Drama auf Starnberger Polizeiwache

Erschossener Rentner (73): Wollte er sterben?

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In diesem Haus lebte Heinrich W. zurückgezogen. Wieso er am Freitag mit einem Messer los zog, ist noch unklar

Starnberg - Zwei Tage nach den tödlichen Schüssen auf einen 73-Jährigen in Starnberg sind noch viele Fragen offen. Doch es gibt auch neue Erkenntnisse.

Wieso mussten die drei Polizeibeamten auf der Wache gleichzeitig losfeuern, um den wild mit einem Messer fuchtelnden Mann in Schach zu halten? Hätte es nicht auch einen anderen Weg gegeben?

Nach tz-Informationen erschien der Starnberger Heinrich W. wortlos mit einem Küchenmesser (17 Zentimeter lange Klinge) auf der Wache und wurde zunächst in den Vorraum gelassen. Da sich auf der Wache selbst hinter der sicheren Glasscheibe zwei Bürger aufhielten, öffneten die Polizisten die Holztür, die zu einem engen Flur führt. Dort soll der Mann sofort mit dem Messer nach vorne auf die drei Beamten losgegangen sein, die dort auf ihn warteten. Und wieder sagte Heinrich W. kein Wort! Die Beamten versuchten den Mann mit Pfefferspray zu stoppen – was aber nicht gelang. Dann feuerten sie auf den Angreifer, der noch am Tatort verblutete.

Heinrich W. litt unter einer schizophren-paranoiden Störung. Schon mehrfach soll die Polizei ihn in geschlossene psychiatrische Krankenhäuser gebracht haben. Dass er sich dennoch wieder in Freiheit bewegte, könnte darauf zurückzuführen zu sein, dass man ihn aufgrund seiner Medikamentierung für ungefährlich hielt.

Psychopharmaka könnten daran schuld sein, dass ihn das Pfefferspray nicht bremste, ebenso Alkohol sowie Drogen. Heinrich W.’s Motiv ist ein Rätsel, es fand sich kein Abschiedsbrief. Ein Ermittler zur tz: „Wir prüfen auch, ob der Mann vielleicht sogar sterben wollte und die Schüsse bewusst provoziert hat.“ Zwei Oberstaatsanwälte sowie der Vizepräsident des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord machten sich am Freitag persönlich vor Ort ein Bild des Geschehens. Die Ermittlungen wurden dem Landeskriminalamt übertragen, das seit 1. März die Ermittlungen gegen Polizisten führt. Es muss geklärt werden: Handelten die Beamten in Notwehr?

Der Tote wurde noch am Freitag in der Münchner Gerichtsmedizin obduziert. Wie viele Schüsse gefallen sind, wie viele davon Heinrich W. getroffen haben, ob von vorne oder von hinten, müsste somit noch am Freitag festgestanden haben. Die Staatsanwaltschaft München II, die sich die Auskünfte vorbehält, verhängte aber eine Nachrichtensperre. Weitere Auskünfte soll es erst heute geben.

Johannes Welte

Mann auf Polizeirevier in Starnberg erschossen

Mann auf Polizeirevier in Starnberg erschossen

„Man kann nicht jede Situation trainieren“

Ein Polizist gerät in die Situation, dass er es für unvermeidlich hält, auf einen Angreifer zu schießen. War es Notwehr oder nicht? Jeder Polizeibeamte kann nahezu jederzeit in diese Situation geraten. Die tz sprach darüber mit dem stellvertretenden Landesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, Jürgen Ascherl.

Was bedeutet es für einen Polizisten, wenn er jemand erschossen hat?

Jürgen Ascherl: Es ist für jeden Kollegen eine Ausnahmesituation. Zwar werden solche Angriffe in Übungseinheiten trainiert, Doch man kann nicht jede Situation trainieren. Ein echter Angriff ist etwas ganz anderes als ein Training. Licht und Räumlichkeiten sind anders, das Adrenalin steigt auf 100 000.

Wie viel Entscheidungsspielraum hat ein Polizeibeamter im Falle eines Angriffes?

Ascherl: Der Beamte muss handeln, wenn er nicht Leben und Gesundheit riskieren will.

Sind die Polizisten nicht durch schusssichere Westen auch gegen Messerangriffe geschützt?

Ascherl: Viele Kollegen tragen ihre Schutzwesten auf der Wache nicht, außerdem sind die Westen nicht unbedingt sicher vor Messerstichen.

Kann man Angreifer nicht ausschalten, ohne ihn zu töten?

Ascherl: Die Frage ist schon, wo treffe ich ihn. Wenn er mit dem Messer herumfuchtelt und ich versuche, ihn in den Arm zu treffen, ist das Risiko zu groß, dass ich nicht treffe und er dann auf mich los geht. Die Frage ist auch der Abstand, wo ich dann treffe, ist quasi Glückssache.

Auch das Pfefferspray hat in diesem Falle nicht geholfen. Was gäbe es für Alternativen?

Ascherl: Bei Sondereinheiten sind längst elektrische Taser im Einsatz. In England hat ihn jede Streife dabei.

Was bedeutet es für die Psyche eines Beamten, wenn er einen Menschen erschossen hat?

Ascherl: Das verfolgt jeden Menschen ein Leben lang, da braucht es lange psychologische Betreuung, um damit fertig zu werden. Viele brauchen dafür sehr, sehr viel Zeit. Hinzu kommt die Belastung, dass gegen einen ermittelt wird, auch wenn man in Notwehr gehandelt hat.

Interview: J. Welte

Politikerin fordert Kameras

Die Grünen-Landtagsabgeordnete Susanna Tausendfreund ist entsetzt über das Geschehen in Starnberg: „Die Polizeiausbildung muss so gut sein, dass die Beamten in der Lage sind, einen 73-Jährigen Rentner zu entwaffnen, auch wenn er wild mit einem Messer um sich fuchtelt.“

Man solle keine Vorverurteilung der betroffenen Polizeibeamten treffen, aber: „Ich verstehe nicht, wieso Polizei und Staatsanwaltschaft in so einem gravierenden Fall nicht über das Wochenende in der Lage sind, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, wie viele Schüsse abgegeben wurden und wo der Mann getroffen wurde.“ Was die Grünen-Politiker auch nicht versteht: „Warum hat man den Angreifer nicht im Vorraum gelassen und versucht, einen Polizeipsychologen hinzuzuziehen, der die Lage vielleicht hätte entschärfen können?“ Auf jeden Fall sollte die Ausbildung der Polizeibeamten verbessert werden. „Ich habe noch die Schüsse auf Tennessee Eisenberg im Kopf, da muss offenbar noch einiges verbessert werden.“

Außerdem erwägt Tausendfreund: „Man sollte über Videoüberwachung auf den Polizeiwachen nachdenken, damit man die Vorgänge im Nachhinein besser rekonstruieren kann.“ Allerdings sollten dabei Richter die Auswertung der Aufnahmen anordnen. Tausendfreund: „Da täten wir uns auch mit der Bewertung der jüngsten Fälle von Polizeigewalt leichter."

We

 

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