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„Wir sind alle ratlos“: Fachkräftemangel lässt Bäckereien um ihre Existenz bangen

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Von: Tanja Kipke

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Übt ihren Beruf auch noch im Ruhestand aus: Barbara Pappert aus der Bäckerei Gschwendtner in Miesbach. Sie plädiert dafür, die nicht sichtbaren Aspekte wie den sozialen Austausch stärker ins Bewusstsein zu rücken.
Übt ihren Beruf auch noch im Ruhestand aus: Barbara Pappert aus der Bäckerei Gschwendtner in Miesbach. Sie plädiert dafür, die nicht sichtbaren Aspekte wie den sozialen Austausch stärker ins Bewusstsein zu rücken. © Thomas Plettenberg

Der Fach- und Arbeitskräftemangel breitet ist in vielen Branchen zu spüren. Viele Bäckereibetriebe kämpfen um ihre Existenz. Die Situation im Landkreis Miesbach im Überblick.

Landkreis – Jeden Tag spricht Barbara Pappert mit Menschen, die sonst niemanden haben, hört sich ihre Probleme, ihre Sorgen an. Pappert ist Verkäuferin in einer Bäckerei. Meistens sind es ältere Menschen, die in die Filiale der Bäckerei Gschwendtner in Miesbach kommen, sich einen Kaffee bestellen und – oft ganz beiläufig – ihre Geschichten erzählen. „Das ist ein ganz normaler, schöner Teil meines Jobs, den ich seit 20 Jahren ausübe“, sagt Pappert. „Diese Seite der Arbeit wird jedoch oft nicht gesehen.“ Eigentlich ist sie schon im Ruhestand. Die Rente fällt aber so gering aus, dass sie sich gezwungen sieht, weiterhin als Minijobberin zu arbeiten.

Die Betriebe sind auf Menschen wie Barbara Pappert angewiesen. Denn derzeit fehlen sowohl Verkäufer als auch Bäcker selbst. Die Zahl der in Bäckereien tätigen Personen ist laut der Handwerkskammer in Bayern zwischen 2011 und 2021 von 63 332 auf 59 800 gesunken, die Zahl der Bäckereien ging um rund 700 zurück. Im Landkreis ist derzen Zahl zwischen 2011 und 2021 von 28 auf 25 gesunken.

Innungsobermeister will Beruf attraktiv präsentieren

Jakob Gritscher spürt den Fachkräftemangel in seiner Bäckerei in Neuhaus, auch wenn dieser sich nach seinen Worten im Landkreis noch in Grenzen halte. Auch er musste mittlerweile die Öffnungszeiten in seiner Filiale auf halbtags reduzieren. Er tut dies vor allem, um seine Mitarbeiter zu schonen, von denen sowieso immer wieder Einzelne ausfallen. „Wir haben im Landkreis schlichtweg keine Arbeitslosen“, sagt er. „Die Jungen setzen ihre Prioritäten auf andere Dinge – vor allem, was Arbeitszeiten angeht.“ In den Landkreisen Miesbach und Bad Tölz-Wolfratshausen gibt es laut Gritscher derzeit nur zehn Bäckerlehrlinge. „Ich bin grundsätzlich optimistisch, aber ich sehe keinen Ansatz, dass wir schnell neue Kräfte anwerben“, gesteht er. „Wir sind alle ratlos.“

Laut dem neuen Innungsobermeister Florian Perkmann aus Miesbach mangelt es vor allem an erfahrenen Kräften im Alter von 30 bis 50 Jahren. Diese seien aufgrund der geburtenschwachen Jahrgänge schwer verfügbar. Gleichzeitig seien die „Jungen oft noch nicht so weit“. Es fehlt also an erfahrenen Kräften und gleichzeitig am Nachwuchs.

