Präsident der Vereinigung der Pflegenden im Interview

Schlierseer Skandalheim: Nicht nur die Pflegekräfte sind schuld - „Alle müssen genau hinsehen“

Die Seniorenresidenz in Schliersee
+
In der Seniorenresidenz Schliersee ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung und zwei Todesfällen.

Im Schlierseer Seniorenheim wird wegen Körperverletzung ermittelt. Über Jahre müssen viele, die im Haus arbeiten, weggesehen haben, sagt Georg Sigl-Lehner, Präsident der Vereinigung der Pflegenden. Er appelliert besonders an Pflegekräfte, Missstände mutig anzuprangern.

Schliersee - Georg Sigl-Lehner ist selbst Heimleiter. Die Ermittlungen im Schlierseer Seniorenheim beobachtet er auch als Präsident der Vereinigung der Pflegenden kritisch. Dass Pflegekräfte bei solchen Zuständen wegsehen, will er nicht entschuldigen. Sie seien aber nicht die einzigen Schuldigen, betont er.

Die Seniorenresidenz Schliersee steht seit zehn Jahren in der Kritik, ohne dass sich etwas ändert. Weil alle wegsehen?

Sigl-Lehner: Die Not in den Einrichtungen ist durch Corona* natürlich größer geworden - aber die Rahmenbedingungen in der Pflege sind seit Jahren schlecht. Das heißt aber nicht, dass es zu Misshandlungen oder Vernachlässigungen der Bewohner führen darf. Die Pandemie hat sogar dazu beigetragen, dass solche Missstände weniger ans Licht kommen, weil die Heime abgeschotteter sind. Natürlich ist die Frage berechtigt, wo die Aufsichtsbehörden waren. Aber ganz klar ist: Die Verantwortlichen für diese offensichtlich gravierenden Missstände sitzen dort im Haus.

Damit meinen Sie die Pflegekräfte?

Sigl-Lehner: Damit meine ich alle, die daran beteiligt waren. Da nehme ich niemanden aus. Weder die Heimleitung, noch die Pflegekräfte. Ich stelle mir auch die Frage, wo die Ärzte und Therapeuten waren, die ja regelmäßig in die Häuser kommen.

Gibt es zu viele Pflegekräfte, die Missstände hinnehmen, weil sie sich nicht trauen, etwas zu sagen?

Sigl-Lehner: Wenn es Missstände seit Jahren gibt, muss man natürlich die Frage stellen, warum sich niemand zu Wort meldet. Das darf nicht sein - und ist ein völlig falsches Verständnis von Pflege und Verantwortung gegenüber den Heimbewohnern.

Georg Sigl-Lehner, Präsident der Vereinigung der Pflegenden

Warum ist die Angst bei Pflegekräften so groß?

Sigl-Lehner: Die Gründe sind vielfältig. Falsch verstandener Teamgeist, fehlender Mut. Wir sollten deshalb genau hinsehen, welche Offenheit und Fehlerkultur in einer Einrichtung herrscht. Wie offen ist ein Träger? Wie geht eine Heimleitung mit Fehlern um? Trotzdem müssen Pflegekräfte natürlich ihrer Verantwortung nachkommen. Viele unserer Bewohner sind hilflos und vertrauen sich uns an. Wir sind ihr Anwalt und Pate. Professionelle Pflege bedeutet auch, eine Schutzfunktion für die Bewohner zu übernehmen.

Wie unterstützt die Vereinigung der Pflegenden die Pflegekräfte, den Mut zu finden, um Missstände anzuprangern?

Sigl-Lehner: An uns können sich alle Pflegekräfte wenden. Hinweise sind auch anonym möglich. Wir arbeiten mit sehr guten Fachleuten aus dem Rechtsbereich zusammen. Wenn wir Anfragen bekommen, schauen wir zunächst, ob es sich um Probleme handelt, die wir gemeinsam mit der Einrichtung lösen können. Wenn wir aber einen Straftatbestand erkennen, wenden wir uns an die Behörden.

Dann gibt es für Pflegekräfte also keine Entschuldigung, bei Missständen wegzuschauen?

Sigl-Lehner: Es fällt mir schwer, das zu entschuldigen. Aber man darf natürlich nicht nur bei den Pflegekräften die Schuld dafür suchen - damit würde man es sich zu leicht machen. Ärzte, Heimleiter, Angehörige - sie alle müssen genau hinsehen. Wichtig ist die Vertrauenskultur im Heim. Ich leite selbst eine Einrichtung, auch bei uns läuft mal etwas schief. Niemand ist fehlerfrei. Letztendlich geht es aber immer darum, wie man mit Fehlern umgeht. Da ist jeder Einzelne gefragt.

Warum wird ein Heim wie das in Schliersee, das seit Jahren in der Kritik steht, nicht geschlossen?

Sigl-Lehner: Das kann ich aus der Ferne nicht beurteilen. Ich kritisiere unser Prüfsystem aber seit Jahren. Weil ich glaube, dass die bisherigen Qualitätsindikatoren nicht dazu führen, Missstände zu erkennen. Um eine Einrichtung wirklich kennenzulernen, muss man sie länger begleiten - da reicht eine angekündigte Stichprobe nicht aus.

Ist eine längere Begleitung denn umsetzbar?

Sigl-Lehner: Ob an einem Tag mehrere Prüfer kommen oder ein Prüfer mehrere Tage lang, sollte man einfach mal überdenken. So könnte man besser feststellen, was in einem Heim wirklich los ist. Für die Schließung eines Heims liegen die gesetzlichen Hürden sehr hoch - damit keine Willkür möglich ist. Das kann aber auch dazu führen, dass eine Einrichtung trotz gravierender Mängel nicht geschlossen wird. Denn eine Schließung würde die örtlichen Behörden natürlich vor neue Probleme stellen. Es gibt eben nicht genug Heimplätze in Bayern. Die Frage ist deshalb auch immer, was man in einer Einrichtung tun kann, damit Bewohner gut versorgt werden.

Interview: Katrin Woitsch

*merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Auch interessant

Kommentare