halten lässt. Den steigenden Kosten stehen steigende Patientenzahlen gegenüber, erklärt Kiel aus Forstern, die die Praxis „Vier Pfoten“ mitten in Erding erst im Juli 2021 übernommen hat. Das seien die guten Folgen der Pandemiezeiten: Viele Menschen sind in der Einsamkeit des Lockdowns auf den Hund, die Katze oder den Hamster gekommen – Kiels Stammklientel. „Ich habe im Moment fast vier Neukunden pro Tag“, erzählt sie. Das bedeute zwar viel Arbeit, aber eben auch mehr Einnahmen.

Tierärzte im Landkreis Erding: Personal fehlt an allen Ecken und Enden

Nur: An allen Ecken und Enden fehlt das Personal. Sowohl Veterinäre als auch Tierarzthelfer seien schwer zu finden, klagt Kiel. In den vergangenen Jahren habe sie bereits mehrere Praxisaufgaben von Kollegen im Landkreis miterlebt, die einfach keine Nachfolger finden konnten.

Wie so oft hängt der Dreh- und Angelpunkt an einer angemessenen Bezahlung. „Wir Tierärzte sind einer der am schlechtesten bezahlten akademischen Berufsstände“, sagt Kiel. „Wir sind generell keine Großverdiener und werden auch nach der Erhöhung nicht im Geld schwimmen“, spottet sie. „Aber wir müssen auch von etwas leben und können nicht munter in die Miesen wirtschaften, nur weil wir Tiere so gerne mögen.“

Das kann Hundehalterin Lipfert absolut nachvollziehen. Sie halte die Anpassung der GOT für vollkommen gerechtfertigt. „Alles wird teurer, auch der Arzt muss auf seine Kosten kommen.“ Sie hoffe nur, dass jetzt nicht viele Tierhalter aus Sparsamkeit medizinische Untersuchungen nicht mehr wahrnehmen werden – oder im schlimmsten Fall ihre alt gewordenen und damit kostenintensiven Tiere aussetzten oder ins Heim brächten.

„Andere haben eine Gucci-Handtasche“

Auch Veterinärin Kiel ist sich bewusst, dass die Gebührenerhöhung zu einem „sehr ungünstigen Zeitpunkt“ erfolgt. Zu einer Zeit nämlich, in der alles teurer wird und die Geldbeutel der Kunden immer leerer. „Ich merke schon jetzt, dass Anfang des Monats viel mehr Leute kommen als Ende des Monats“, sagt Kiel. Tiere werden erst zum Arzt gebracht, wenn das neue Gehalt auf dem Konto liegt. Und auch Ratenzahlungen für größere Eingriffe würden immer häufiger vereinbart, berichtet Kiel.

Sie empfehle daher mittlerweile jedem Tierhalter, eine Krankenversicherung für seine Lieblinge abzuschließen. Auch wenn 400 Euro im Jahr im ersten Moment nach viel Geld klingen – wird ein Tier krank, sind diese schnell weg. „Gerade, wenn eine Operation nötig wird, ist das sehr sinnvoll“, sagt Kiel. Da sei schon mal mit Kosten von 5000 Euro zu rechnen.

„Es ist, wie es ist“, sagt Hundehalterin Lipfert. Sicher sei es schade, dass es sie jetzt mit ihrem kranken Loki durch die neue GOT doppelt treffe. „Aber“, fügt sie lachend hinzu, „die Hunde sind halt mein Luxus. Andere haben eine Gucci-Handtasche.“ (ujk)

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