„Hier hat das Handwerk sehr viel versäumt“, meint Perkmann. „Besonders in Akademikerfamilien sind handwerkliche Berufe aller Art oft mit negativen Vorurteilen belastet.“ Dies gelte es von Seiten der Handwerksbetriebe, aber auch von Seiten der Schulen zu ändern. Perkmann ist der Ansicht, den Schülern müsse vermittelt werden, dass eine Ausbildung im Handwerk ebenso erfüllend und lohnend sein kann wie ein Studium. Gleichzeitig liege es an den Handwerksbetrieben selbst, ihre Branche attraktiv zu präsentieren. So müsse es Bäckern beispielsweise gelingen, junge Menschen trotz meist sehr frühem Arbeitsbeginn für diesen Beruf zu begeistern.

Beschäftigte profitieren von Tarifabschlüssen

Der Vorstand des Kommunalunternehmens Regionalentwicklung Oberland (REO), Alexander Schmid, ist der Ansicht, dass die jeweiligen Innungen ihre Alleinstellungsmerkmale hervorheben und die Betriebe auf sich aufmerksam machen sollten. Dies zu versäumen, sei ein häufiger Grund für Probleme bei der Anwerbung von neuen Mitarbeitern. Schmid verweist auf die Formate wie die Ausbildungstour, die die REO auch im kommenden Frühjahr wieder anbietet: „Hier haben junge Menschen aus allen Schularten die Möglichkeit, Ausbildungsberufe im Landkreis kennenzulernen.“

Zumindest in finanzieller Hinsicht wurde mittlerweile ein kleiner Fortschritt zur Lösung des Problems erzielt: In Verhandlungen zwischen der deutschlandweiten Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten und dem Landesinnungsverband des bayerischen Bäckereihandwerks wurden Lohnerhöhungen erzielt. So verdienen ab 2023 Vollzeitbeschäftigte 150 Euro mehr im Monat. Vollzeitkräfte im Verkauf werden 165 Euro mehr erhalten. Für die unterste Tarifgruppe wird ab Neujahr ein Mindestlohn von 13 Euro gelten. Damit will sich der Landesinnungsverband bewusst vom gesetzlichen Mindestlohn von 12 Euro absetzen.

Barbara Pappert ist der Ansicht, dass es für den Erhalt der regionalen Bäcker noch mehr Änderungen benötigt und steht der oben genannten sogar kritisch gegenüber. Sie kann sich vorstellen, dass höhere Lohnzahlungen die Arbeitgeber nur noch stärker finanziell belasten. „Die haben sowieso schon zu kämpfen mit der Konkurrenz der Discounter“, sagt sie. Pappert selbst wünscht sich, dass auch die nicht sichtbaren Aspekte ihrer Arbeit stärker ins Bewusstsein gerückt werden – „damit auch junge Menschen erkennen, dass die Arbeit in der Bäckerei eine sehr schöne sein kann“. Paulinus Bronisch und Daniel Krehl

Perkmann folgt auf Stelmaszek

Neuer Innungsobermeister

Die Bäcker-Innung Bad Tölz-Wolfratshausen-Miesbach hat einen neuen Obermeister. Nach dem beruflichen Rückzug von Konrad Stelmaszek (l.) aus Königsdorf (wir berichteten) war eine Neubesetzung des Postens erforderlich geworden. Im Binderbräu in Bad Tölz wählten die Mitglieder den bisherigen Stellvertreter Florian Perkmann (r.) aus Miesbach zum Nachfolger.

Neuer stellvertretender Obermeister ist Andreas Wiedemann aus Bad Tölz. Stelmaszek, der das Amt 14 Jahre innehatte, erhielt zum Abschied einen Geschenkkorb und den Goldenen Meisterbrief. sh

Konrad Stelmaszek (l.) mit Florian Perkmann.
Nach dem beruflichen Rückzug von Konrad Stelmaszek (l.) war eine Neubesetzung des Postens erforderlich geworden. Nun wurde Florian Perkmann (r.) zum neuen Innungsobermeister gewählt. © privat

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