Fahrlehrer verfolgt Betrunkene - vom Beifahrersitz aus

„Es ist ja interessant, was für Anweisungen die Polizei hier gegeben hat.“ Susanne Strubl, Amtsrichterin

Ebersberg - „Stoppen Sie das Fahrzeug“, soll die Polizei zu ihm gesagt haben. Daraufhin lenkte ein 31-jähriger Fahrlehrer vom Beifahrersitz aus das Fahrschulauto und hetzte der flüchtenden Unfallgegnerin nach. Die Verfolgungsjagd endete nun vor Gericht.

Sie war müde, schrecklich müde. Müde von dem langen Arbeitstag, müde von den Schulden, müde von den zermürbenden Besuchen beim Gerichtsvollzieher. Deshalb kaufte Marianne T. (alle Namen geändert) eine Flasche Rotwein und trank sie auf einmal aus. Den Umtrunk gönnte sie sich an einer Bushaltestelle am Klostersee in Ebersberg, wo sie ihr Auto geparkt hatte. Dann steuerte sie wieder los - eine Unglücksfahrt begann.

Nun stand die 44-jährige Plieningerin vor dem Ebersberger Amtsgericht. Die Vorwürfe: vorsätzliche Gefährdung des Straßenverkehrs in zwei Fällen und unerlaubtes Entfernen vom Unfallort. Die Tat geschah am 7. Dezember 2010.

Als Marianne T. aus der Bushaltestelle raus fahren wollte, prallte sie voll gegen ein Fahrschulauto, das gerade vorbei fuhr. Es knallte. Daraufhin wendete Marianne T. - und brauste in Richtung Forstinning davon, ohne mit dem Unfallgegner über den Vorfall zu sprechen.

Der Fahrlehrer Peter P., 31, rief sofort die Polizei an. Die habe ihm eine Anweisung gegeben: „Stoppen Sie das Fahrzeug!“, soll der Beamte ihm geraten haben. Darüber wunderte sich auch Richterin Susanne Strubl: „Es ist ja interessant, was für Anweisungen die Polizei hier gegeben hat“, mokierte sie sich. Peter P. befolgte die Anordnung und verfolgte den flüchtenden Pkw. Dabei saß er selbst noch auf dem Beifahrersitz, regulierte von dort aus Gas und Bremse und griff seiner Fahrschülerin, die sich am Steuer befand, in das Lenkrad.

Am Kreisverkehr kurz vor dem Ebersberger Ortsausgang hielt die Angeklagte an. Der Fahrlehrer stieg aus und stellte sie zur Rede. „Ich habe nichts Böses getan“, behauptete diese. „Sie machte einen stockbesoffenen Eindruck“, so der Mann. Die Fahrschülerin, die ebenso als Zeugin aussagte, erinnerte sich auch an eine völlig betrunken wirkende Angeklagte: „Sie winkte durch die Scheibe, lächelte und machte einen Kussmund“, erinnerte sich die 19-Jährige. Nach dem Luftkuss stieg Marianne T. wieder aufs Gaspedal und rauschte Richtung Forstinning weiter. Peter P. nahm die Verfolgungsjagd wieder auf. „Sie fuhr starke Schlangelinien und kam Öfters auf die Gegenfahrbahn“, berichtete er. Die entgegen kommenden Autos mussten ausweichen. Passiert sei glücklicherweise nichts. Sein Schaden belaufe sich auf rund 3000 Euro.

Plötzlich bog die Angeklagte in eine Waldauffahrt ein. Peter P. stellte seinen Wagen so ab, dass sie ihm nicht mehr entwischen konnte und nahm der Unfallverursacherin den Schlüssel ab. Beide Zeugen erinnerten sich an den Alkoholgeruch, der aus ihrem Auto dampfte. Das Amaturenbrett war rotweinverschmiert. Und die Angeklagte habe sich ziemlich merkwürdig verhalten: „Sie kramte einen Schutzengel heraus und sagte, wie süß der doch wäre“, erzählte die Fahrschülerin.

Als die Polizei die 44-Jährige zur Polizeistelle brachte, legte sie ständig ihren Kopf auf die Schulter einer Beamtin und heulte sich aus. 2,31 Promille flossen durch ihr Blut.

Die Angeklagte beteuerte vor Gericht einen Filmriss: „Ich erinnere mich an nichts mehr“, sagte sie. Nach dem Termin beim Gerichtsvollzieher habe sie sich verfahren und den Weg nach Markt Schwaben nicht mehr gefunden. Da sie sehr müde war, habe sie den Alkohol getrunken und erst einmal ein Nickerchen im Auto gehalten. Als sie aufwachte, wollte sie ihren Mann anrufen. „Da habe ich gemerkt, dass mein Handy-Akku leer war“, sagte sie. Deshalb sei sie selbst los gefahren.

Ein Sachverständiger stellte fest, dass bei der Angeklagten eine vollständige Aufhebung der Steuerungsfähigkeit infolge des Alkoholkonsums nicht auszuschließen ist. Deshalb verurteilte Richterin Strubl Marianne T. schließlich wegen fahrlässigen Vollrauschs. Sie bekam eine Freiheitsstrafe von sieben Monaten, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird. Außerdem wurde ihr die Fahrerlaubnis entzogen. Sie muss 1800 Euro an den Bund gegen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr zahlen. Schon zuvor hatte sich Marianne T. eine Vorstrafe eingefangen: ebenfalls wegen Trunkenheit im Verkehr.

Von Marlene Kadach

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